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Kulturgeschichte der Uhr Der Schock

Verstörende Umbruchzeit: Den Zeitgenossen des 15. Jahrhunderts ließen die ständigen Krisen kaum Zeit zur Besinnung. Ganz erheblich machte ihnen ein neues Zeitempfinden zu schaffen.

Die Prager Rathausuhr, ein Meisterwerk spätgotischer Wissenschaft, Kunst und Technik, entstand 1410. Foto: imago stock&people

Die Zeit blieb fortan nicht mehr stehen. Und so setzte ein Leben nach der Uhr, heute so selbstverständlich wie unabänderlich, in der Zeit des späten 14. und frühen 15. Jahrhunderts ein. Nicht auf dem Land, wo weiterhin die natürliche Zeit herrschte, ein Tagesablauf nach der Natur, ein Leben im Rhythmus der Jahreszeiten. Auch das Zeitempfinden hinter Klostermauern änderte sich weiterhin kaum, ebenso wenig in den Kirchen, wo die geistliche Zeit und der christliche Kalender unangefochten ihren Gang gingen.

Unterdessen war die Zeit immer häufiger zu sehen. Denn in den spätmittelalterlichen Alltag drang mit dem Aufkommen der Uhren im öffentlichen Raum, in den eigenen vier Wänden ebenso wie unmittelbar am Leib, in den Taschen, eine neue Zeitvorstellung ein. „Wenn sich „die Neuzeit“, so formulierte es vor einem Vierteljahrhundert der Mittelalterhistoriker Arno Borst, „irgendwo ankündigte, dann hier“ – und damit meinte er den Zeitraum des Spätmittelalters, in der die Verweltlichung der Zeit in den Städten sichtbar und hörbar wurde.

Jahrhundert der Unruhe

Der 1. Januar 1400 war – ja was für ein Wochentag? Unterschiedliche Kalender seit Jahrhunderten, unterschiedliche Aussagen seitdem. Mit dem Datum begann ein neues Jahrhundert, das hier und da womöglich vom Turm herab eingeläutet wurde, denn die Möglichkeiten dazu waren mittlerweile da. Es sollte ein Jahrhundert der Unruhe werden, der Ungewissheiten, der Krisen und Katastrophen, der Konkurrenz um die Vorherrschaft zwischen Frankreich und England in einem grauenvollen Konflikt, der sich als Hundertjähriger Krieg von 1337 bis 1453 hinzog.

Es war ein Jahrhundert der Krise der Kirche, der Konfrontation der Kulturen und des Zusammenpralls der Religionen – wobei die erste Nachricht der nachhaltigsten Niederlage des christlichen Abendlandes gegen die Mohammedaner, die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen am 29. Mai 1453, genau einen Monat brauchte, um in Venedig einzutreffen, 1400 Kilometer Luftlinie entfernt. Im Juli verbreitete sich die Schreckensnachricht in Österreich.

Die Berichte, so konnte man es 1963 bei Arno Borst ebenso wie 1983 bei Otto Borst lesen, gingen um in „Windeseile“. „Windeseile“ – gemessen an den Möglichkeiten zu Mittelalterzeiten, in denen das Pferd das Maß aller Dinge bei der Überwindung von Distanzen war, mit dem sich eine Tagesleistung von 25 auf 60 Kilometer steigern ließ, war das eine Metapher. War Wunschvorstellung, poetisches Bild. Jedoch realiter war es eine Energieleistung für Reiter und Pferd, die sich bis ins 19. Jahrhundert, bis zum Auftritt der Eisenbahn nicht wesentlich ändern sollte.

Doch unabhängig von der Entwicklung der Reisegeschwindigkeit, von einer kaum bemerkenswerten Beschleunigung der Nachrichtenübermittlung, abgesehen auch von Unbeständigkeit und Verunsicherung, quälender Ungewissheit und lähmenden Ängsten, die ein von heute aus gesehen läppisch träges System der Katastrophenmeldungen auslösten – die Unruhe kam in besonderer Weise durch ein Leben nach der Uhr in die Welt. Ihre Erfindung, die auch eine Wiederentdeckung antiker Leistungen war, griff in das spätmittelalterliche Alltagsgeschehen fundamental ein. Was da geschah, war für den Mittelaltermenschen ein „Schock“, so hat es Rudolf Wendorff in seinem immer noch phänomenalen Buch „Zeit und Kultur“ ausgedrückt.

