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Kirche „Die katholische Sexualmoral ist unmenschlich“

Joachim Reich ist Deutschlands einziger Zölibatsberater für Priester, die mit der Keuschheit hadern. Er kritisiert die Lehre der Kirche über Sexualität – und auch den neuerlichen Vorstoß der Bischöfe.

Rom
Priesterweihe im Petersdom in Rom. Foto: afp

Herr Reich, seit zehn Jahren beraten Sie in Berlin Kleriker, die mit ihrem Zölibatsleben hadern. Überrascht es Sie, dass der Berliner Erzbischof Heiner Koch auf Anfrage von Ihrer kirchlich unabhängigen Arbeit nichts wissen wollte?
Ja und nein. Es zeigt nur, dass die Kirche sich immer noch das jungfernhafte Unbehagen leistet, sich mit der Sexualität ihrer Leistungsträger nicht ehrlich zu befassen, wie dies übrigens in vielen Organisationen und gesellschaftlichen Kontexten der Fall ist – Stichwort #MeToo. Allerdings erhebt keine andere Organisation – außer der katholischen Kirche – für sich den Anspruch, die globale und einzige Moral-Agentur der Menschheit zu sein. Nicht nur die weltweiten kirchlichen Missbrauchsfälle, auch ein Blick in 2000 Jahre Kirchengeschichte sollte doch wirklich ausreichen, moralische Hegemonie und ekklesiale Selbstgerechtigkeit in stille Demut zu verwandeln. Und ja, auch zölibatäre Kleriker bleiben sexuelle Wesen!

Als Priester, Leiter und Therapeut einer kirchlichen Ehe- und Lebensberatungsstelle in Berlin haben Sie damit zu tun bekommen – und zwar ganz unerwartet.
Wir waren keine offizielle Beratungsstelle für Priester und Ordensleute – was es auch immer noch nicht gibt –, aber es meldeten sich eben zunehmend Kleriker und Ordenschristen, denen ihre Sexualität in die Quere kam. Und die Anfragen erreichten mich aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. Probleme, den Zölibat zu halten, beziehungsweise ihn nicht mehr halten zu können war eines der Hauptthemen und das kann sich natürlich ganz unterschiedlich äußern: in exzessiver Masturbation, scheinbar zufälligen Affären, anonymem Sex in Clubs, Bezahlsex, erotischen Urlaubsbekanntschaften oder langjährigen, eheähnlichen hetero- oder homosexuellen Beziehungen. Immer sind solche heimlichen Aktivitäten und Beziehungsformen überaus schambesetzt und die Angst, entdeckt und denunziert zu werden, zehrt an der Seele der Betroffenen. Die wenigsten Kleriker sind zölibatär hochbegabt. Der Rest arrangiert sich, mehr schlecht als recht mit der beruflich geforderten ehelosen Keuschheit.

Hat Sie das als Theologe, Sexualtherapeut und kirchlich Beratender nicht in die Bredouille gebracht?
Wäre ich mit der Dogmatik unter dem Arm und dem Katechismus auf dem Tisch in eine Beratung gegangen, dann hätte ich wohl wenig zu einer echten Verbesserung der Lebens- und Leidenssituation dieser Kleriker und anderer Ratsuchender beigetragen. Nicht selten hatten diese schon in der Beichte oder in einer geistlichen Begleitung Verständnis und Unterstützung gesucht, dann aber oft glasklare Katechismusweisheiten zu hören bekommen oder waren auf hochrotes Unverständnis gestoßen.

Was haben Sie da als kirchlich Beratender gemacht?
Gemäß bestem Wissen und Gewissen und meinem therapeutischen Ethos nach beraten. Also nichts anderes, was ich heute in freier Praxis mache. Abgesehen davon kenne ich auch keine kirchlichen Ehe-, Familien- und Lebensberaterinnen und -berater, die die katholische Ehe- und Sexualmoral 1:1 umsetzen, schon deshalb nicht, weil dann eine Beratung oft innerhalb weniger Minuten beendet wäre.

Inwiefern?
Ich hätte zum Beispiel einer 28-jährigen Mutter mit drei Kindern, deren Ehemann mit einer anderen vor Jahren durchgebrannt war und kurz danach die Scheidung eingereicht hatte, sagen müssen, sie solle gefälligst bis zum Tod ihres Ex-Ehemannes allein und alleinerziehend bleiben, natürlich sexlos. Erst danach könne sie eine neue kirchlich beanstandungsfreie, eheliche Beziehung eingehen. Ach so, und den neuen Freund, den sie vor einem Jahr kennengelernt hatte, der bei ihr eingezogen war und der sich auch noch wunderbar mit ihren Kindern versteht, von dem müsse sie sich natürlich sofort trennen oder doch zumindest die sexuelle Beziehung zu ihm einstellen, denn sie lebe in einer schwer sündhaften, ungeordneten, bigamistischen Liaison. Das ist nicht nur realitätsfern, sondern auch unmenschlich und hat mit dem Christentum, wie ich es verstehe, nichts zu tun.

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