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Künstliche Intelligenz Die Wiederauferstehung des Maschinen-Menschen

Ein Gespräch mit Nathalie Weidenfeld und Julian Nida-Rümelin über Gefahren der künstlichen Intelligenz und einen digitalen Humanismus.

Selfie mit "Pepper"
In den Maschinenwesen, sagt Nathalie Weidenfeld, „wird uns ein Spiegelbild vorgehalten.“ Foto: rtr

Frau Weidenfeld, Sie und Ihr Mann Julian Nida-Rümelin haben soeben das Buch „Digitaler Humanismus“ vorgelegt. Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) beflügelt die Phantasie der Menschen enorm. In dem Kinofilm „Ex Machina“ scheint der Roboter Ava emotionale Gefühle zu haben, der Mensch Caleb verliebt sich schließlich in die Maschine. Woher stammt die Idee einer solchen Verbindung kulturgeschichtlich?
Nathalie Weidenfeld: Es handelt sich um ein Phantasma, einen Mythos, der seit Anbeginn der westlichen Kulturgeschichte vorhanden ist. Zu nennen wäre hier Pygmalion, der Mythos von Ovid, in dem sich ein Bildhauer in eine von ihm selbst geschaffene Statue verliebt, die mit Hilfe von Venus zum Leben erweckt wird und eine Seele gewinnt. Im Mittelalter findet sich die Vorstellung des Golem, eines seelenlosen Wesens, das auf die heutige Roboter-Vorstellung vorausweist. E.T.A. Hoffmann wartet in der Romantik mit der Vorstellung auf, dass ein Mann eine perfekte Frau erschafft. Diese Phantasmen treten erneut verstärkt in den fünfziger Jahren und siebziger Jahren auf – und jetzt wieder.

Was bedeuten diese Bilder? 
Weidenfeld: Es ist ein Spiegelbild, das uns immer wieder vorgehalten wird. Diese Maschinenwesen sind fast wie Menschen, aber doch nicht ganz Menschen. Das ist die Frage, über die in diesen Erzählungen nachgedacht wird. Nicht die Frage, was ist der Roboter, sondern was sind wir? Was macht uns als Menschen aus? Was bedeutet es, menschlich zu sein?

Dennoch wird Robotern ein menschliches Sein zugesprochen, gerade wenn man sie mit großen Augen und Mund konzipiert. Sie nennen das modernen Animismus.
Weidenfeld: Einem unbelebten Wesen wie etwa einer Puppe oder auch einem Baum eine Seele, einen Geist und Gefühle zuzusprechen, beschreibt Freud als Teil einer animistischen Weltvorstellung, die es nach seiner Meinung nur bei primitiven Völkern oder Kindern gibt. Der KI-Diskurs, bei dem Roboter als Quasi-Menschen imaginiert werden, ist Teil einer solchen Weltvorstellung und bedient damit eine absolut regressive Fantasie.

Ist das nicht schon Teil der Wirklichkeit, wenn wir zum Beispiel an Alexa, die Stimme von Amazon, denken?
Weidenfeld:Ich denke, niemand glaubt, dass Alexa eine reale Frau ist. Alles andere sind bislang Phantasien. In der Industrie geht man bereits davon ab, Roboter menschenähnlich zu gestalten, da sie im Freud’schen Sinne als unheimlich wahrgenommen werden.

Herr Nida-Rümelin, der Philosoph Julien Offray de La Mettrie verfasste im 18. Jahrhundert das Buch „L’Homme Machine“. Der Mensch sei nichts anderes als eine Maschine, heißt es darin. Wo liegt der Unterschied zwischen Mensch und Maschine aus heutiger Sicht?
Julian Nida-Rümelin:
Die alte antihumanistische Version, der Mensch sei eigentlich auch nur eine Maschine, erlebt gegenwärtig eine Wiederauferstehung, nachdem sie lange Zeit beerdigt war. Die technologischen Möglichkeiten sind heute durch die Digitalisierung viel komplexer als je zuvor. Deswegen kann dieser alte Irrtum in neuer Form aufgedeckt werden.

