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Kommentar zu "Auf der Flucht" Flucht vor Krieg ist kein Abenteuer

Zur ZDF-Sendung "Auf der Flucht" tobt im Netz zu Recht ein Shitstorm. Vor Krieg und Verfolgung zu fliehen, ist kein Abenteuer, das sich als Reality-Soap nachspielen ließe.

Die Flucht vor Krieg und Verfolgung ist kein Abenteuer, sondern bitterer Ernst. Foto: imago stock&people

„Die NPD war mir zu demokratisch gewesen“, sagt Nazi-Aussteiger Kevin Müller zu Salomon Ykealo. Model Mirja Du Mont wird den Mann, der in Eritrea seinen Bruder verlor, fragen, wie das denn so war für ihn im Krieg. Und zu Besuch bei Familie Azeez aus dem Irak zoomt die Kamera auf die Tränen von Katrin Weiland, die als Sarrazin-Fan Migranten sonst gerne mal mit einem „Nagel im Schuh“ vergleicht.

Kopfschüttelnd fragt man sich, was die Programmverantwortlichen beim Jugendsender ZDF-Neo geritten haben mag, als sie ihr Reality-Format „Auf der Flucht“ planten, das am späten Donnerstagabend anlief und in drei Folgen fortgesetzt wird. Sechs C-Prominente ziehen mit Rollköfferchen los gen Irak und Eritrea, geben laufend unreflektierte oder gar offen rassistische Meinungen über Migrationspolitik von sich und erfahren dabei angeblich „am eigenen Leib, was es heißt, auf der Flucht zu sein“. Das ist eine absurde Unverschämtheit, zu deren Ehren im Netz zu Recht ein Shitstorm tobt, und die abgesetzt gehört.

Vor Krieg zu fliehen ist kein Abenteuer

Es ist traurig, dass man darüber überhaupt diskutieren muss, aber: vor Krieg und Verfolgung zu fliehen, ist kein Abenteuer, das sich als Reality-Soap nachspielen ließe. Mit bedeutungsschwangerer Off-Stimme das Thema Flucht in ein Unterhaltungsformat zu pressen, ist makaber. Dass dies als gut gemeinte Aufklärung über die Nöte Asylsuchender verkauft und mit Fakten unterfüttert wird, macht es nicht besser.

Es gibt Millionen Flüchtlinge weltweit, deren Geschichten in der Tat zu selten gehört werden. Sie sterben täglich an den Rändern Europas und protestieren hierzulande seit Monaten gegen unwürdige Lebensbedingungen. Ihr Schicksal als Hintergrundfolie für den Selbstfindungstrip von sechs Dschungelcamp-Mimen zu missbrauchen, ist geschmacklos, passt aber leider in gängige rassistische Muster, in denen Diskriminierungserfahrungen erst dann anerkannt werden, wenn sie ein schwarz angemalter Wallraff scheinbar nachlebt.

Es ist anmaßend zu glauben, dass weiße Deutsche mit Filmtross ansatzweise nachempfinden könnten, was es heißt, unter lebensgefährlichen Umständen seine Heimat verlassen zu müssen, jahrelang in Containerlagern zu leben oder rassistisch bedroht zu werden. Ein Flüchtling kann nicht sagen, „ich breche ab“, wie es die ersten Showteilnehmer schon wollen, als ihnen das Handy abgenommen wird. Asylsuchende erhalten kein Bundeswehr-Sicherheitstraining, ehe sie losziehen, und haben auch kein ZDF-Rettungsboot im Rücken, wenn sie das Mittelmeer überqueren und zu Tausenden ertrinken.

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