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Kommentar Wagnerianer und Vampire

Hoffentlich glauben die Buher in der Oper nicht, es sei nicht mehr erlaubt, eine Wagner-Oper in direkten Zusammenhang zur NS-Zeit zu stellen. Und man dürfe sofort buhen, sobald einer die Frechheit hätte, es doch zu tun.

Bayreuther Festspiele
Facettenreich: Büste von Richard Wagner im Park vor dem Festspielhaus in Bayreuth. Foto: Marcus Führer

Hoffentlich glauben die Buher in der Oper nicht, es sei nicht mehr erlaubt, eine Wagner-Oper in direkten Zusammenhang zur NS-Zeit zu stellen. Und man dürfe sofort buhen, sobald einer die Frechheit hätte, es doch zu tun.

Leipzig feierte den 200. Geburtstag des berühmten Sohnes Richard Wagner unter anderem mit einem Kongress bereits seit dem Pfingstwochenende. Zugleich fanden sich vor Ort Zehntausende sehr apart schwarz gekleidete Menschen zum Wave-Gotik-Treffen 2013 ein. So dass man sich seinen Kaffee vor Frau van C. vom Wagner-Verband in A. kaufte und hinter einem Vampir.

Der Vampir nahm seinen laktosefreien Latte mit Haselnussgeschmack. Allabendlich aber drängte jedermann ins Theater, um Wagner-Opern zu hören. Auch dort störte wenig den Frieden, höchstens ein Buh, als Hans Sachs kurz in eine Hakenkreuzfahne gewickelt wurde.

Hoppla. Dies geschah in Jochen Biganzolis arg mittelprächtiger „Meistersinger“-Inszenierung von 2010, die mit einem Gang durch die Zeiten – Königreich Sachsen, Drittes Reich, DDR, BRD – auf den letzten Metern Fahrt zu gewinnen versucht. Das Buh, kräftig und nicht lang abwartend, was es mit der Fahne auf sich haben könnte (wenig), wiederholte sich nicht einmal, als fidele Tänzer auf die Orchestermusik librettofremde DDR-Parolen skandierten. Es bezog sich offenkundig allein darauf, dass in einer „Meistersinger“-Aufführung eine Hakenkreuzfahne zu sehen war – das, was nach 1933 ohne Anschlussproblem in mancher Nürnberger Festwiesen-Kulisse sich fand.

Da muss man nun nicht zu viel hineininterpretieren, wenngleich es derzeit unüblich ist, in die Musik zu buhen. Das war selbst in der einzigen Aufführung von Burkhard C. Kosminskis „Tannhäuser“-Inszenierung in Düsseldorf nicht der Fall. In der es von Nazis wimmelte. Und der die ärgerlichste Absetzungsgeschichte jüngerer Zeit folgte, weil sie einer schwer daneben geratenen Inszenierung zu Unrecht doch ein Stück Recht gibt (das Recht der Aufführung, wenn der Intendant Ja dazu gesagt hat).

Hoffentlich glaubt aber der Buher von Leipzig nicht, nach der Absetzung sei es nicht mehr erlaubt, eine Wagner-Oper in direkten Zusammenhang zur NS-Zeit zu stellen. Und man dürfe sofort buhen, sobald einer die Frechheit hätte, es doch zu tun. Dies- und jenseits der Bühne besteht eine Bringschuld, Verstand und Gedächtnis zu benutzen.

Wobei wieder lustig war, dass Wagner bei Biganzoli den Meistersinger-Titel einheimste. Seinem Gipskopf wurde der Lorbeer aufgesetzt, während die Konkurrenz leer ausging. Darunter immerhin Bach. In Leipzig. Das wird erst in 100 Jahren wieder vorkommen.

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