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Kirill Serebrennikow „Ich habe nichts gestohlen“

In Moskau hat der Prozess gegen den Regisseur Kirill Serebrennikow und drei seiner Kollegen begonnen.

Serebrennikow
Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow am Mittwoch vor Gericht. Foto: dpa

Der russische Theater- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow hat in einem umstrittenen Untreueprozess seine Unschuld erklärt. „Ich habe nichts gestohlen“, sagte er am Mittwoch in Moskau zu Beginn der öffentlichen Verhandlung vor dem Meschtschanski-Bezirksgericht. Er und seine Kollegen hätten sogar wiederholt selbst Geld vorgestreckt, weil die Subventionen des Kulturministeriums sich verspätet hätten. Mit dem international renommierten Theatermacher sind seine Ex-Mitarbeiter Alexei Malobrodski und Juri Itin sowie Sofia Apfelbaum als frühere Beamtin des russischen Kulturministeriums angeklagt. Serebrennikow steht seit mehr als einem Jahr in Moskau unter Hausarrest.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, 133 Millionen Rubel (knapp 1,8 Millionen Euro) unterschlagen zu haben, die Serebrennikows Theaterkompanie „Das Siebte Studio“ zwischen 2011 und 2013 für die Verwirklichung von Bühnenprojekten vom Staat erhalten hatte. Es wird erwartet, dass die Anklage auf besonders schweren Betrug lautet. Dafür sieht das russische Strafgesetz bis zu zehn Jahren Gefängnis vor.

In der Moskauer Kulturszene wird das Verfahren heftig diskutiert. „Ich glaube absolut nicht, dass Serebrennikow und seine Kollegen etwas Kriminelles getan haben“, sagt der Kunstwissenschaftler und Kurator Andrei Jerofejew, selbst wegen des „Schürens religiösen Hasses“ zu einer Geldstrafe verurteilt, der FR. „Die staatliche Bürokratie nutzt formale Verstöße gegen ihr wirres finanzielles Regelwerk, um ein Theater abzustrafen, das nicht in den Kopf von Kulturminister Wladimir Medinski passt.“

Serebrennikow gilt als renommierter Avantgarde-Regisseur, viele seiner Werke sind preisgekrönt. In Deutschland kommt in diesen Tagen sein Film „Leto“ in die Kinos, er ist als Opernregisseur gefragt, in Zürich hatte soeben eine von ihm konzipierte Mozart-Inszenierung Premiere. Erst Ende Oktober wurde er dreimal für die „Goldene Maske“ nominiert, Russlands angesehenste Theaterauszeichnung. Unter anderem für das Ballett „Nurejew“, dessen Premiere das Bolschoi Theater vergangenen Sommer um mehrere Monate verschoben hatte. Die Nachrichtenagentur Tass berichtete, Kulturminister Medinski habe die Premiere abgeblasen, weil die Inszenierung wie Schwulen-Propaganda aussehe. Tatsächlich machte der Regisseur auch zum Thema, dass sein Held, der Balletttänzer Rudolf Nurejew, bisexuell war und an Aids starb.

Serebrennikow erlaubte sich in seinen Stücken immer wieder schwule Helden, Nacktszenen, dumme Geistliche oder unsympathische Amtsträger. Und verbale Respektlosigkeiten gegenüber dem Vaterland, dessen Zustand er gegenüber der russischen „GQ“ grimmig umschrieb: „Alles ist verfault, verrottet, aufgezehrt von Korruption, ungeheurer Lüge, Räuberei und Zynismus.“

Jetzt macht die Staatsmacht Serebrennikow den Prozess. Und Minister Medinski, ein gelernter PR-Fachmann, versichert, das habe nichts mit Politik zu tun. „Die Behörden haben ihn immer verwöhnt, er hat keinen Grund, beleidigt zu sein.“ Mit Serebrennikow stehen noch Alexei Malobrodski, der Chefproduzent des „Siebten Studios“ vor Gericht, Juri Itin, der frühere Generaldirektor, sowie die Theaterintendantin Sofia Apfelbaum. Sie hatte damals als Beamtin des Kulturministeriums die Subventionsverträge mit dem „Siebten Studio“ unterschrieben. Eine weitere Angeklagte, die Produzentin Jekaterina Woronowa, hat Russland verlassen.

Die Verteidigung gibt sich optimistisch. „Wir haben nicht die geringsten Zweifel, dass wir die Unschuld Serebrennikows und seiner Kollegen beweisen können“, erklärte Serebrennikows Anwalt Dmitri Charitanow unlängst der BBC.

Aber seinen Klienten könnte die sechste Angeklagte zum Verhängnis werden: Nina Masljajewa, die frühere Chefbuchhalterin des „Siebten Studios“. Sie gestand bald nach ihrer Festnahme und wird nun in Absprache mit der Staatsanwaltschaft gegen ihre ehemaligen Kollegen aussagen. Die Menschenrechtlerin Eva Merkatschjowa erzählt, wie verzweifelt die Kronzeugin in ihrer U-Haft-Zelle gewesen sei. „Sie beklagte sich bei uns, sie habe alle Aussagen gemacht, die die Ermittler von ihr verlangt hätten. Aber die hätten sie trotzdem noch nicht freigelassen.“ In den Vernehmungen gab Masljajewa unter anderem zu Protokoll, Serebrennikow habe gemeinsam mit Itin und Malobrodski das „Siebte Studio“ schon mit dem Vorsatz gegründet, staatliches Geld zu unterschlagen. Außerdem habe er sie angewiesen, falsche Einträge in der Finanzbuchhaltung zu tätigen.

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