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Kirchentag Ohne Revolution keine Katholikentage

Harmloses Jubiläum oder gefährliche Erinnerung – 100 Katholikentage und ihre bewegte und bewegende Geschichte. Ein Gastbeitrag von Hubert Wolf.

26.05.2016 15:07
Hubert Wolf
Wimmelbild mit Besuchern des Katholikentages in Sachsen. Foto: dpa

Was in diesen Tagen in Leipzig gefeiert wird, das dürfte es eigentlich gar nicht geben. Denn hätten die katholischen Laien Deutschlands während der Revolution von 1848 den Weisungen aus Rom Folge geleistet, dann hätten sie keine katholischen Vereine nach bürgerlichem Recht gründen dürfen, dann hätte es den ersten Katholikentag in Mainz nicht gegeben, dann könnten auch wir heute den 100. Katholikentag nicht feierlich begehen. Die katholischen Laien hätten die revolutionären Errungenschaften, namentlich die Vereins-, Versammlungs- Presse-, Gewissens- und Religionsfreiheit, wären sie ihrem Oberhirten gehorsam gefolgt, strikt ablehnen müssen. Schließlich hatte Papst Gregor XVI. diese schon 1831 als „pestillentissimus error“, als „geradezu pesthaften Irrtum“ verurteilt. In der Sicht des päpstlichen Lehramts waren Katholizismus und Freiheit schlicht inkompatibel.

Ohne 100 Katholikentage sähe aber nicht nur die Kirche ganz anders aus, weil es keine selbstbewussten, eigenständig agierenden Laien in diesem hierarchischen System gäbe. Ohne 100 Katholikentage sähe auch Deutschland anders aus. Denn Katholikentage waren mehr als Treffen frommer Christen, die sich und ihren Glauben feierten. Katholikentage waren vielmehr die öffentliche Inszenierung des sozialen und politischen Katholizismus, der die deutsche Gesellschaft nachdrücklich geprägt hat. Zahlreiche Beschlüsse, die auf den Katholikentagen gefasst wurden, fanden sich später in Gesetzesvorlagen wieder oder bestimmten zumindest den gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland.

Es gibt allen Grund, stolz zu sein auf eine 168 Jahre dauernde Erfolgsgeschichte. Es gibt allen Grund, den 100. Katholikentag gerade hier in Leipzig zu feiern, an dem Ort, an dem mündige Bürger in Verbindung von Zivilcourage und Glauben begonnen haben, auf friedliche Weise das Unrechtsregime der DDR zu stürzen. Mündige Bürger und mündige Christenmenschen, die Verantwortung übernehmen für das Ganze, passen in geradezu idealtypischer Weise zusammen.

Der 100. Katholikentag ist aber nicht nur ein harmlos schönes Jubiläum, sondern Anlass, um innezuhalten und kritische Bilanz zu ziehen. Dann kann ein Blick auf die Geschichte auch zur „gefährlichen Erinnerung“ (Johann Baptist Metz) werden, die selbstverständlich Gewordenes und alt Eingefahrenes infrage sowie angeblich ewige Wahrheiten und Machtverteilungen auf den Prüfstand stellt.

Denn in der Tradition liegen nicht selten vergessene Modelle bereit, die heute bei der dringend notwendigen Reform der Kirche wie auch bei der stetigen Erneuerung der Katholikentage selbst helfen können. Gestützt auf diesen reichen Fundus der Katholikentagsgeschichte, möchte ich einige Reformanstöße für heute geben, die so zur „gefährlichen“ Erinnerung“ werden können:

1. Ohne Revolution keine Katholikentage

Die deutschen Katholiken haben sich 1848 gerade nicht hinter die hohen Kirchenmauern ins katholische Ghetto zurückgezogen. Sie haben die moderne Welt und ihre Möglichkeiten nicht, wie von ihren Bischöfen verlangt, generell als Teufelswerk abgelehnt. Vielmehr galt ihr erster Blick den Menschen mit ihren Sorgen und Ängsten in den Umbrüchen der Moderne. Um ihnen besser helfen zu können, benutzten sie die verdammten revolutionären Freiheiten. Das taten sie so erfolgreich, dass Karl Marx angesichts des 20. Katholikentags in Düsseldorf 1869 wütend schrieb: „Die katholischen Hunde kokettieren … wo es passend erscheint, mit der Arbeiterfrage.“ Vor allem aber setzten die Katholiken die vom Papst verurteilten Freiheiten für den Schutz und die Freiheit der Kirche und des Papstes selbst ein.

