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Kinofilm "Tim und Struppi" Die Realität der Fantasie

Hagel und Granaten! Steven Spielbergs „Die Abenteuer von Tim und Struppi" ist der beste Abenteuerfilm seit Langem. Dabei spielen zwar echte Menschen mit, aber auf der Leinwand werden sie zu einer Animation.

Jamie Bell als Tim in dem Animationsfilm "Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der 'Einhorn'". Foto: dapd

Hagel und Granaten! Steven Spielbergs „Die Abenteuer von Tim und Struppi" ist der beste Abenteuerfilm seit Langem. Dabei spielen zwar echte Menschen mit, aber auf der Leinwand werden sie zu einer Animation.

Selbst Tim, dem unerschütterlichen Vorbild aller investigativen Journalisten, erstirbt einmal die Hoffnung. Plötzlich glaubt auch er nicht mehr daran, das „Geheimnis der Einhorn“ doch noch zu lösen. In alle Winde verstreut sind die kleinen Pergamentstreifen, die, versteckt in drei Schiffsmodellen, auf die letzte Ruhestätte des vor Jahrhunderten gesunkenen Schatzschiffs verweisen. „Du bist ein Pessimist!“, schimpft da Kapitän Haddock, der letzte Nachfahre des unglückseligen Seefahrers. „Nein“, erhält er prompt zur Antwort, „ich bin ein Realist.“ Für den beherzten Seemann bedeutet Realismus freilich nichts anderes als Duckmäusertum.

Das Wunder der Comics von Hergé liegt zwischen diesen von seinen Protagonisten so scharf markierten Polen: dem Realismus der klaren Linienzeichnungen, die der Welt des fortschrittsbegeisterten Hobbydetektivs Tim alias Tintin entspricht – und der Macht der Fantasie, wie sie den trinkfreudigen Käpt’n auf konstantem Schlingerkurs hält. Das in seiner Familienunterhaltung sonst so sittsame Hollywood hat nicht nur der Versuchung widerstanden, ihn trockenzulegen. Der Regisseur Spielberg gewinnt dem tiefen Blick ins Glas sogar noch malerisch verzerrte 3D-Bilder ab.

Das Fantastische im Realen: Schon Jules Vernes Romane lebten von der Gleichwertigkeit beider Pole und von dem mit dem 20. Jahrhundert weithin versunkenen Glauben an eine Wissenschaft, die dazu da ist, Träume wahr werden zu lassen. Steven Spielberg übertrug diese bezwingende Formel auf seine schönsten Filme: „Der weiße Hai“, „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, „E.T.“, „Jäger des verlorenen Schatzes“. „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ kann man nun getrost dazu zählen.

Durch das digitale Makeup entsteht eine eigene Filmästhetik

Kein Wunder, dass der Zeichner und Filmfan Hergé im Kino-Träumer Steven Spielberg den idealen Regisseur seiner Comics ausgemacht hatte. 1981, zwei Jahre vor seinem Tod, hatte sich der Belgier für „Indiana Jones“ begeistert. Spielberg entdecke kurz darauf die in den USA noch wenig bekannten „Tintin“-Alben, und eine anregende Telefonfreundschaft unter Seelenverwandten begann. Noch heute beherrscht niemand die Balance zwischen dem Realismus und dem Fantastischen so traumtänzerisch wie der Amerikaner. Abgesehen vielleicht von Peter Jackson, den er vorsorglich als Produzenten mit ins Boot geholt hat. Der Neuseeländer leitete zusätzlich die Second Unit und steht als Regisseur der Fortsetzung in den Startlöchern.

Dennoch blickten Hergé-Fans ängstlich auf das Ende der dreijährigen Filmarbeiten. Schließlich war der Zauber bei allen früheren Verfilmungen mehr oder weniger auf der Strecke geblieben. Zugegeben, die beiden abendfüllenden Zeichentrickfilme, die Tim und Struppi 1969 und 1972 zu Sonnentempel und Haifischsee führten, waren Lichtblicke in den Nachmittagsvorstellungen des Vorortkinos meiner Kindheit. Aber ihre rein äußerliche Treue zur Anmutung der Figuren, der fehlende Esprit und das langsame Tempo vermittelten doch eine recht spießige Vorstellung der abenteuerlichen Welt von Hund und Herrchen.

