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Königgrätz Preußens Griff nach der Reichsmacht

3. Juli 1866: Mit der Niederlage in der Schlacht von Königgrätz am 3. Juli 1866 wurde Österreich aus Deutschland verdrängt – mit kolossalen Auswirkungen.

01.07.2016 14:26
Horst Dieter Schlosser
Für die deutsche Geschichte bis heute von immenser Bedeutung: Der Ort der Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866 . Im Hintergrund ein österreichisches Denkmal. Foto: imago/Volker Preußer

Vor 150 Jahren, am 3. Juli 1866, besiegten im deutsch-deutschen Bruderkrieg preußische Armeen in der Schlacht von Königgrätz in Böhmen Österreichs Streitmacht und die mit ihr kämpfenden sächsischen Truppen. Damit ging die Hoffnung der Freiheits- und Nationalbewegung auf ein geeintes Deutschland, auf „ein Volk, ein Vaterland und eine Nation“, endgültig unter.

Denn Österreich, die Vormacht des Deutschen Bundes, wurde mit ihrer militärischen Niederlage aus der deutschen Binnenpolitik verdrängt. Die preußische Dominanz im Westteil des alten deutschen Reiches beziehungsweise des nachfolgenden Deutschen Bundes hatte tiefgreifende Folgen für das Selbstverständnis der „Deutschen“, die sich bis heute nur noch als Bürger eben dieses Westteils verstehen und den abgekoppelten Österreichern nur die einst gemeinsame Vergangenheit und die gemeinsame Sprache zugestehen.

Was sich als politischer wie mentaler Bruch darstellt, hatte natürlich eine längere Vorgeschichte, für die man im Ergebnis Preußen verantwortlich machen muss, aber keineswegs ausschließlich. Schon in der Paulskirche 1848/49, in der man eine gesamtdeutsche Einheit auch verfassungsrechtlich besiegeln wollte, erschien einer Mehrheit der Parlamentarier zuletzt eine preußische Führungsrolle im angestrebten neuen Staat als die realistischste Perspektive. Denn Österreich als Vielvölkerstaat wehrte sich vehement dagegen, dass es nur mit seinen deutschsprachigen Landesteilen Mitglied im künftigen Staat sein sollte.

Doch auch die Option, das Projekt zunächst ohne Österreich zu versuchen, stieß an ihre Grenze, als der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. die ihm angebotene deutsche Kaiserkrone als „imaginären Reif, aus Dreck und Letten gebacken“ zurückwies, da sie nicht den „Stempel Gottes“, sondern den „Ludergeruch der Revolution“ trüge. In ihrer monarchischen Arroganz gegenüber den gewählten Volksvertretern der Nationalversammlung waren sich die vornehmsten deutschen Fürsten dann doch wieder sehr einig, nachdem sie in ihren jeweiligen Herrschaftsbereichen die Folgen der „Märzrevolution“ weitgehend beseitigt hatten.

„Reich“ wird zum Bestimmungswort

Preußen und Österreich waren sich auch wieder einig, als sie ab 1851 im wiedererweckten Deutschen Bund allen Freiheitsbestrebungen gemeinsam noch stärkere Fesseln anlegten, als sie vor 1848 gegolten hatten. Doch zu dieser Einigkeit kamen sie erst nach einem aufschlussreichen politischen Zwischenspiel. 1849 unternahm Preußen zusammen mit Hannover und Sachsen im „Dreikönigsbündnis“, dem sich weitere deutsche Staaten anschlossen, die Gründung eines eigenen Staates. Nach dem Tagungsort von Länder- und Volksvertretung wird diese Gründung als „Erfurter Union“ bezeichnet. Der offizielle Titel dieses Schrumpfstaates, der Österreich ins Abseits drängen wollte, sollte „Deutsches Reich“ heißen – ein Name, den die Paulskirche für einen gesamtdeutschen, den „großdeutschen“ Staat vorgesehen hatte.

Entsprechend sollte „Reich“ wie in der Paulskirchenverfassung auch zum Bestimmungswort für zentrale Institutionen wie „Reichstag“, „Reichsheer“ oder „Reichsgericht“ werden. In der Benennung des Reichsoberhaupts gab man sich sprachlich allerdings bescheidener: Er sollte schlicht „Reichsvorstand“ heißen. Doch machte die Erfurter Verfassung gleich im Anschluss an diese Bestimmung unmissverständlich klar, dass dessen Würde „mit der Krone von Preußen verbunden“ sein sollte. Der Reichsvorstand war in jedem Fall der König von Preußen! Hier wäre für Österreich tatsächlich kein Platz mehr gewesen, das „Deutsche Reich“ in der Erfurter Konzeption sollte ein nur noch preußisch dominiertes sein.

