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Kinostart Wickie und der letzte Kreuzzug

Christian Ditters „Wickie auf großer Fahrt“ will sich vom Trickfilm-Bengel lösen, strebt nach großem Fantasy-Kino – und kommt dabei vom Kurs ab, findet unser Autor.

Das wäre nicht nötig gewesen: Wickie in 3D-Technik. Foto: Constantin

Wem gehört denn das kleine Mädchen da?“ Die Frage der feindlichen Häscher ist gar nicht so abwegig. Trotz stabiler Einschaltquoten bei jeder Wiederholung der Trickserie im Kinderkanal soll es immer noch Deutsche geben, die den Wikinger-Jungen für ein Mädchen halten. Vielleicht, weil man zur Zeit der Erstausstrahlung 1974 im ZDF damit rechnen musste, am selben Fernsehabend noch einer Schlagersängerin namens Vicky Leandros zu begegnen. Doch der Wickie mit „W“ war schon damals mehr als ein Schlager, heute ist er ein Evergreen. Nicht nur im Titelsong, den diesmal Nena intonieren darf. Und noch einen seiner Hits hat der rothaarige Mini-Recke bei seinem zweiten Realfilmauftritt mit an Bord: seinen Einsatz moderner Dentalhygiene am jammernden Snorre, der seinen hohlen Zahn durch Pfeil und Bogen los wird. Bild für Bild orientiert sich der 34-jährige Regisseur und Drehbuchautor Christian Ditter in dieser Szene an der Trickfilmserie, doch besonders treu ist er ihr nicht geblieben, noch weniger ihrer Vorlage, der Kinderbuchserie des Schweden Runer Jonsson.

Im Mittelpunkt steht der „schreckliche Sven“, jener Schurke, den die Fernsehmacher einst hinzuerfanden, weil Jonsson, der sich als Journalist gegen die Nazis engagiert hatte, den ärgsten Feinden seiner Wikinger teutonische Züge gegeben hatte. In der von Ditter erfundenen Geschichte hat er kurzerhand Häuptling Halvar in sein eisiges Domizil, das „Kap der Angst“ entführt. Einmal freilich von der Vorlage abgewichen, vertraut der Regisseur und Co-Autor Ditter auf die eigene Phantasie. Und verliert dabei merklich den Kurs. Wo Sven ist, ist auch eine Svenja nicht weit: So heißt ein Mädchen mit Muschelschmuck im Haar, dass es darauf anlegt, den kleinen Wickie vom Pfad der Tugend abzulenken. Was immer Wikinger auch unter Tugend verstehen. Es lässt sich darüber streiten, ob es legitim ist, eine solche Erwachsenen-Idee von Romantik auf Kinder zu projizieren.

Übers Ziel hinausgeschossen

Einen zweistelligen Millionenbetrag investierte die Constantin-Film in diesen international auswertbaren Familienfilm, inklusive einer 3D-Technik, die den Bildraum weniger vergrößert als die Eintrittspreise. Und doch betont aller äußerer Aufwand nur die Einfallsnot einer Filmerzählung, die sich in der gemütlichen Nussschale der Wikingerwelt nicht weit genug in Richtung Fantasy-Blockbuster entfernen kann. Am Ende muss noch eine Eisfestung nordischer Gottheiten zu Bruch gehen, so als befinde man sich auf Indiana Jones’ letztem Kreuzzug.

Wie liebevoll hatten sich Jonsson und die ersten japanischen Trickfilmregisseure die sagenhaften Burgen ausgemalt, die von dicken Königen, albernen Gauklern und trinkfreudigen Kerkermeistern bewohnt waren. Hierin steckte genug Stoff für großes Kino. Doch der Markt verlangte offenbar nach digitalen Effekten, die so künstlich aussehen, als seien die Recken von Flake in der Cartoonwelt von „Ice Age“ unterwegs. Die Enttäuschung ist umso größer, als mit Bully Herbigs Regie-Verzicht auch jeder humoristische Ansatz verloren ging. Dabei ist auch sein Nachfolger kein Unbekannter: Seit seiner Neuauflage der „Vorstadtkrokodile“ gilt Ditter als große Hoffnung im deutschen Genrekino, nun zieht es ihn zu neuen Ufern. „Wickie auf großer Fahrt“ steuert mit vollen Segeln in Richtung Hollywood-Blockbuster – und schießt weit über das Ziel hinaus, einem Kinderklassiker gerecht zu werden. Da waren die echten Wikinger nobler. Sie entdeckten Amerika – und machten davon wenig Aufhebens. Den Ruhm überließen sie einem gewissen Christoph Kolumbus.

Wickie auf großer Fahrt; Deutschland. 2011; Drehbuch & Regie: Christian Ditter, Darsteller: Jonas Hämmerle u. a.; 96 Minuten, Farbe. FSK o.?A.

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