Man kann aufatmen: „Die Abenteuer von Tim und Struppi. Das Geheimnis der Einhorn“ ist ein Wunderwerk der Gattung „Kino der Attraktionen“, das den Zuschauer in den ersten Szenen einfängt mit seiner minutiösen Rekonstruktion von Hergés Brüssel. Man hat sich für eine unbestimmte Vergangenheit entschieden, in der Automodelle der Dreißiger- und Vierziger-Jahre durch die Straßen kurven. Das Hergé-Archiv besitzt noch die Prospekte, nach denen der akribische Künstler arbeitete, und es verwundert nicht, dass sogar die Wasserfarben den Original-Lackierungen entsprachen. Übertragen auf die Welt von Spielbergs Fantasy-Realismus heißt das in der technischen Umsetzung, dass überlebende Oldtimer der gleichen Modelle gesucht, eingescannt und in 3D-Animationen übertragen werden mussten.

Auch die Stars sind eingescannte Originale: Jamie Bell aus „Billy Elliott“ spielt Tim in der komplett mit realen Schauspielern vorgedrehten Digitalanimation, Andy Serkis gibt den Haddock und Daniel Craig ihren haltlos schurkischen Gegenspieler, den gierigen Iwan Iwanovitsch Sakkarhin. „Motion Capturing“, dieses unechte Animationsverfahren, in dem Darsteller in Datenanzügen agieren, wurde inzwischen in „performance capturing“ umbenannt. Wirkten die Helden der ersten großen Kinofilme nach diesem Verfahren, „Final Fantasy“ und „Der Polarexpress“, noch häufig wie lebendig geworden Schaufensterpuppen, ist man jetzt viel weiter. Spätestens nach einigen Minuten nimmt man das „digitale Makeup“ – so der Fachausdruck der Maskerade – nicht mehr als unnatürlich war. Zum ersten Mal hat man nicht mehr das Gefühl, es mit einem schlechten Kompromiss aus Real- und Trickfilm zu tun zu haben sondern einer eigenständigen Filmästhetik. Das liegt allerdings weniger an der fortgeschrittenen Technik als an der Personenregie von Steven Spielberg.

Wie liebevoll Spielberg die Filmszenen miteinander verbunden hat

Aber Regie und Technik agierten auf verlorenem Posten ohne das ausgefeilte Drehbuch, das gleich drei Comicbücher zusammenfasst: „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“, „Das Geheimnis der ,Einhorn’“ und „Der Schatz Rackhams des Roten“.
Wie man sich die dabei erlaubte künstlerische Freiheit konkret vorstellen muss zeigt eine der schönsten Szenen aus dem „Einhorn“: Im der Geschichte findet Tim seine gestohlene Geldbörse mit dem mitteilsamen Pergamentstück bei einem Taschendieb wieder. Wie im Comic verfügt der Überführte – der darauf Wert legt, kein Dieb sondern ein Kleptomane zu sein – über eine ganze Bibliothek erbeuteter Brieftaschen, die er nach ihren Besitzern sortiert hat und wie Fetische hütet. Ob Hergé wohl davon ausging, dass es bei manischen Comic-Sammlern ganz ähnlich aussehen könnte? In der Spielberg-Version ist Tim beim Coup der trotteligen Polizeibeamten Schulze und Schultze gar nicht anwesend. So haben die beiden Gelegenheit, noch etwas länger im Trüben zu fischen, obwohl der Taschendieb alles daran setzt, sich geständig zu zeigen.

Während diese Szene den Detailreichtum der Vorlage sogar übertrifft, sucht man vergeblich nach der liebgewonnenen Nebenfigur aus „Der Schatz Rackhams des Roten“: Den harthörigen Professor Bienlein hat man sich wohl für die Fortsetzung aufgehoben. Faulheit jedenfalls, eine in der Welt von Tim und Struppi nicht vorgesehene Charakterschwäche, war es nicht.

Man muss nur einmal darauf achten, wie liebevoll Spielberg die Filmszenen miteinander verbunden hat. Da wird aus einem tosenden Meer in der nächsten Einstellung eine kleine Pfütze und aus einem Handrücken die Sahara. „Nie hätte ich Hergé verfilmen können, wenn ich all seine Landschaften im Studio hätte nachbauen müssen“, erklärte Spielberg die fast dreißigjährige Wartezeit auf diesen würdigen Nachfolger seiner „Indiana-Jones“-Reihe. Erst die digitalen Bildmaschinen können füllen, was Hergé mit seiner klaren Linie umrissen hat: die Realität der Fantasie.

Die Abenteuer von Tim und Struppi. USA 2011. Regie: Steven Spielberg.
Mit Jamie Bell, Daniel Craig, Andy Serkis. 107 Min., Farbe. FSK: ab 6

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