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Konzertkritik Lady Gaga singt und tanzt in Berlin

Lady Gaga ist ferngesteuert - und stolz darauf. Im Vergleich zu Gagas Auftritt vor zweieinhalb Jahren wirkt dieser in der Berliner Mehrzweckhalle noch kalkulierter, perfekter, aber auch seelenloser.

Mit diesem Multifunktionsmotorrad kann Lady Gaga zwar nicht selber fahren, aber immerhin klavierähnliche Melodien erzeugen. Foto: FR

Am Ende des Abends wird sie sich konisch geformte Flammenwerfer vor die Brust schnallen, aus denen dann freilich keine Flammen austreten; bis dahin singt sie zum Beispiel in einem muskelfarben bedruckten Kostüm zwischen Schweinehälften über Geburt und Tod oder schubbert sich an einer fast nackten Frau auf einem ferngesteuert im Kreis fahrenden Motorrad: So hat der gegenwärtig größte Popstar der Welt, Lady Gaga, am Donnerstag in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof eine Kostprobe seines Schaffens gegeben.

Die Bühne der aktuellen Lady-Gaga-Tournee wird von einem Pappmascheegruselschloss beherrscht, dessen Flügel nach Bedarf auf- und zugeklappt werden können. Zu dem Eröffnungsstück „Highway Unicorn“ trabt die Künstlerin vollständig verschleiert auf einem schwarz angezogenen Einhorn heran. Ich habe allerdings den Verdacht, dass es sich gar nicht um ein echtes Einhorn gehandelt hat, sondern vielmehr um einen Rappen, dem eine Mohrrübe auf die Stirn geklebt wurde.

Doch einerlei, interessant ist der Effekt: Denn auf den flotten Uptempo-Rhythmus des Stücks passt der gemächliche Einhorntrab nicht im geringsten; und da man wegen des verschleierten Gesichts von Lady Gaga auch nicht sehen kann, wie sie singt, lässt sich in den ersten Minuten des Abends keinerlei Zusammenhang zwischen den Bildern und der Musik rekonstruieren, was für ein Blockbuster-Konzert dieser Art schon einmal bemerkenswert ist.

Einhorn verschwindet im Gruselschloss

Das Einhorn verschwindet nach dem Ende des Stücks wieder im Gruselschloss und hat den Rest des Abends dann frei, während Lady Gaga zum nächsten Song „Government Hooker“ erstmal allein die Umgebung des Gebäudes sondiert. Dabei stößt sie auf einen von Bodennebel umwaberten Schreibtisch, an dem ein fünffach gehörnter Teufel mit Lackledermaske vor dem Gesicht soeben seine Steuererklärung zu machen scheint. Sie beginnt sich in aufreizenden Posen vor dem Teufel auf dem Schreibtisch zu räkeln, doch als dieser sich davon sexuell animiert zeigt und den Papierkram beiseite legt, wird er von ihr mit einer Pistole erschossen. Der tote Teufel verschwindet im Bühnenboden, während Lady Gaga im dritten Stück „Born This Way“ aus dem Körper eines überdimensionierten Aufblasbrathuhns in einem eigelben Latexanzug wiedergeboren wird.

Was das alles soll? Das ist die Frage. Oder eben nicht. Musiziert wird übrigens auch an diesem Abend, aber man wird im Verlauf des Konzerts nicht recht schlau daraus, wann und von wem – und in welchem Verhältnis die eventuell live eingespielten Passagen sich zum dominanten Playback befinden. Erst zum vierten Stück „Black Jesus ? Amen Fashion“ ist auf der Bühne überhaupt etwas zu erkennen, was man im landläufigen Sinne als Rockband bezeichnen könnte. In vier guckkastenartigen Kammern an der Stirnseite des Schlosses sieht man einen Gitarristen, einen Bassisten, einen Schlagzeuger und einen Keyboarder, der in der Mitte eines großen geschlossenen Keyboardrings steht. Toll! Was für einen 360-Grad-Tastenwahnsinn könnte man mit diesem Gerät erzeugen! Allerdings wird, und das ist dann wieder enttäuschend, von dem Keyboarder nur ein kleiner Teil des Kreises genutzt, ich möchte mal sagen: höchstens 60 Grad.

Musik passt nicht zu den Bildern

Falls man bei Lady Gaga mithin von musikalischen Möglichkeiten sprechen kann, werden diese verschenkt. Konsequenterweise passt auch im folgenden weder die Musik zu den Bildern, noch passen die Bilder zu den Texten, die Gaga singt. Von den auf der letzten Platte „Born This Way“ nicht uninteressant variierten Motiven aus der christlichen Ikonografie – von Jesus bis Judas, von Maria bis Maria Magadalena – ist in der Inszenierung nichts zu erkennen, abgesehen von ein paar Kreuzen, die ebenso dezent wie zusammenhanglos in das Gruselschlossgemäuer eingelassen sind.

In den Videoclips zu ihren letzten Hits, etwa zu „Judas“, provozierte sie noch in alter Madonna-Manier mit lüstern zuckenden Körpern an sakralen Orten. Im Konzert: nichts davon; zu „Bloody Mary“ kommt sie vielmehr mit zwei Begleiterinnen in hochgeschlossenem Ornat auf die Bühne, wobei unter den kelchförmig ausladenden Röcken Rollen oder Räder angebracht scheinen. Jedenfalls gehen oder schreiten die Frauen hier nicht, sondern bewegen sich mit der unbewegten Gleichförmigkeit ferngesteuerter Apparaturen voran – „eine Königin mit Rädern untendran“, wie Max Goldt es dereinst in dem gleichnamigen Stück seiner Gruppe Foyer des Arts formulierte.

Im Vergleich zu Gagas Auftritt vor zweieinhalb Jahren wirkt dieser noch kalkulierter, perfekter, aber auch seelenloser; da ist es immerhin konsequent, wie sie sich selbst als ferngesteuerte Marionette ihrer eigenen Showmaschinerie inszeniert. Umso deutlicher treten die Brüche hervor, in denen sie scheinbar spontan aus der vorgefertigten Inszenierung heraustritt und mit der größten nur denkbaren Kunstfertigkeit ihr Publikum mit Intimität überflutet.
Etwa zur Mitte des Abends, nach dem Stück „Heavy Metal Lover“, lässt sie sich vor dem frenetischen Fanblock im reservierten Bereich direkt vor der Bühne nieder und nimmt Geschenke entgegen; minutenlang rezitiert sie aus huldigenden Briefen, die ihr hochgereicht werden. Hier vorne, erläutert Gaga dem restlichen Publikum, stünden die Kids, die ihr schon seit Wochen hinterherreisen; aus ihrer Mitte dürfen sie an jedem Abend jemanden nominieren, der dann zu Gaga hoch auf die Bühne kommt.

Diesmal ist es ein vielleicht zwanzigjähriges Mädchen in einer knackengen Latexhose, die Gaga auf den Rücksitz ihres motorradförmigen Klaviers bittet. Dort angekommen, beginnt das Mädchen sofort wie ein Kleinkind zu weinen – und zugleich mit der routinierten Vorsicht eines Schwerenöters kurz vor dem Ziel den Po und die Brüste des verehrten Mutterersatzes zu betatschen.

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