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"Zeiten des Aufruhrs" Erdrückend banale Existenz

Elf Jahre nach "Titanic" sind Kate Winslet und Leonardo DiCaprio wiedervereinigt - und erneut ist ihnen keine rosige Zukunft vergönnt. Von Katja Lüthge

15.01.2009 00:01
KATJA LÜTHGE
Der neue Film von Sam Mendes, "Zeiten des Aufruhrs", kommt am Donnerstag in die Kinos
Lange währt das Glück nicht: Kate Winslet und Leonardo di Caprio sind wieder ein Paar. Foto: Verleih

War es Eifersucht auf den (Film-)Nebenbuhler oder die pure Lust am Zynismus, die Sam Mendes das Filmliebespaar des ausgehenden Jahrhunderts nun endgültig ins Unglück stürzen lässt? Was wäre gewesen, wenn der Eisberg die Titanic nicht aufgeschlitzt und die flammende Liebe zwischen Rose (Kate Winslet) und Jack (Leonardo DiCaprio) so grauenvoll abgekühlt hätte? Lässt sich angesichts des perfekten Paares etwas anderes als "Happy ever after" denken? Offensichtlich.

In "Zeiten des Aufruhrs" hat der Regisseur und Ehemann von Kate Winslet, Sam Mendes, die so eindeutig füreinander Bestimmten nach elf Jahren für das Kino wiedervereint - allerdings nicht mit der Absicht, ihnen dieses Mal eine rosige Zukunft zu schenken. Nur in den allerersten Minuten des Films mag sich die Zuschauerin in der Hoffnung wiegen, es könne alles gut werden. Kate Winslet (April) und Leonardo DiCaprio (Frank) sehen trotz der mittlerweile ins Land gegangenen Jahre immer noch umwerfend aus, sie sind jung verliebt und wollen das Leben abseits konfektionierter Modelle genießen. Zwei Kinder und ein schönes Haus in der Revolutionary Road (so der Originaltitel) in einem Vorort in Connecticut. Später wird der Kampf um die Verwirklichung der Jugendträume dann allerdings traurig tödlich enden.

Der US-amerikanische Autor Richard Yates veröffentlichte seinen viel gepriesenen, aber nicht gleichermaßen gut verkauften Debütroman "Revolutionary Road", der als Vorlage fungiert, 1961. Akribisch genau beschreibt er die Stimmung der Nation nach dem Zweiten Weltkrieg und das Scheitern seiner Protagonisten mit ihren auf das private Glück fokussierten Sehnsüchten. Sie führen unter dem ungeheuren Konformitätsdruck in eine erdrückend banale Existenz. Obschon Yates also die Fallstricke einer bürgerlichen Lebensweise luzide zu beschreiben wusste, ist es ihm wohl selbst nie gelungen, einen Gegenentwurf zu leben.

Um wie vieles schlechter müssen da die Chancen für April und Frank stehen? Sam Mendes konzentriert sich in "Zeiten des Aufruhrs" auf die Beziehung zwischen den beiden, um die ganze Enge einer auf Sicherheit ausgerichteten Gesellschaft zu zeigen. Dazu ist er in den US-amerikanischen Vorort zurückgekehrt, eine Anhänglichkeit an den inkarnierten Ort des Schreckens, dem er schon in "American Beauty" seine Aufmerksamkeit schenkte.

Anders als in seinem zeitgenössischen Drama um Desillusion und unmögliche Aufbrüche fehlt es "Zeiten des Aufruhrs" aber gänzlich an Komik und Spielerei. Statt dessen dominieren die beiden Hauptdarsteller den tragisch-deprimierenden und unausweichlich scheinenden Niedergang einer großen Liebe. In dem dialog-lastigen, kammerspielartig angelegten Film gelingt es Winslet und DiCaprio hervorragend, ihre gegenseitigen Demütigungen und Verletzungen in Mimik und Körpersprache umzusetzen.

Trailer "Zeiten des Aufruhrs"

Besonders deutlich wird das, als der Traum, das zermürbende Büro- und Hausfrauenleben hinter sich zu lassen und nach Paris (!) auszuwandern, für einen kurzen Moment in vermeintlich greifbare Nähe rückt. Wie strahlend die Gesichter, wie weich und zuversichtlich die Körper! Wie tief der Fall, der besonders April mit aller Gewalt in die Grenzen der herrschenden Geschlechterordnung zurückkatapultiert.

Als würde er dem intensiven Spiel letztendlich aber nicht trauen, hat sich Mendes vorsorglich abgesichert. Überdeutlich ist bisweilen die Filmsprache, wenn etwa April kurz vor dem ultimativen Ausweg in weißes Licht getaucht wird. Und obwohl erfreulich viel geraucht und getrunken wird und die Ausstattung, die Einrichtung, die Kostüme, die Hundertschaften nicht voneinander zu unterscheidender Hutträger, die morgens mit dem Zug in die Stadt zum Arbeiten fahren, ganz sicher auf authentische Weise gut sind, unterläuft dieser Wille zur Perfektion eher die beklemmend ausweglose Tristesse. Vollkommen zu Recht wurde Kate Winslet dagegen nun gerade für ihre Leistung in "Zeiten des Aufruhrs" mit einem Golden Globe geehrt.

Zeiten des Aufruhrs, USA/GB 2008, Regie: Sam Mendes. 119 Minuten

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