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Kriegseintritt der USA „Er führte keinen Kreuzzug für die Demokratie“

6. April 1917: Historiker Manfred Berg über den Eintritt der USA in den Weltkrieg und den Versuch der neuen Supermacht, ihre Vision einer globalen Ordnung durchzusetzen.

U.S. President Woodrow Wilson and French President Raymond Poincare
Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (l.) und sein französischer Amtskollege Raymond Poincaré in Paris (auf einem undatierten Foto). Foto: rtr

Professor Berg, was hat die USA bewogen, in den Ersten Weltkrieg einzutreten? Waren es ökonomische Gründe, machtpolitische Überlegungen oder der Wunsch, demokratische Staaten zu schützen?
Es trifft zu, dass die ökonomischen und politischen Interessen die USA an die Alliierten banden und dass Präsident Wilson und die Mehrheit der US-Bevölkerung mit der Entente sympathisierten. Daraus ergab sich jedoch kein Automatismus zum Krieg. Zwischen 1914 und 1917 strebte Wilson die Rolle des Schiedsrichters, nicht die des Kriegsherrn an. Auch die große Mehrheit der Amerikaner wünschte, dass ihr Land neutral bliebe. Es waren die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Bootkrieges durch das Deutsche Reich und die Versenkung amerikanischer Handelsschiffe im Februar und März 1917, die Wilson keine Wahl mehr ließen. Der U-Bootkrieg war eine grandiose Fehlkalkulation der deutschen Führung, die glaubte, den Krieg gewinnen zu können, bevor Amerika entscheidend eingreifen konnte.

Woodrow Wilson steht für den liberalen Internationalismus. Kann man in ihm den Begründer der amerikanischen Politik des 20. Jahrhunderts sehen, die besonders demokratischen Staaten zur Hilfe eilt?

Tatsächlich haben sich die Befürworter der weltpolitischen Führungsrolle der USA als Vormacht der liberalen Demokratie immer wieder auf Wilson berufen. Das ist insofern auch folgerichtig, als Wilson die Rhetorik und Ideologie des liberalen Internationalismus lieferte, vor allem mit seiner berühmten Forderung vom April 1917, die Welt müsse sicher für die Demokratie gemacht werden. Seine konkrete Politik sah jedoch anders aus. Die Demokratisierung Deutschlands ab Oktober/November 1918 unterstützte er nicht einmal halbherzig. Auch die Intervention in den russischen Bürgerkrieg diente nicht dem Ziel, die demokratischen Kräfte in Russland zu unterstützen. Entgegen seiner Rhetorik führte er keinen Kreuzzug für die Demokratie.

Er hat eine neue Weltordnung skizziert, das sogenannte Gleichgewicht der Mächte aber kritisiert. Hat er mit seiner Politik das fragile europäische System zerstört und somit dem Zweiten Weltkrieg den Weg geebnet?
Dies ist ein oft geäußerter Vorwurf. Richtig ist, dass Wilsons grandiose Vision einer globalen, durch den Völkerbund garantierten Friedensordnung scheiterte. Das alte europäische System war jedoch bereits durch den Ersten Weltkrieg zerstört worden. Trotzdem gab es vielversprechende Ansätze zu einer neuen europäischen Friedensordnung unter Gustav Stresemann in Deutschland und Aristide Briand in Frankreich in den zwanziger Jahren. Nicht Wilson ist für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich, sondern Nazideutschland! Es war Deutschland, das sich nicht mit der Niederlage und dem Versailler Vertrag abfinden konnte.

Welche Rolle spielte Wilson beim Vertrag von Versailles?
Wilson war die überragende Figur der Pariser Friedenskonferenz, aber natürlich konnte er sein Friedensprogramm, das auf kollektiver Sicherheit und dem Selbstbestimmungsrecht der Völker beruhte, nicht in vollem Umfang durchsetzen. Kompromisse waren unumgänglich, nur wollte Wilson diese nicht öffentlich einräumen. Viele Deutsche fühlten sich 1919 von Wilson verraten, übersahen dabei aber, dass der US-Präsident Schlimmeres verhindert hatte, etwa die Annexion des Saarlandes und die Abtrennung der linksrheinischen Gebiete vom Reich. In Deutschland wird oft vergessen, dass auch Frankreich und zum Teil auch Großbritannien mit dem Versailler Vertrag sehr unzufrieden waren. Zudem war der Versailler Vertrag keineswegs so ungerecht und unerfüllbar, wie die Deutschen sich und die Welt Glauben machen wollten.

