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Kulturmagazin freitext Für eine postrassistische Gesellschaft

Das Literaturmagazin freitext gibt es seit 10 Jahren.

03.01.2013 17:45
Astrid Kaminski

Als vor einem guten Jahr eine 73-köpfige Delegation einschließlich Kulturminister aus Namibia nach Berlin reiste, um 20?Schädel der Herero und Nama aus der Sammlung der Charité in Empfang zu nehmen, war die deutsche Öffentlichkeit, allen voran die Politik, wenig interessiert. Anders verhielt sich die Sache in Namibia. Zur Rückkehr der Delegation sollen sich 5000?Menschen versammelt haben, die Presse debattierte vielstimmig.

Wie kann es sein, dass von der deutschen Regierung im Falle des vor den Vereinten Nationen anerkannten deutschen Genozids (1904-1908) an den Herero und Nama bis heute nicht ein Wort der offiziellen Entschuldigung zu vernehmen war? Der vermutete Grund: Angst vor Reparationsforderungen. Eine ausführliche Beschäftigung mit diesem Thema einschließlich einer Presseschau in namibische Zeitungen findet sich in der 19. Ausgabe des Kultur- und Gesellschaftsmagazins freitext.

Freitext hat eine Auflage von 1000?Stück, man kann also nicht gerade sagen, dass die öffentliche Debatte damit abgedeckt wäre. Generell kann freitext für sich in Anspruch nehmen, an Themen zu operieren, die nicht unbedingt „mehrheitsgesellschafts“-konform sind. Das Magazin setzt sich seit nunmehr 10 Jahren für einen Kulturbegriff ein, der postkoloniale Theorie und (post) migrantische Erfahrungswelten – abseits von Quoten – als selbstverständlichen gesellschaftlichen Bestandteil versteht. Ein transkulturelles und nicht ein Nischenpublikum soll damit erreicht werden. Zu den Autoren, die mit Texten beitragen, gehören unter vielen anderen Marianna Salzmann (Gründungs- und Redaktionsmitglied), Giorga Doll, Olga Grjasnowa, Mely Kiyak, Max Czollek und Nesrin Tanç.

Internationales Echo

Trotz kleiner Auflage findet sich für das freitext-Anliegen inzwischen ein internationales Echo, etwa bei US-amerikanischen und türkischen Universitäten oder beim türkischen Literaturmagazin Ada, das für die zwei 2012er Ausgaben eine Kooperation eingegangen ist. Bei der Feier zum 10-jährigen Jubiläum „waren Künstler, Verleger, Wissenschaftler, Sozialforscher da, und alle waren absolut erstaunt, wie es gehen kann, dass ein Magazin ein Theater voll bekommt“, freut sich der Mitbegründer, Redakteur und Autor Deniz Utlu über das Interesse. Der deutschen Medienlandschaft bescheinigt er dagegen „immer noch eine Gleichgültigkeit gegenüber bestimmten Themen“.

Deutschland sei ein Neandertal im Bezug auf das Selbstverständnis einer multikulturellen Gesellschaft, so pointiert es freitext-Redaktionsmitglied Mutlu Ergün 2011 etwas deutlicher auf dem Migrationsportal der Böll-Stiftung.

Essay und Emotion

In zwei Rubriken hat sich das Magazin im Laufe der Jahre sortiert: Essay und Emotion. In letztere gehören künstlerische Textformen wie Dramenauszüge, Gedichte, Kurzgeschichten. Generell aber sind die Formate sehr offen und hybrid gehalten, collagenartige Einsprengsel und die für freitext typischen, handschriftlichen Randkommentare finden sich auch im essayistischen Teil. Herausragend sind die Editorials des derzeit achtköpfigen Redaktionsteams. Der erste Absatz ist jeweils eine Art Prosagedicht, das den Leser in einen Zustand versetzt wie beim Betreten des Theaters, wenn die Bühne schon aufgebaut ist.

„Wir gehen nicht mehr durch den Raum, wir gehen mit ihm auf der Zeit entlang in eine andere“, heißt es im letzten Editorial. Die Reise auf dem Zeitstrahl von Neanderthal bis ins transkulturelle Deutschland des 21. Jahrhundert ist sicher kein Katzensprung. Freitext bietet eine Art literarisches Navi, mit einem ziemlich gut austarierten Baustellenindikator.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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