Auf energisches Drängen Österreichs und Russlands musste Preußen nach nur eineinhalb Jahren seine Sonderpolitik wieder aufgeben. Gedemütigt, aber nach wie vor entschlossen, doch noch die Führung in Deutschland zu erringen, kehrte Preußen am 14. Mai 1851 in den Schoß des wiederbelebten Deutschen Bundes zurück. Die Spannungen mit Österreich aber blieben.

Otto von Bismarck wurde preußischer Bundestagsgesandter und nutzte in dieser Funktion wie ab 1862 als preußischer Ministerpräsident manche Gelegenheit, österreichische Interessen zu hintertreiben, etwa den Wunsch Wiens, endlich Mitglied im Deutschen Zollverein zu werden. Seine Doppelstrategie: Kooperation mit Österreich im Sinne der Reaktion und Schwächung der österreichischen Machtposition.

1866 eskalierten die Spannungen. Preußen marschierte am 9. Juni 1866 in das Herzogtum Holstein ein, das seit 1864 im Rahmen einer gemeinsamen Verwaltung der norddeutschen Herzogtümer, die Dänemark abgerungen worden waren, Österreich zugeteilt war. Nach dieser Invasion beschloss der Deutsche Bund die Mobilmachung des Bundesheers. Nach dem Prinzip „Haltet den Dieb!“ wertete Preußen die Mobilmachung der anderen (!) als Kriegserklärung, die nach Meinung Berlins einen eklatanten Bruch der Bundesakte bedeutete. Mit dieser Begründung jedenfalls teilte der preußische Gesandte Karl Friedrich von Savigny der Bundesversammlung am 14. Juni 1866 den Austritt Preußens aus dem Deutschen Bund mit.

Deutsche Einheit ohne Österreich

Zugleich legte Savigny „Grundzüge einer neuen, den Zeitverhältnissen entsprechenden Einigung“ vor, die einen neuen Bund  ermöglichen sollten. Darin erscheinen die „Zeitverhältnisse“ unverkennbar als die von Preußen gewünschte politische Zukunft. Die Grundsätze werden schon in Artikel 1 wie folgt eingeleitet: „Das Bundesgebiet besteht aus denjenigen Staaten, welche bisher dem Bunde angehört haben, mit Ausnahme der Kaiserlich-Oesterreichischen und Königlich-Niederländischen Landestheile.“ Eine deutsche Einheit ohne Österreich – das war des Pudels Kern. Nur der letzte Artikel sprach noch von der Möglichkeit, die Beziehungen zu den deutschen Landesteilen Österreichs durch „besondere Verträge“ zu regeln.

Schon neun Tage nach seinem Austritt aus dem Deutschen Bund griff Preußen am 23. Juni in Böhmen mit drei Armeen an und konnte am 3. Juli bei Königgrätz die österreichischen und sächsischen Truppen vernichtend schlagen. Die weiteren Bundesmitglieder, die sich für Österreich gegen den preußischen Aggressor auch militärisch engagiert hatten, wurden auf je eigene Weise bestraft.

Bis zum 26. Juli verleibte sich Preußen nach ganz Schleswig-Holstein Schritt für Schritt das Königreich Hannover, den nordmainischen Teil des Großherzogtums Hessen sowie das Herzogtum Nassau und die Freie Stadt Frankfurt ein. Es verschaffte sich auf diese Weise eine geostrategisch und wirtschaftspolitisch komfortable Verbindung zwischen seinen östlichen Landesteilen und seinen Provinzen im Rheinland und in Westfalen. Bayern, Baden, Württemberg und das territorial reduzierte Großherzogtum Hessen mussten mit Preußen Schutz- und Trutzbündnisse schließen, die geheim gehalten wurden, bis sie 1870 von Bismarck für die Waffenbrüderschaft im Deutsch-Französischen Krieg genutzt wurden.

Die Benennung der kriegerischen Ereignisse 1866 als „Deutscher Krieg“ wird dessen Besonderheit noch am ehesten gerecht, weil Österreich wie Preußen jeweils weitere deutsche Staaten hinter sich wussten. Die immer noch gebrauchte Variante „Einigungskrieg“ vertritt dagegen eine mehr als irreführende Perspektive: Sie unterschlägt nämlich, dass gerade dieser Krieg eine „Einigung“ mit der deutschen Macht Österreich endgültig verhindern sollte.

In den annektierten oder sonstwie bestraften Territorien waren die eingewurzelten alten Loyalitäten der Bevölkerung mit dem Sieg Preußens jedoch nicht über Nacht zu beseitigen. Bayern etwa pflegte nun erst recht seine eigene Vaterlandsliebe. Im annektierten Hannover wurde 1869 sogar eine antipreußische Partei, die sogenannte Welfenpartei, gegründet. In Frankfurt opponierte die Bankiersfamilie derer von Bethmann durch demonstrativen Gebrauch des Frankfurter Dialekts gegen die preußisch-hochdeutsche „Überfremdung“. Und der Frankfurter Dialektdichter Friedrich Stoltze wahrte in seinen satirischen Texten seine demokratische und antipreußische Haltung bis an sein Lebensende.

