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Kolumne "Unter Tieren" Das Schwein im Topf, die Wespe in der Flasche

Jahrhundertelang disputieren Gelehrten über die Unterschiede zwischen Mensch und Tier. Die Abgrenzung ist essentiell, schließlich nutzen wir die Tiere als Gefährten - und als Nahrungsquelle.

04.10.2010 22:03
Hilal Sezgin

Über die Grenze zwischen Mensch und Tier disputieren Gelehrte seit Jahrhunderten. Die Philosophie fragt: Haben Tiere Vernunft, können sie denken? Die Linguistik: Können Tiere sprechen? Anthropologie und Biologie: Verhalten sich Tiere altruistisch oder sind sie automatische Egoisten?

Zugleich hat die Mensch-Tier-Grenze moralische Konsequenzen für den Alltag. Bereits sprachliche Unterscheidungen trennen das lebende Tier vom verzehrten Fleisch, zum Beispiel die Verwendung des Artikels. Jemand isst Huhn oder Rind. Nicht: das Huhn. Ein Rind. Die immer wieder markierte und befestigte Grenze zwischen Mensch und Tier garantiert dem Menschen, als Nutzer und Benutzer von Tieren vertraute Praktiken nicht zu sehr in Frage stellen müssen.

Eine Gruppe von Psychologen, darunter Roland Imhoff von der Universität Bonn, ist diesem Phänomen nun auf den Grund gegangen. Zunächst fanden sie heraus, welche Charakteristika von den Befragten als sozusagen allgemeine biologische Ausstattung höher entwickelter Säugetiere und welche als spezifisch menschlich angesehen wurden. Zu letzteren zählen sekundäre Emotionen – wie Trauer und Schuld – oder weitere mentale Eigenschaften: Mitteilungsbedürfnis und Neugier.

Bei der Untersuchung, welche Seelenlagen Menschen den Tieren zutrauten, ergaben sich signifikante Unterschiede zwischen Fleischessern einerseits und Vegetariern und Veganern andererseits. Dabei orientierten sich Vegetarier wenig und Veganer am schwächsten an der Grenze zwischen Mensch und Tier.

Dieses Ergebnis allein war allerdings noch nicht besonders aussagekräftig. Schließlich könnte es sein, dass Vegetarier und Veganer Menschen sind, die grundsätzlich zu Sensibilität, Empathie – oder auch nur zu Fantasie neigen. Die Wissenschaftler wollten aber die Plausibilität einer viel stärkeren These überprüfen: Dass das Nicht-Zubilligen von komplexen Emotionen und mentalen Charakteristika eine moralische Entlastungsfunktion beim Fleischkonsum haben könnte. Dazu fragten sie auch, wie jeweils Vegetarier und Nicht-Vegetarier die Emotionen von Hunden einschätzten – im Vergleich zu Schweinen.

Beides sind Säugetiere, und man weiß um die hohe Intelligenz von Schweinen. Erwartungsgemäß schätzten die befragten Vegetarier die emotionale Bandbreite von Hunden und Schweinen auch ähnlich ein. Fleischesser dagegen machten zwischen beiden Tierarten große Unterschiede, sie sehen offenbar einen deutlich breiteren Graben zwischen sich und Schweinen als zwischen sich und Hunden. Dass sie das aus psychologischen Gründen auch tun müssen, um Schweine guten Gewissens verspeisen zu können, ist keine von der Hand zu weisende Erklärung.

Doch genauso interessant wie die Frage nach der Tier-Mensch-Grenze ist die, warum diese Grenze bisweilen durchbrochen wird. Manche werden über Jahre hinweg durch gedankliche Beschäftigung langsam zu Vegetariern. Bei anderen spielt sich die Wandlung plötzlich wie eine Art Bekehrung ab. Sie gehen in einen Tierpark, kommen als Vegetarier heraus und erzählen: Als ein Schwein sie plötzlich „auf diese bestimmte Weise angeschaut“ habe, sei ihnen klar geworden, dass sie nie mehr Schwein essen könnten.

Und dann gibt es, ganz abgesehen von der Fleischfrage, noch die kleinen Episoden am Rande. Unter Nachbarn saßen wir im Sommer zusammen auf der Terrasse. Tranken Kaffee, aßen Kuchen – und ärgerten uns sehr über die Wespen, die uns ständig in die Münder zu fliegen drohten. Jemand stellte eine halbvolle Limonadenflasche als Wespenfalle auf. Die Befriedigung hätte groß sein können, als wenig später die erste Wespe durch den Flaschenhals flog und in die Flüssigkeit fiel.

Es war aber nicht befriedigend. Das Tier strampelte um sein Leben. Das Gespräch verstummte, alle schauten auf die Flasche. „Das ist doch jetzt auch blöd“, sagte eine Nachbarin – übrigens die, die bis eben noch am lautesten über die Wespen geschimpft hatte – „die eine Wespe da quält sich, und fürs Kuchenessen macht es keinen Unterschied.“ Wortlos nahm jemand die Flasche, ging zum Rand der Terrasse, goss die Limonade behutsam aus; das Insekt krabbelte aus der Pfütze und flog davon. Uns Menschen war sofort viel leichter ums Herz.

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