Kaum vorstellbar, was dieser Schock bedeutete, wenn man sich vor Augen führt, dass die Rathausuhr, an der neue, einflussreiche Bürger ein Interesse zeigten, mit dem biblischen Verständnis der Zeit brach. Was für eine Beunruhigung der bisherigen Zeiterfahrung, die sich bisher im Einklang mit der Natur wusste. Was für eine Entfremdung von einem sakralen Zeitempfinden, im Einklang mit dem göttlichen Heilsplan.

Den Gang dieser Entwicklung kann man sich nicht dramatisch genug vorstellen. Gemessen an der Entwicklung eines neuen Zeitempfindens um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert ist der Prozess, in der das globale Dorf in den letzten rund 25 Jahren an ein weltweites Leben in Echtzeit gewöhnt wurde, wohl ein Klacks.

Die spätmittelalterliche Wiedererfindung der Möglichkeiten der Zeitmessung nach antikem Vorbild geschah im sowohl großen als auch im kleinen, handlichen Maßstab. Stundenmessung und Tageseinteilung geschah zunehmend durch Taschenuhren und Turmuhren. Im Umlauf waren Taschensonnenuhren, die, naturgemäß abhängig von klaren Lichtverhältnissen, nicht sonderlich zuverlässig waren. Die Wasseruhr wurde ebenfalls wiederentdeckt, ebenso war die Sanduhr im Gebrauch, die man allerdings nicht aus dem Auge lassen durfte. Denn ob nun eingerichtet auf eine Zeitspanne von 15 Minuten oder einer Stunde musste sie in Abständen umgedreht werden, die keine unregelmäßigen Intervalle sein durften. In der Ära der Sanduhren, zumal auf Schiffen, verhängte die Zeit ein Diktat der Aufmerksamkeit.

Der Aufwand im Umgang mit der Zeit war also beträchtlich, seitdem die Sanduhr in Europa aufgetaucht war im 14. Jahrhundert, ja, erst so spät, wobei ihre Herkunft ist bis heute ein Rätsel geblieben ist. Ihren Nutzern verschaffte sie eine neue Zeiterfahrung und eine neue Zeitvorstellung im Alltag, im privaten wie im gesellschaftlichen Umgang, angestoßen und in Gang gehalten von dem scholastischen Bedürfnis nach Systematisierung der Zeit, einem überhaupt kirchlichen Bedürfnis nach Zeiteinteilung.

Die christliche Zeitauffassung hatte die historische Zeit in zwei Zeiträume geschieden, in einen vor Christi Geburt und einen nach der Geburt des Menschensohns. Dessen offenbar historischer als auch heilsgeschichtlich relevanter Auftritt markierte die große Zäsur, wobei die historische Zeit mit dem Sündenfall einsetzte, als Ereignis und Anbeginn der irdischen Zeit, die in der sakralen Zeit aufging.

Entscheidend für das christliche Zeitverständnis war der von Augustinus im 5. Jahrhundert formulierte Zeitbegriff. Im XI. Buch der „Bekenntnisse“ verwarf der Kirchenvater die zyklische Zeitvorstellung, wie sie während der Antike gegolten hatte, zugunsten einer gerichteten Zeit. Die Ereignisse wiederholten sich nicht, die Zeitalter kehrten nicht wieder, bis hin zu dem Gedanken, dass die Ewigkeit jenseits der historischen Zeit existiere, als Attribut Gottes außerhalb der irdischen Zeit, die ebenfalls sein Eigentum war. Die Ewigkeit, so musste es sich der Christenmensch vorstellen, war der Zeit vorgängig und nachgängig. Sie war als sakrale Zeit so jenseitig wie real.

Auch mit dem Zeitverständnis des Hl. Augustinus kam ein hochkomplexes Konstrukt in die Welt. Die theologische Begründung der Zeit beließ es nicht nur bei theoretischen Spekulationen. Und so sehr das mittelalterliche Alltagsleben, auch das spätmittelalterliche des 15. Jahrhunderts, nicht nur vom Rhythmus der Natur, sondern obendrein vom Lebensrhythmus der Kirche bestimmt wurde, so war dieser Rhythmus zunehmend auch getaktet, durch Sonnen-, Wasseruhren, auch Kerzenuhren, durch mobile Instrumente, die als Taschenuhren zur Hand waren, oder aber durch fest stehende Institutionen wie die Turmuhren, die seit dem 14. Jahrhundert die Uhrzeit nicht nur angezeigt, sondern die jeweils neue Stunde eingeläutet hatten.

