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Konzert Jesus sagt: Mach es mal easy

Der sanfte Hippiebär Matthew E. White hauchte im Privatclub schöne spirituelle Lieder.

18.04.2013 19:50
Markus Schneider

Der Mann sieht aus wie ein Relikt aus einer sehr vergangenen Zeit. Massig, mit einem kiloschweren Bart im runden Gesicht und einer halbmeterlangen Matte erinnert Matthew E. White an sanfte Hippiebären wie Grateful Deads Jerry Garcia oder Little Feats Lowell George. Er wirkt deutlich älter als seine 30 Jahre, wie er mit seiner Gitarre raumgreifend vor seiner Band die kleine Bühne des Kreuzberger Privatclubs ausfüllt. Auch die Wurzeln seiner Musik wachsen vor allem aus einer Zeit lang vor seiner Geburt, aus südstaatlichen Rock- und Soul-Stilen und mit leichter Hand gemischten Zitaten aus Country, Gospel, Funk und Blues.

Im letzten Jahr hat er sein Debütalbum „Big Inner“ veröffentlicht, dessen Titel natürlich einerseits auf den Beginner anspielt, andererseits aber auch recht sinnfällig die sehr erstaunliche Verwebung von klanglicher Größe und spiritueller Sanftheit der sieben Songs fasst.

Ein Anfänger ist der Mann aus Richmond, Virginia allerdings nicht, nur hat er im letzten Jahrzehnt vor allem mit psychedelischem Rock und Free Jazz experimentiert, in eigenen Gruppen wie The Great White Jenkins, aber auch mit dem Saxofon-Schwergewicht Ken Vandermark und dem Trompeter Steven Bernstein. Zur Zeit führt er noch die Improv-Big-Band Fight the Big Bull, deren Mitglieder wiederum zum Stamm seines Space-Bomb-Labels und Studios gehören. Dessen Idee verweist zugleich auf die Musik seines solistischen Popprojekts: Es soll seinen Kunden dank einer festen Hausband einen zuverlässigen, identifizierbaren Touch auflegen, wie einst Muscle Shoals in Alabama – zu hören bei Wilson Pickett, Aretha Franklin, aber auch den Rolling Stones – und Willie Mitchells Royal Studio in Memphis für Al Green, Ann Peebles und Rod Stewart.

Poppig und komplex

Vor allem an Mitchells orchestrale Brisen erinnern die Arrangements auf Whites Songs, wobei sie zugleich sehr verhalten, zärtlich und sacht klingen und doch einen wunderbar sinnlichen Groove auslegen. „Big Inner“ gelingt das Kunststück, eine tief nostalgisch verfasste, analoge Musik in die verhangene und vernebelte Moderne zu transponieren und trotzdem einen völlig eigenständigen Ton zu treffen.
Das liegt zum einen an Whites knapp oberhalb eines Hauchens eingerichteter Stimme, aber überraschenderweise wohl vor allem am Jazzhintergrund, denn die weich gleitenden, gewichtslosen Texturen der Instrumente erweisen sich als ausgesprochen raffiniert gerichtet, und auch die poppige Transparenz der Melodien steigt aus recht komplex verknüpften Genreharmonien.

Krautrock und New Orleans

Seine Art zu komponieren wirkt dabei fast sampleartig. Wo die Ahnen seiner Musik Stilmotive aufgreifen und mischen, lässt sie White wesenshaft miteinander verschmelzen. Sehr deutlich nimmt er in „Big Love“ den jazzigen Shuffle JJ Cales auf, lässt die Drums und ein E-Piano seltsam repetitiv zwischen Krautrock-Motorik und New Orleans zappeln und wie fern aus der Kirche im Nachbardorf einen Gospelchor dazu singen; in den wehen Streichern von „Hot Toddies“ erkennt man sein Vorbild Randy Newman. Für manche Stücke leiht er sich ganze Passagen von Jimmy Cliff und dem Blue-Eyed Souler Joe South, den Jackson 5 oder dem Bossa-Star Jorge Ben im ausladenden Spiritual „Brazos“ mit dem ausgedehnten Chant „Jesus is Your Friend“.

Viel zu entdecken und zu kennen also in den wunderbaren Schichten dieser Musik, die in der kleinen Livebesetzung andererseits oft fast lustig an den jahrzehntelang alleruncoolsten Rock erinnert. „Laid Back“, also bis zur Schlafmützigkeit abgehangen, nannte man das damals bei Typen wie eben JJ Cale, Boz Scaggs oder den etwas lebhafteren Little Feat.

Mit den vier Leuten aus dem Space-Bomb-Umfeld versucht Matthew E. White gar nicht erst, die vage psychedelische Stimmung des „Big Inner“-Sounds nachzubilden. Gelegentlich gönnt er sich zwar ein paar verrauschte Instrumentalstrecken, aber auch dort hat man es eher mit einer entspannten funky Abendstimmung auf einer südstaatlichen Veranda als mit der schwebenden, manchmal fast gespenstischen Atmosphäre des Albums zu tun. Vom Fender-Piano rollen lässige Figuren daher, oft wimmert eine schöne Steelgitarre vorbei, und seine Gitarre betont den mit Percussion und Drums doppelt besetzten Rhythmus. Was allerdings nicht zuletzt wegen der samtigen, meist nah am Mikro murmelnden Stimme bleibt, ist eine großartige und sympathische Easyness – merkwürdigerweise selbst dort, wo sich die Musik aus der Nostalgie in eine hohe, kirchliche Archaik erhebt.

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