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Kreative Restlos erschöpfte Werte

Die Kreativen, das Bruttoinlandsprodukt und der Burnout.

Das Wort „kreativ“ war mir schon immer verdächtig. Zum einen legt es nahe, dass wieder irgendein Karren aus dem Dreck gezogen werden muss („Sei doch mal kreativ!“), zum anderen („Sie ist so kreativ!“), dass es zum Künstlerischen nicht gereicht hat. Im politischen und wirtschaftlichen Kontext machen genau diese Konnotationen das Kreative allerdings besonders wertvoll. Tatsächlich wurde es von der armen Kusine der Kunst längst zu deren großer Schwester, ach was, Mutter promoviert: Nicht nur die Industrie- und Handelskammer verbucht Künstler wie die Performer von andcompany&Co als Netzwerk des Teilmarkts Darstellende Kunst der Kultur- und Kreativwirtschaft.

Auch Politiker können das Wort „Künstler“ nicht mehr aussprechen, ohne hinterherzuschieben: „und Kreative“. Wobei die Vermählung der bildnerischen Leistung eines Ölwerkes mit der eines Webdesigns auch die Folge jahrzehntelanger konzeptkünstlerischer Bemühungen sein kann – das hätte man dann von all der Subversion durch Affirmation. Gleichzeitig ist aber nicht nur das Weltbild des amerikanischen Präsidenten, sondern auch das Denken europäischer Kulturpolitiker von ökonomischen Parametern durchdrungen, wird doch der Wert eines Kunstwerks weniger nach ästhetischen Kriterien als nach seiner Stellung im Markt, im Diskurs und in der Aufmerksamkeitsmaschine bemessen. (Wobei man im gesellschaftlichen Krisenfall zumindest bisher weiterhin den Schriftsteller um Rat fragt und nicht den PR-Mann, obwohl letzterer in der Nahrungskette der „Wertschöpfung“ in der Regel einen besseren Platz einnimmt.)

Als Oberbegriff genommen erwirtschaftet das Kreative laut der gerade veröffentlichten deutsch-französischen „Gemeinsamen Erklärung zum Urheberrecht“ 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was auf Deutschland und das Jahr 2017 bezogen 137,64 Milliarden Euro wären! Wenn man bedenkt, dass die Werte, von denen hier alle schöpfen, von künstlerisch tätigen Menschen stammen, wären ein paar mehr Stipendien in Kunsthochschulen wohl durchaus angebracht.

Google, einer der eifrigsten Wertabschöpfer weltweit, lässt da nicht so lange bitten und bietet erfolgreichen Youtubern (den „Creatorn“) neuerdings Coaching und Burnout-Prävention an. Klar, denn Leute ohne Verträge arbeiten ja leicht rund um die Uhr. Wie Künstler.

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