Ein neues Zeitbewusstsein

Um 1350 entstand die älteste (erhaltene) Turmwächteruhr in Deutschland, nachdem Ende des 13., zu Beginn des 14. Jahrhunderts die ersten mechanischen Räderuhren entwickelt worden waren. Konstruiert in Padua drehte sich das Zifferblatt gegen unseren heutigen Uhrzeigersinn drehte (so viel zu Konventionen!). Die Räderuhr setzte rasch ihren Lebenslauf als Türmeruhr fort, so um 1350 in Würzburg oder an St. Sebald in Nürnberg während der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. 1410 wurde das Wunderwerk an Rathaus von Prag in Gang gesetzt (in einer Hochburg nicht zuletzt der Studentenunruhen).

Mit dem Glockenschlag zog in den öffentlichen Raum (anstelle einer vagen Zeitvorstellung) ein neues Zeitbewusstsein ein, und so sehr damit vom Kirchturm herab die irdische Zeit über die ganze Stadt hinweg einen kanonischen Zeitplan erhielt – mit ihm eingeläutet wurde auch eine neue Ära des kommerziellen Lebens. Wirtschaftsleben und Handel kalibrierten eine neue Zeit, ein verändertes Arbeitszeitverhalten, für das die Uhren den Takt vorgaben.

Die Stadtuhr, als Schlaguhr auch hörbar, war im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts zu einem monumentalen Prestigeobjekt geworden, etwa in Augsburg 1364, in Köln 1385, besonders prächtig seit 1372 in Straßburg. Es waren in die Stadtmauern Wunder eingezogen, die aufschauen und aufhorchen ließen. Oder würde unter den Schlägen der Glocken womöglich der Kopf eingezogen?

Der Spätmittelaltermensch, ohne dass er sich bewusst gewesen wäre, dass er auf der Schwelle einer neuen Zeit stand, wurde nicht nur der Zeit inne, sondern zunehmend der Stunde, der Minute. Am Tag des 17. Juni 1433 konnte ein Chronist in Nürnberg festhalten, dass die große Sonnenfinsternis um sechs Minuten nach 12 Uhr einsetzte. Sieben Minuten währte die große Totalität, in deren beunruhigendem Verlauf die Lichter angezündet wurden. Sollten die Astronomen Recht behalten – oder war die totale Finsternis der Anbeginn der Apokalypse?

Mit dem neuen Zeitbewusstsein einher ging der Aufstieg eines so ungemein filigranen Handwerks wie der Uhrmacherkunst. Zugleich schlug sich das neue Bewusstsein nieder in der Buchmalerei, an Kirchenwänden, in Monatsbildern, in Kalendarien. Als „Formular der Zeitordnung“, so einer der großen Philosophen der Zeit, Hans Blumenberg, war die Verbesserung und Vereinheitlichung des Kalenders der Kirche ein besonderes Anliegen, und so standen Kalenderreformen nicht von ungefähr auf der Agenda der berühmten Konzile, 1414 - 1418 in Konstanz, auch 1436 in Basel, allerdings vergebens, zeigte sich doch die Astronomie weiterhin außerstande, verlässliche Daten zu liefern, so dass „gewissenhafte Kirchenväter es vorzogen, das Reformprojekt zu vertagen“ (Arno Borst).

Das mittelalterliche Denken, die scholastische Philosophie hatte dem Intellekt ein neues Zeitempfinden zugeschrieben, anstelle einer vagen Vorstellung von Zeit ein zunehmendes Bewusstsein von Zeit. Damit einher ging ein verändertes Zukunftsbewusstsein, mit der Neubewertung der historischen Vergangenheit und Gegenwart eine gerichtete Zeitvorstellung, ein Bewusstsein, das nicht in der Gegenwart verharrte, vielmehr auf die Zukunft ausgerichtet war, fest mit ihr plante. Das neue Zeitbewusstsein war von einer neuen Perspektive geprägt, die eine bisher nicht bekannte Zielstrebigkeit in die Welt setzte, einen nicht mehr zu stillenden Fortschrittsdrang. In der Stunde, in der die Räderuhr in Bewegung gesetzt wurde, wurde die moderne Unruhe aufgezogen.

„Spektrum sozialer Rhythmen“

Dass in der Gesellschaft des Spätmittelalters alles andere als eine einheitliches, ein monolithisches Zeitverständnis vorherrschte – auch darauf hat die Zeitforschung hingewiesen. So unterschiedlich die Zeitwahrnehmung, auf dem Land, in der Stadt, hinter Klostermauern: Mit den Veränderungen des 15. Jahrhunderts setzte sich ein neues „Spektrum sozialer Rhythmen“ durch, wie Aaron J. Gurjewitsch es in seinem Standardwerk „Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen“ formuliert hat.

