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"Zeit der Kannibalen" Der Sound des Dschihad

Ein toller deutscher Wirtschaftsthriller mit großartigen Schauspielern: "Zeit der Kannibalen" von Johannes Naber.

21.05.2014 15:01
Anke Westphal
Intrigen spinnen in der immergleichen Hotelausstattung: Devid Striesow (l.) und Katharina Schüttler. Foto: dpa/Farbfilm

Hohe Gehälter, tolle Garderobe, Flüge in der Business Class, Nächte in teuren Hotels mit Koks, Champagner und Callgirls, und am Tag lassen sie dann schon mal so einen kleinen pakistanischen oder nigerianischen Unternehmer zappeln – bis sie ihm doch klar und deutlich sagen, dass es leider nichts wird mit dem großen Auftrag. Unternehmensberater stehen nicht gerade in hohem Ansehen bei Arbeitnehmern, die keine 100 000 Euro im Jahr verdienen, und der neue deutsche Spielfilm „Zeit der Kannibalen“ wird das auch nicht ändern.

Eher im Gegenteil. Hier wird dem Zuschauer ein wahres Trio infernale vorgeführt – Leute, die man bei sich zu Hause nicht einmal tot über dem Gartenzaun hängen haben will. Leute, die es in dieser charakter-pathologischen Ausprägung hoffentlich nicht allzu häufig gibt. Egomanen, Narzissten, Menschen ohne sogenannte social skills. Frank etwa schnüffelt in den Sachen seines Kollegen Kai, und als er von dem erwischt wird, meint er nur zynisch: „Ich würde deine Privatsphäre ja zu gern respektieren, aber…“. Warum auch Respekt, wo Kai nur Ossi ist, worüber Frank ausgiebig gemeine Scherze macht. Wer nun Mitleid verspürt mit Kai, sieht sich gleich eines Besseren belehrt, als dieser einen farbigen Hotelangestellten dermaßen niedermacht, ja demütigt, dass einem die Ohren wackeln.

Als Zuschauer möchte man kräftig durch- und aufatmen, als der Regisseur Johannes Naber eine dritte Figur einführt in seinem Film. Bianca scheint die nicht allein zwischen den beiden Männern herrschende, sondern vielmehr gegen alles und jeden gerichtete Aggressivität zunächst zu mildern mit ihrem politisch korrekten, feministisch angereicherten Vermittlungswillen. „People, Profit, Planet in Balance“ ist ihre Devise. Aber auch Bianca ist Unternehmensberaterin. Dass sie sich durch Ehrgeiz, Leistungsdruck, Gier, Konkurrenzangst ebenso hat zurichten lassen wie ihre männlichen Kollegen, wird offenbar, als eine andere, von den dreien ignorierte Wirklichkeit einbricht in die flirrende Sphäre dieser Mover und Shaker.

Gnadenlose Dringlichkeit

„Zeit der Kannibalen“ ist einer der aufregendsten neuen deutschen Filme der vergangenen Jahre. Ausschließlich in geschlossenen Räumen, in Hotelzimmern und Meeting-Sälen angesiedelt und im Studio gedreht, entwickelt dieser Wirtschaftsthriller eine gnadenlose Dringlichkeit, eine Präzision im Bild wie im Wort und einen Sog, der selten ist im Kino. Nabers Protagonisten kommen in der Welt herum und bewegen sich dabei doch nur in den immer gleichen Hotelketten der Entwicklungsländer. Nur die Hautfarben der Angestellten und die Kunden wechseln. Und deren Namen merken sich die drei Berater gar nicht erst.

Man sieht drei hochintelligenten, aber sozial wesentlich beschädigten Menschen dabei zu, wie sie einander bewusst hintergehen und verletzen, selbstredend immer unter dem Mantel der Coolness. Man sieht auch drei großartigen Schauspielern – Devid Striesow, Sebastian Blomberg, Katharina Schüttler – dabei zu, wie sie mit äußerster Genauigkeit an den wechselnden Allianzen und der Beziehungsdynamik ihrer Figuren arbeiten. Das Ganze ist ein heikles Spiel in einer Art Hochdrucklabor – nämlich jener real existierenden Kunstwelt des Kapitalismus, in der das Außen nichts gilt. „Up or out“ heißt es in der Arbeitswelt dieser Unternehmensberater; Status und Statussymbole sind wesentlich. Eigentlich führt man permanent Krieg gegeneinander, auch wenn man anstößt auf einen Erfolg. „Du siehst super aus – hast du was machen lassen?“ Oder, wahrscheinlich wird das in Seminaren für Führungskräfte gelehrt: „Was ist so schlecht an demotivierten Mitarbeitern! Sie arbeiten härter als andere, um ihrer Selbstzweifel Herr zu werden!“

Doch diese drei sind noch nicht so kaputt, als dass sie den auf ihnen lastenden Druck nicht noch an andere weitergeben könnten. Bis sich dann, nur für Ignoranten unerwartet, Gegendruck aufbaut aus einer Sphäre, die sie bis dato nicht zur Kenntnis nahmen: Islamische Terroristen besetzen die Stadt und auch das Hotel. Nun herrscht wirklich Krieg. Auf Leben und Tod.

Zeit der Kannibalen, Dtl. 2014. Regie: Johannes Naber. 93 Minuten.

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