Er hat einen Völkerbund installieren wollen, eine Idee, die er innenpolitisch nicht durchsetzen konnte – warum eigentlich nicht?
Schon der Eintritt in den Weltkrieg bedeutete einen historischen Bruch mit der langen, auf das späte 18. Jahrhundert zurückgehenden Tradition der Bündnisfreiheit und Neutralität in den Kriegen Europas. Wilsons Kritiker fürchteten, dass der Völkerbund die USA in alle Kriege der Welt hineinziehen werde und dass Amerika seine Souveränität und Handlungsfreiheit verlieren könnte. Es wäre aber durchaus ein Kompromiss möglich gewesen, doch bestand Wilson auf der Ratifizierung des Völkerbundes ohne jeden Vorbehalt. Die republikanische Opposition, die seit 1918 die Mehrheit im Kongress hatte, wollte klärende Zusätze, etwa dass der US-Senat dem Einsatz amerikanischer Truppen bei militärischen Aktionen des Völkerbundes zustimmen musste. Am Ende scheiterte der Völkerbund im Senat an einer unechten Mehrheit aus loyalen Wilson-Anhängern und unversöhnlichen Gegnern des Völkerbundes. Wilsons Sturheit spielte dabei eine entscheidende Rolle.

Wie stark ähnelt die Idee des Völkerbundes den heutigen Vereinten Nationen?
Grundsätzlich beruhten beide auf demselben Prinzip, nämlich der Idee, dass die internationale Gemeinschaft den Weltfrieden sichern soll. Es war aber kein Zufall, dass 1945 eine neue Organisation gegründet wurde, denn der Völkerbund galt als gescheitert. Die UNO war zudem stärker realpolitisch angelegt, insofern der UN-Sicherheitsrat die weltpolitischen Machtverhältnisse nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges spiegeln sollte. Bekanntlich hat auch die UNO die Hoffnungen auf den Weltfrieden nicht erfüllt. Wenn wir jedoch realistische Maßstäbe an Völkerbund und UNO anlegen, sehen beide vielleicht gar nicht so schlecht aus. Der Völkerbund etwa etablierte erstmals internationale Standards für den Arbeitsschutz, die UNO leistet zahlreiche humanitäre Einsätze.

Die Neuordnung der Welt sollte unter amerikanischer Hegemonie hergestellt werden. Waren die Amerikaner bereits nach dem Ersten Weltkrieg die führende Macht der Welt?
Wirtschaftlich und finanziell trifft diese Einschätzung völlig zu. Ab 1922 waren die USA neben Großbritannien auch die führende Seemacht. Nur waren die Amerikaner in den zwanziger und vor allem in den dreißiger Jahren nicht bereit, ihrer weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Rolle gerecht zu werden. Das ist der große Unterschied zu den Jahrzehnten nach 1945, als die USA wirtschaftlich und sicherheitspolitisch zur Weltmacht wurden.

Ist der Kriegseintritt das Datum, an dem die USA zur Weltmacht wurden, oder war es bereits der spanisch-amerikanische Krieg?
Der spanisch-amerikanische Krieg von 1898 war der „glänzende kleine Krieg“, den Amerika schnell und ohne Probleme gegen eine zweitrangige europäische Macht gewann. Der Erste Weltkrieg war militärisch, ökonomisch und politisch von völlig anderer Dimension. Aus meiner Sicht ist 1917 das wichtigere Datum.

Die Macht der USA ist fortan groß. Wie wichtig war der Kriegseintritt von 1917 rückblickend? Wem nutzte die Neuordnung der Welt? Vor allem den USA?
Der Kriegseintritt der USA entschied den Ersten Weltkrieg zugunsten der Alliierten. Ohne US-Kredite, Materiallieferungen und, ab 1918, zwei Millionen US-Soldaten wäre der Krieg für die Westmächte schwerlich zu gewinnen gewesen. Die Neuordnung der Welt, die Wilson anstrebte, scheiterte jedoch. Sowohl Sieger wie Besiegte waren mit der Nachkriegsordnung unzufrieden. Vor allem profitierten die faschistischen Bewegungen in Italien und Deutschland von dieser Unzufriedenheit und der Instabilität der Versailler Ordnung.

Wenn wir auf die USA von 1917 schauen, welche Parallelen lassen sich zur heutigen Situation des Landes ziehen?
Donald Trump steht für einen neoisolationistischen und protektionistischen Nationalismus, wie ihn Wilsons radikale Kritiker vertraten. Die Zwischenkriegszeit ist ein warnendes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn die stärkste Wirtschafts- und Militärmacht der Erde ihrer weltpolitischen Verantwortung nicht gerecht wird.

Interview: Michael Hesse

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