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Krieg in Bosnien Die Toten, die es nicht gab

Wie ein niederländischer Forscher eine bosnische Blutfehde erfand - und damit durchkam. Von Norbert Nappes-Niediek

CATHOLIC PLIGRIMS PRAY AT PODBRDO HILL NEAR MEDJUGORJE BOSNIA.
Hier soll 1981 Maria erschienen sein, und Mart Bax will von 140 Toten wissen - aber nur er. Foto: rtr

Am frühen Morgen des 27. Mai 1992 machte Ljerka Sivric im Hof ihres Onkels Djure eine schreckliche Entdeckung: drei Leichen, mit den Füßen an ein Rohr gebunden, Hände hinter dem Rücken, mit dem Kopf nach unten bis zu den Schultern in dem zum Teil zerstörten Brunnen hängend.

Die Gräueltat war einer der schrecklichen Höhepunkte in einer Fehde, die mindestens 140 von 3000 Dorfbewohnern das Leben kostete und weitere 600 in die Flucht schlug. Zwei Clans bekämpften einander aufs Blut. Schauplatz des Geschehens war ausgerechnet der von der Gottesmutter begnadete Wallfahrtsort Medjugorje, sonst Ziel Hunderttausender Pilger aus aller Welt, damals wegen des Krieges in Bosnien aber geschlossen.

Die Geschichte vom "kleinen Krieg in der Herzegowina" ist Balkan-Historikern gut vertraut. Sie erschien, packend erzählt, als Kapitel in einem Buch des Amsterdamer Professors für politische Anthropologie, Mart Bax, auf Englisch unter dem Titel "Medjugorje: Religion, Politics, and Violence in Rural Bosnia".

Mart Bax war ein angesehener Wissenschaftler, der sich vor allem mit Marien-Wallfahrtsorten beschäftigt hatte. Das Buch beruhe auf "über zehn Jahren Feldforschung in der Region", so der Verlag der Freien Universität Amsterdam im Klappentext.

Im letzten Kriegsjahr 1995, als Bax' Buch erschien, hatte die europäische Öffentlichkeit es aufgegeben, sich mit einer der bosnischen Kriegsparteien zu identifizieren und die andere anzuklagen. Spätestens seit in Bosnien Kroaten gegen Muslime kämpften, suchten Beobachter die Gründe für das Geschehen nicht mehr in aktuellen politischen Entwicklungen. Es ging nicht mehr um Jugoslawien, sondern um den ewigen Balkan.

Gleichzeitig wurde auch in Kroatien das Engagement der eigenen Armee im Nachbarland immer unpopulärer. Verantwortlich gemacht wurden "die Herzegowiner", die katholisch-kroatischen Bewohner des kargen Hinterlands der Adriaküste, die im mitteleuropäischen Zagreb von jeher als primitiv und extremistisch verschrien waren.

Das schmale, gut geschriebene Buch des Niederländers brachte einen völkerkundlichen Ton in die Analyse des bosnischen Krieges. Es wurde viel zitiert und noch mehr als "Geheimtipp" und regionalhistorischer Appetithappen herumgereicht. Im Jahr 2000 legte Bax noch einmal nach und veröffentlichte einen Aufsatz in der angesehenen Anthropologie-Zeitschrift Ethnos.

Sichtlich stolz auf seinen Erfolg, blies er diesmal die Backen weit auf: Es gebe da eine "Tendenz" unter Wissenschaftlern, formulierte Bax in seinem Abstract, "Krieg und ethnische Säuberungen als sorgfältig von oben orchestriert" zu interpretieren. In seiner Studie weise er nach, dass der Verlauf solcher Konflikte "weitgehend auf Vendettas zwischen Clans und lokale Fraktionskämpfe" zurückzuführen sei.

Die Münchner Balkan-Historikerin Marie-Janine Calic, die über die Geschichte des Bosnien-Kriegs forscht, schüttelt über diese Schlussfolgerung den Kopf. Sie betrachtet ethnologische Erklärungen für das Geschehen überhaupt mit Skepsis: "Der bosnische Krieg hätte unter ähnlichen Bedingungen, vor allem nach dem Zerfall des gemeinsamen Staates, überall auf der Welt stattfinden können."

Jetzt stellt sich heraus: Den "kleinen Krieg von Medjugorje" hat es nie gegeben. Die Zagreber Zeitung Jutarnji list fragte in Medjugorje nach. Mit niederschmetterndem Ergebnis: Niemand weiß von dem Jahrhundertereignis. Die letzte Fehde zwischen Medjugorje und dem Nachbardorf, erinnert sich der damalige Ortspfarrer, habe in den fünfziger Jahren stattgefunden. Keine 600 Menschen sind geflohen und schon gar keine 140 umgekommen.

Ljerka Sivric, die im Übrigen gar nicht so hieß, hat auch keine drei Leichen im Brunnen gesehen. Unklar ist nur, ob der Autor das Geschehen selbst erfunden hat oder der Lügengeschichte eines Informanten für bare Münze nahm. Und vor allem ist unklar, wie die wissenschaftliche Community über 13 Jahre einer solchen Geschichte aufsitzen konnte.

Dem Grazer Historiker Hannes Grandits, der Feldforschung in der Herzegowina betrieben hat, waren schon vor Jahren Zweifel gekommen. Auch er fragte herum. "Aber in Medjugorje wusste niemand etwas von einem kleinen Krieg", erzählt er. Auch die Topographie des Friedhofs, die Bax so liebevoll beschrieben hatte, fand der Historiker nicht.

"Ich habe lange überlegt, ob ich meine Erkenntnisse publizieren sollte", sagt er. "Aber damals war ich noch nicht promoviert, und mit dem Aufsatz hätte ich mir sicher meinen eigenen ‚kleinen Krieg' eingehandelt."

An Einspruch gegen das Baxsche Buch hatte es von Anfang an nicht gefehlt. Gleich nach dessen Erscheinen hatten die Franziskaner von Medjugorje die Geschichte vom "kleinen Krieg" als erfunden bezeichnet. Die Presseerklärung wurde nicht zur Kenntnis genommen: Den herzegowinischen Patres, die als Extremisten galten, glaubte damals niemand etwas.

In diesem Falle allerdings wäre leicht nachprüfbar gewesen, wer Recht hatte. 140 getötete Menschen müssen vermisst werden - selbst in Bosnien während des Krieges, und erst recht in einem Dorf. Aber der ethnologische Blickwinkel machte es offenbar überflüssig, etwa im Sterberegister nachzusehen oder Zeitzeugen eingehender zu befragen.

Der Zagreber Historiker Ivo Zanic schließlich listete etliche historische Fehler in Bax' Buch auf - wenigstens der Nachweis schwerer Schlamperei war damit erbracht. "Bax hat offenbar den politischen Hintergrund des Geschehens in Bosnien gar nicht verstanden", sagt Zanic heute. Seine kritische Rezension erschien 1998 auch auf Englisch, verpuffte aber. Ob der kroatische Historiker wohl im Verdacht stand, mit einem der streitenden Clans verwandt zu sein?

Über Bosnien, scheint es, kann man schreiben wie über einen Stammeskrieg im Papua-Neuguinea im frühen 19. Jahrhundert. Professor Mart Bax ist inzwischen emeritiert und lebt zurückgezogen in Süd-Holland. Am Telefon mag er über das ferne Medjugorje nicht mehr sprechen. "Ich habe damit abgeschlossen", sagt er.

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