Dazu organisierten sie sich – und das ist entscheidend – gerade nicht in der klassischen Form frommer kirchlicher Bruderschaften, sondern nach dem neuen revolutionären bürgerlichen Vereinsrecht, um so die kirchlichen Interessen in Staat und Gesellschaft effektiver vertreten zu können. Eine geradezu geniale Idee war es, den ersten katholischen Verein in Deutschland ausgerechnet nach dem Papst zu nennen und dezidiert mit Freiheit in Verbindung zu setzen. Die „Piusvereine für religiöse Freiheit“ waren das Herzstück des ersten Katholikentages von 1848. Seine Mitglieder waren papsttreu und revolutionär zugleich.

Das ist die erste gefährliche Erinnerung, die sich aus der Geschichte der Katholikentage ergibt: keine Angst vor Umbrüchen und „revolutionären“ Umgestaltungen der Gesellschaft; keine Denkverbote und Tabus, sondern offen die Chancen und Gefahren selbst revolutionärer Prozesse abschätzen und sie kritisch-produktiv nutzen. Und vor allem einen Schuss Ungehorsam der Hierarchie gegenüber, wenn diese sich den Zeichen der Zeit gegenüber verschließen sollte.

2. Ohne Reform von Kirche und Gesellschaft keine Katholikentage

Ursprünglich ging es auf den Katholikentagen ausschließlich um politische und soziale Ziele, um die Reform von Staat und Gesellschaft, nicht aber um eine Kirchenreform. Das zeigen die 1848 verabschiedeten Forderungen eindeutig: Religions- und Gewissensfreiheit; Unabhängigkeit der Religion und der Kirche vom Staat; Freiheit aller religiösen Assoziationen; Hebung der sozialen Leiden des Volkes. Darüber, ob Katholikentage eine ausschließlich nach außen gerichtete Funktion wahrnehmen sollten, entstand jedoch immer wieder heftiger Streit. Mehr noch, man hat sie als legitime Repräsentationsform der Katholiken sogar mehrfach grundsätzlich infrage gestellt. Für den Freiburger Domkapitular Johann Baptist Hirscher waren Katholikentage gerade nicht geeignet, die „kirchlichen Zustände der Gegenwart“ zu verbessern. Er verlangte 1849 ernsthafte Reformen innerhalb der Kirche, anstatt bloß politische Reformforderungen nach außen zu erheben: Die Kirche selbst sollte künftig nach demokratischen Prinzipien organisiert werden. Dazu wollte Hirscher die traditionelle kirchliche Institution der National- und Diözesansynoden wieder beleben und diese so verändern, dass nicht mehr nur die Bischöfe allein, sondern Kleriker und Laien kollegial die Leitung der Bistümer innehätten.

Auf dem dritten Katholikentag in Regensburg vom Oktober 1849 wurden Hirschers Vorschläge entschieden abgelehnt. Die hier versammelten katholischen Laien sahen sich dezidiert nur für die Aufgaben der Kirche in der Welt, etwa die Sozial- und Bildungspolitik, zuständig. Hirschers demokratisches Synodenkonzept stelle eine „Kirche der Zukunft“ in Aussicht, „vor welcher Gott in Gnaden das katholische Deutschland bewahren wolle“.

Über ein Jahrhundert lang dominierte der soziale und politische Auftrag in Staat und Gesellschaft die Katholikentage eindeutig. Manchen Kirchenkrisen zum Trotz überließ man die Leitung der Kirche im Inneren den dafür zuständigen Oberhirten. Deshalb waren auf den Katholikentagen zunächst auch kaum Bischöfe anwesend, weil es nicht um Themen ging, die sie betrafen. Das hat sich seit dem Zweiten Vatikanum grundsätzlich geändert. Denn jetzt gibt es in der katholischen Kirche zumindest theoretisch keine Laien mehr, auch wenn das Kirchenrecht versäumt hat, aus dieser Vorgabe des Konzils die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Die Lehre vom allgemeinen Priestertum aller Getauften lässt innerkirchliche Themen fast automatisch in den Vordergrund treten. Genannt seien nur: Empfängnisverhütung, verheiratete Männer als Priester, Frauenordination, Schwangerschaftskonfliktberatung, Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten, Gemeindeleitung durch Laien, Bischofswahl durch Klerus und Volk. Vielleicht fehlt deshalb heute kaum ein Bischof auf einem Katholikentag, weil es jetzt auch ums Kirchenregiment selbst geht.

Beide Zielrichtungen, nach außen und nach innen, mutig und ohne Denkverbote für eine Reform der Gesellschaft und eine Reform der Kirche einzutreten, gehören zusammen. In den letzten Jahrzehnten zeigt sich aber, dass Katholikentage mitunter Gefahr laufen, sich zu verzetteln. Die erfreuliche Buntheit und der offene Forumscharakter können den Keim der Beliebigkeit in sich tragen. Früher haben Katholikentage nicht selten klare Beschlüsse gefasst und erfolgreich versucht, diese umzusetzen.