Die Softwaresysteme entwickeln sich ja rasant.
Nida-Rümelin: Ja, und doch ist es sehr schwer, dazu Prognosen zu treffen. Alle haben sich seit Beginn der Digitalisierung als falsch erwiesen: das digitale, papierlose Büro, dass wir durch Skype keine Meetings mehr brauchen, alle Menschen zu Hause arbeiten können ... Das Potenzial ist riesig, dennoch ist die Produktivitätsentwicklung im Zeitalter der Digitalisierung sehr gering, vor allem in den USA. Deshalb braucht man keine apokalyptischen Visionen zu entwickeln.

In der Tat gibt es eine große Sorge vor der Umgestaltung der Arbeitswelt. Was halten Sie von der Idee eines Grundeinkommens?
Nida-Rümelin: Solange sich die Produktivitätszuwächse in der Größenordnung des realen Wirtschaftswachstums bewegen, ist per Saldo kein Arbeitsplatzverlust zu befürchten. Insofern sind dann alle Überlegungen in Bezug auf ein Grundeinkommen vom Tisch. Aber digitale Kompetenz wird wichtig werden. Viele der jetzigen Tätigkeiten werden durch die Digitalisierung ersetzt, man braucht keine Menschen mehr hierfür. Diese müssen lernen, mit den digitalen Technologien umzugehen, gerade dort, wo es Wachstumsbereiche gibt, wie etwa zurzeit in der Spiele-Industrie. Aber auch in den Firmen wird das nötig sein, genauso wie in den nicht-akademischen Arbeitsbereichen. Das, was immer beschworen wird, lebenslanges Lernen, wird immer wichtiger werden.

Der Astrophysiker Stephen Hawking sprach kurz vor seinem Tod eine Warnung an die Menschheit vor KI aus, was halten Sie davon?
Nida-Rümelin:
Er prophezeite, dass Maschinen böswillig werden. Aber sie sind weder gut noch böswillig. Softwaresysteme sind Apparaturen, die sich mit den Mitteln der Physik erklären lassen und nicht mehr. Wir müssen von der Ideologie Abschied nehmen, die auch ein bisschen mit dem Silicon Valley zusammenhängt, nämlich von der Mystifizierung, die die Softwaresysteme beseelt und mit menschlichen Eigenschaften ausstattet.

Hat der Mensch überhaupt die Möglichkeit, die Entwicklungen der KI zu steuern? Und wenn ja, wie?
Nida-Rümelin:
Das ist eine der wesentlichen Botschaften des digitalen Humanismus, den wir vertreten, dass es der Mensch ist, der hier Verantwortung trägt. Es sind ja wir, die das entwickeln. Es sind immer Menschen, die die Bewertungsfunktionen eingeben. Maschinen haben keine Absichten, weder gute noch böse. Wir müssen uns also keine Gedanken machen über Akteure, die sich gegen uns wenden, sondern darüber, wie wir diese technischen Möglichkeiten sinnvoll einsetzen können.

Wie gefährlich oder nützlich sind Utopien in Bezug auf KI?
Nida-Rümelin:
Der von uns vertretene digitale Humanismus versucht, den Umschlag in Utopismus zu blockieren. Er besagt: Was die conditio humana im Kern ausmacht, ist nicht das Ergebnis technischer Veränderungen, auch nicht ökonomischer Prozesse. Im Gegenteil: Die menschliche Spezies ist ziemlich unveränderlich. Sie hat bestimmte Eigenschaften – zum Beispiel ist sie auf soziale Verbindungen angewiesen, sie muss eine Balance herstellen zwischen Individualität, Selbstbestimmung und Zusammengehörigkeit. Gleiche Anerkennung, gleicher Respekt, gleiche Würde ist zentral für ein gutes Leben. Das gilt in der griechischen Polis vor 2500 Jahren genauso wie heute. Der Humanismus läuft immer Gefahr, umzuschlagen in Utopismus. Das droht, wenn die Menschen sagen: Wir vervierfachen unsere Intelligenz, leben ein paar Jahrhunderte. Das sind die überschäumenden Utopien, die viele Ängste heraufbeschwören. Jede das Gleichgewicht störende Technologie ist mit dieser Art von hysterischer Reaktion – euphorisch oder apokalyptisch – einhergegangen. 

Interview: Michael Hesse

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