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Kinski Ein Sprung im Zacken

Im April befindet eine Jury darüber, ob Klaus Kinski einen Stern am Berliner Boulevard der Stars verdient hat.

Klaus Kinski: Darf ein Kinderschänder geehrt werden, weil er zufällig auch ein genialer Schauspieler ist? Foto: Getty Images

Den Vandalismus sollte man den Vandalen überlassen. Oder den Taliban. Sich ein Denkmal gewaltfrei wegzuwünschen, ist aber wohl erlaubt. Und der Kinski-Stern am Berliner Boulevard der Stars ist ja noch nicht einmal ein Kunstwerk, sondern erst einmal eine dreiste Kopie des 1958 eingeweihten Walk of Fame in Hollywood. Aber bitte: Ehre den Filmkünstlern, die wir lieben.

Wie aber könnte das Denkmal eines gefallenen Stars aussehen? Eines Künstlers, ohne den wir uns viele Meisterwerke des Kinos gar nicht vorstellen könnten? Den wir aber leider nicht mehr lieben können, seit wir in ihm auch, nach Pola Kinskis Offenbarung, den Kinderschänder sehen?

Wegwünschen hilft wenig. Erst im April will die Stern-Jury darüber befinden. Ihr Mitglied Alfred Holighaus bekannte im Tagesspiegel, wenn die Vorwürfe sich bewahrheiteten, würde er sich am liebsten darüber übergeben. Die Schauspielerin Valeska Hanel bestärkt ihn dazu in einem deutlichen Brief: „Kinski muss – wie jeder Kinderschänder – entehrt werden. Seine Filme zu sehen muss überschattet werden mit dem Wissen, dass seine Tochter diese Fratze unter den unglücklichsten Umständen ertragen musste, bitte setzen Sie ein Zeichen! Das Böse darf an dieser Stelle nicht banalisiert werden!“

Nun sind seit dem Mauerfall ja schon größere und künstlerisch bedeutendere Berliner Denkmäler gestürzt worden. Ein ganzer Palast wurde zertrümmert und das unter aller Augen. Was wäre also, wenn wir eines Morgens über die Potsdamer Straße flanierten und Kinskis Stern hätte einfach einen tiefen Sprung, wer weiß woher?

Die Adressaten posthumer Weihen sind wir selbst

Würde nicht mit der zerbrochenen Bronze auch der Jury ein schwerer Stein vom Herzen purzeln? Dann wäre sie wohl aus dem Schneider: Sie bräuchte gar nichts mehr unternehmen und könnte das Ding so lassen, wie es ist. Als Denkmal für ein gefallenes Idol, dessen Ruhm, wir können es nicht ändern, nun einmal seinen Schaden abbekommen hat. Und zwar ganz allein durch Kinskis eigenes, lange verborgenes Tun.

Die Stellungnahme der Sternenhüter lautet indes noch immer: „Die Beurteilung der menschlichen Qualitäten der Protagonisten auf dem Boulevard der Stars muss anderen Instanzen vorbehalten bleiben.“

Besagter Instanz dürfte Kinski vielleicht noch begegnen, wenigstens am jüngsten Tag. Bis dahin aber bleibt er tot, und wir können ihn weder ehren noch entehren. Die Adressaten postumer Weihen sind wir selbst, die Nachwelt. Denkmäler werden überall gestürzt, wenn die Idole fallen. Zu sorgen braucht man sich dabei lediglich um den Kunstwert der Artefakte selbst. Was hier wohl die geringste Sorge wäre.

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