Vielleicht sollte diese Dimension der Katholikentage zur zweiten gefährlichen Erinnerung werden. Auch heute wünschte man sich, allem legitimen Pluralismus zum Trotz, eindeutige Stellungnahmen zu den zentralen politischen oder innerkirchlichen Themen. Inhaltlich mehr klare Kante entspräche zumindest der Tradition der Katholikentage.

Was spricht eigentlich gegen ein klares Votum des Leipziger Katholikentags für die Weihe von Frauen zu Diakoninnen? Nachdem Papst Franziskus diese Frage, von der nicht wenige behauptet haben, Johannes Paul II. habe sie bereits 1994 endgültig negativ beantwortet, vor wenigen Wochen überraschend wieder für offen erklärt hat, wäre das ein deutliches Signal. Dann wäre dieses Jubiläum nicht nur ein harmloses Fest.

3. Ohne ein ausgewogenes Verhältnis von kirchenpolitischem Gestaltungswillen und Glaubenserfahrung keine Katholikentage

Am Anfang ging es auf den Katholikentagen eindeutig um Politik und nicht um fromme Übungen. Heute bieten sie vor allem Erfahrungsraum für ein Gemeinschaftserlebnis des katholischen Glaubens. Glaube wird dargestellt und gefeiert. Dadurch geschehen sicherlich Identifikation und Selbstvergewisserung. Diese Funktion ist heute von zentraler Bedeutung, und es gehört zur Erfolgsgeschichte dieser altehrwürdigen Institution, dass sie dynamisch auf die Herausforderungen reagiert hat, die sich aus der weitgehenden Auflösung des katholischen Milieus ergeben haben.
Man darf das eine aber auf keinen Fall gegen das andere ausspielen. Im Gegenteil. Der alte Satz gilt immer noch: „Je spiritueller wir sind, desto politischer müssen wir werden, je politischer wir handeln wollen, desto spiritueller müssen wir sein“ (Karl Rahner). Weder Spiritualität noch Politik aus dem Glauben sind harmlos, sondern enthalten durchaus gefährliches Potenzial.
(...)

5. Ohne Frauen keine Katholikentage

Katholikentage waren jahrzehntelang reine Männersache, und Frauen gehörten für die männlichen Delegierten schlicht an Heim und Herd. So wurde 1882 in Frankfurt geklagt, dass zu viel Schulbildung bei Mädchen zu „Vielwisserei auf Kosten der Bildung des Geistes und Herzens führen“. Es dauerte bis 1921, nach der Einführung des Frauenwahlrechts durch die Weimarer Verfassung, bis Frauen auf Katholikentagen endlich willkommen waren.

Aber katholische Männer taten sich weiterhin schwer mit selbstbewussten Frauen. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gab es auf Katholikentagen klare Rollenerwartungen im Hinblick auf die Geschlechter. 1952 endlich wurde mit Hedwig Klausener eine Frau Präsidentin eines Katholikentags, von 1988 bis 1997 leitete Rita Waschbüsch das Zentralkomitee und war eine der Gründerinnen des Vereins „Donum Vitae“ zum Schutz des ungeborenen Lebens. Kurz: Frauen haben sich ihren Platz auf den Katholikentagen mühsam erkämpfen müssen. Deshalb muss gelten: Ohne Frauen keine Katholikentage, ohne Frauen in verantwortungsvollen Ämtern und Diensten keine Zukunft unserer Kirche.

Fazit: „Freudig und furchtlos ans Werk gehen, das unsere Zeit erfordert“. 100 Katholikentage – das ist eine Erfolgsgeschichte für die Kirche, das ist aber vor allem eine Erfolgsgeschichte für die katholischen Laien. Der deutsche Laienkatholizismus ist ein gelungenes Alternativmodell zum römischen Konzept der „Katholischen Aktion“, in dem Laien in strikter Unterordnung unter die Hierarchie lediglich als Transmissionsriemen päpstlicher und bischöflicher Weisungen handeln durften. Auf Katholikentagen haben Katholikinnen und Katholiken schon lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil selbstbewusst als mündige Christen agiert. 50 Jahre nach Ende des Konzils ist es aber höchste Zeit, seine Beschlüsse endlich umzusetzen. In seiner Rezeption besteht eine wesentliche Verpflichtung der Katholikentage der Zukunft.

Hubert Wolf ist geweihter Priester und lehrt Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Münster. Der Text ist die gekürzte und leicht bearbeitete Fassung seines Festvortrags für den Katholikentag.

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