Kritik an der Hörigkeit

Noch vor dem Friedensschluss mit Österreich am 23. August 1866, der die Habsburger als innerdeutsche Konkurrenten Preußens definitiv ausschaltete, gelang es Preußen, siebzehn ehemalige Bundesstaaten nördlich des Mains zur Gründung eines neuen föderativen Staates, des „Norddeutschen Bundes“, zu bewegen. Beim gemeinsamen Kampf gegen Frankreich 1870/71 ließen sich schließlich die bis dahin widerspenstigen süddeutschen Staaten auch politisch vereinnahmen, was die Gründung des „Deutschen Reiches“ unter einem preußischen Kaiser, Wilhelm I., ermöglichte. Die Installierung des Norddeutschen Bundes war freilich auch nur ein Zwischenspiel. Es entsprach ganz dem von Preußen seit 1849 verfolgten Kurs, einen kleindeutschen Staat seiner Couleur ohne Österreich zu begründen.

Die Bundesverfassung vom 16. April 1867, maßgeblich von Otto von Bismarck entworfen, sicherte wie in der Erfurter Verfassung dem preußischen König das Amt des Staatsoberhaupts. Das 1867 gewählte Parlament wurde wiederum demonstrativ „Reichstag“ genannt.

Dieses Parlament zeichnete sich sehr wohl durch eine Reihe wichtiger Entscheidungen aus, die man durchaus als Modernisierungsschübe werten muss. Vergleicht man indes das politische Selbstbewusstsein der Parlamentarier des Norddeutschen Bundes mit dem des Paulskirchenparlaments, kann man kaum glauben, dass die Monarchie im Norddeutschen Bund durch eine Volksvertretung eingeschränkt gewesen sei. Etliche Demutsbezeigungen gegenüber dem König erinnern geradezu an hochabsolutistische Zustände, sie sind unübersehbare Zugeständnisse an den tatsächlich fortbestehenden monarchischen Anspruch auf ein „Gottesgnadentum“.

So beschloss der Reichstag etwa am 24. September 1867 u.a. eine „Dankadresse“, die wie folgt eingeleitet wurde: „Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster König! Allergnädigster König und Herr! Euerer Königlichen Majestät (…) bezeugt der erste deutsche Reichstag des nunmehr verfassungsmäßig constituirten Norddeutschen Bundes den Dank und die Befriedigung der Nation über die bisher errungenen Erfolge einer wahrhaft Deutschen Politik.“

Hier wird – ziemlich anmaßend – die ganze und nicht nur die halbe, die kleindeutsche Nation, die auch nur mit ihrem nördlichen Teil vertreten ist, in Anspruch genommen, um für eine „wahrhaft deutsche Politik“ zu danken. Und diese Adresse endet dann auch: „In tiefster Ehrfurcht verharren wir Eurer Königlichen Majestät Allerunterthänigste treugehormsamste.“

Eine kleine Minderheit indes äußerte gelegentlich durchaus auch Kritik an so viel Monarchen- und Preußenhörigkeit. Bereits am 12. März 1867 führte der Abgeordnete Franz Wigard in einer Rede zum Verfassungsentwurf unter anderem aus: „… wenn der Entwurf ohne Aenderung angenommen werden sollte, so bietet er nach meiner Anschauung nichts Anderes, als in vielen Beziehungen einen absoluten Staat, umbrämt mit einem Mäntelchen von Constitutionalismus. Womit er aber die Blöße seiner absolutistischen Tendenz zu verdecken nicht vermag.“

Noch deutlicher wurde der Arbeiterführer August Bebel am 10. April, als er unter heftigem Protest aus den Reihen der Mehrheit erklärte, er sei der festen Überzeugung, „daß es Preußen bei der Gründung dieses Norddeutschen Bundes keineswegs um die Einigung Deutschlands zu thun gewesen ist, --- im Gegentheil, meine Herren, ich behaupte, daß mit der Gründung (…) ein spezifisch Preußisches Interesse --- daß die Stärkung der Hohenzollerschen Hausmacht damit bezweckt worden ist.“

Die weitere Entwicklung in Deutschland sollte Wigard und Bebel recht geben. Aus dem Norddeutschen Bund wurde 1871 das Deutsche Reich, das endgültig kein gesamtdeutsches, sondern nur ein kleindeutsches, eigentlich eher ein „großpreußisches“ Reich wurde. In diesem Staat und nur noch in diesem konnte man sich fortan „Deutscher“ nennen und von „Deutschland“ sprechen.

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