Die Zeit, bisher Attribut und Eigentum Gottes, wurde privatisiert. Die Zeit, der Christenheit bisher ein Wert, über den sich nicht verfügen ließ, wurde zur „Quelle materieller Werte“ (Gurjewitsch), sie entwickelte sich „zum Maß der Arbeit“. Der „Schlag der Rathausuhr regelte das Leben der sich säkularisierenden Bürger“, angefangen mit den Kaufleuten, für die Zeit Geld war, und den Handwerker, der seine Werkstatt zu festen Zeiten betrieb. So ungenau die Stadtuhren auch waren – sie waren eine „wahrhafte Revolution auf der Gebiet der sozialen Zeit“ (Gurjewitsch).

Das 15. Jahrhundert, auch in dieser Hinsicht eine verstörende Umbruchszeit, brachte Anzeichen einer ersten Emanzipation der sozialen Zeit von einer bisher kirchlichen Vormachtstellung mit sich. Mit der Uhr am Rathausturm zog in die Städte ein neuer Zeittakt ein, ein bürgerlicher Zyklus. Wobei die Weiterentwicklung auf einem wunderlichen Mechanismus beruhte. Denn kein Fortschritt in den Gehäusen der Uhren ohne die „Hemmung“.

Hemmung! Wer sie ersann, darf als Erfinder der Uhr gelten. Gleichzeitig zog er ein modernes Zeitbewusstsein auf, das seitdem nicht mehr stehengeblieben ist. Die mittelalterliche Räderuhr mit Gewicht und Hemmung, bei der eine Energie eingebremst wurde, um als Kraft wieder frei gegeben zu werden, war eine ungeheuere Erfindung. Mit ihrer „Art Verzögerung“, so Rudolf Wendorff in seiner Kulturgeschichte der Zeit, bedeutete ausgerechnet der Zeitmesser die „künstliche Manipulation einer Naturkraft“. In dem Instrument eingekapselt war ein Fortschritt, der auf einem Doppelprinzip beruhte, ausgerechnet auf einer gegenläufigen Bewegung, das heißt: „Die Bewegung des Kronrades des Uhrwerks ist grobbildlich durch ein alternierendes Vorwärts und Rückwärts zu beschreiben: etwa drei Schritte vorwärts, ein Schritt zurück, drei Schritte vorwärts usw.“ (Wendorff).

Das Endmittelalter wurde zu einer Gründerzeit der neuzeitlichen Unruhe, mit allen Folgen an Verwirrung und Verunsicherung. Wie auch immer die Gesamtheit der mittelalterlichen Gesellschaft die Neuformierung der Zeit wahrnahm – die Vorstellung darüber blieb vage. Kein Gedanke an einen Zeitenwechsel, aber wie auch. Und doch, die Zeit selbst war dem Mittelaltermenschen alles andere als gleichgültig, denn dazu war er als Christenmensch viel zu sehr im Sinne eines behutsamen, ausgesprochen demütigen Umgangs mit der Zeit erzogen worden. So ging dem Mittelaltermenschen wohl auf, was da mit ihm neuerdings vorging. Eine Quelle betont dies. Leon Battista Alberti (1404 - 1472, als Baumeister, Künstler und Theoretiker eine der geistigen Großmächte der Frührenaissance, sprach von den „drei Dingen“, die der „Mensch sein eigen nennen kann“, nämlich seinem Körper und seiner Seele. „Und das Dritte – was wird es sein? … Die Zeit, … liebe Kinder!... Wie sehr aber die Zeit zum Wohle des Körpers und zum Glück der Seele notwendig ist, könnt ihr selbst ermessen, und so werdet ihr finden, dass die Zeit bei weitem das Kostbarste ist“.

Die Zeit, als Attribut Gottes, ging in das Privateigentum des Menschen über. Ohne dass dabei Blut geflossen wäre, dürfte es sich um eine der größten Revolutionen in der Menschheitsgeschichte gehandelt haben, eine mit grundstürzenden Folgen für Alltag, Gegenwart – und Zukunft.

Die Zeit blieb nicht stehen. Der Gedanke, der banal erscheint, ging dem Mittelaltermenschen erst auf. Der Mensch, so Gurjewitsch, „stieß zum ersten Mal auf die Tatsache, dass die Zeit, deren Lauf er erst dann bemerkte, als irgendwelche Ereignisse sich zutrugen, auch beim Fehlen der Ereignisse nicht stehenblieb.“

Sie tat es nicht lokal – und mit Blick auf den Horizont, hinter dem fremde Welten aufgingen, auch nicht global.

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