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„Wolfskinder“ Verlassen in der Fremde

In seinem ersten Langspielfilm erzählt Rick Ostermann vom Schicksal der „Wolfskinder“ nach dem Zweiten Weltkrieg und ist dabei überdeutlich.

27.08.2014 16:01
Ulrich Seidler
Nur durchkommen: Asta und Paul. Foto: dpa

Wie schön es dort ist: Die Wolken bauschen sich in der Sommerbrise. Die Sonne schickt schräge Strahlen tief in die Wälder. Fliegersamen schwärmen über Blumenwiesen, fangen das Licht und lassen an zartes Schneegestöber denken. Es gibt unzählige Seen, endlose Schilffelder, Moore und Sumpfwiesen mit Störchen, die sich an den herumspringenden Fröschen satt fressen können. Der 14-jährige Hans fängt ein paar von den Hüpfern, tötet sie und bringt sie zu seinen Gefährten, die ihm mit einen kleinen Lächeln danken und die grünen, schlaffen Dinger essen. Die Hungersnot war groß in Ostpreußen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In der völlig zerstörten Stadt Königsberg gab es Fälle von Kannibalismus, dokumentiert sind Klopse aus Menschenfleisch.

Das Langfilmdebüt „Wolfskinder“ von dem 1978 in Oldenburg geborenen Rick Ostermann hatte vor einem Jahr beim Festival Venedig seine vielbeachtete Premiere und läuft nun in unseren Kinos an. Er widmet sich den Opfern eines dunklen, lange ausgeblendeten Kapitels der Nachkriegsgeschichte: den Kindern, die bei der Flucht von Hunderttausenden in Ostpreußen lebenden oder dorthin evakuierten Deutschen vor der Roten Armee von ihren Familien getrennt wurden und auf sich allein gestellt waren. Viele waren nicht mal fünf Jahre alt. Sie sind im Gedränge auf Bahnhöfen oder Häfen verloren gegangen; ihre Angehörigen starben bei Angriffen auf die Flüchtlingstrecks, an Hunger, an Typhus, an den Folgen von Vergewaltigungen. Viele dieser Kinder schlugen sich nach Litauen durch und kamen als Hütekinder bei Kleinbauern oder als Haushaltshilfen unter, manche auch bei den litauischen „Waldbrüdern“, Partisanen, die gegen die sowjetische Besatzung kämpften. Viele verhungerten oder wurden als Deutsche von sowjetischen Soldaten erschossen oder in sibirische Gulags deportiert.

Aus Kinder-Perspektive

Ostermann versucht nicht, den Hergang der Geschichte aufzudröseln und zu deuten, sondern aus der Perspektive der Kinder von dem Unfassbaren zu erzählen, das sie erleiden und durchmachen mussten. Das Nachempfinden von individuellen Schicksalen braucht erst einmal keine historische Vergewisserung, keine Opfer-Täter-Kategorisierung, keine Schuldzuweisungen, keine Vergeltungskausalitäten. Dies alles soll bei der Identifikation mit den Kindern ausgeblendet werden. Auf diese Weise weckt man auch Mitgefühl für die heute unter Flucht, Vertreibung und Krieg leidenden Kinder. Herangehensweise und Absicht sind einleuchtend. Doch es funktioniert nicht so richtig.

Die Kinderdarsteller gehen mit bewunderungswürdigem Ernst an die Sache heran, aber wie sollen sie das Unfassbare glaubwürdig spielen: Hunger? Durst? Verlassenheit? Die Trauer um die soeben gestorbene Mutter? Erschwert wird die Identifikation durch die einerseits auf das Archaische reduzierten, andererseits symbolisch gehobenen Vorgänge und Handlungen, die Ostermann inszeniert. So muss die Hauptfigur Hans immer wieder das Amulett mit den Bildern seiner Eltern betrachten. Ein Mädchen bezahlt für eine Schale Suppe mit seiner Puppe. Und das Pferd, das in eine Kirche geführt wird, um erschossen zu werden, dürfte sich wie in einem Tarkowski-Film vorgekommen sein.

So ähnlich wie beim Erinnern werden Schlüsselmomente aneinandergereiht, wobei manche überdeutlich ausgeführt und andere gewollt lakonisch gehalten werden: Trennungen ohne Abschied, herumliegende Leichen, Schüsse ohne Grund. Dazu kommen die betörenden Naturaufnahmen, die geeignet sind, touristisches Interesse zu wecken. Dieser Film strebt einerseits nach Ästhetik, Allgemeingültigkeit und Symbolkraft, und andererseits beansprucht er Authentizität. Vielleicht wäre Fragen und Festhalten erst einmal vor Fiktionalisieren gegangen, zumal einige der Kinder von damals noch leben und ihre Geschichte loswerden wollen. In dem Buch „Wir sind die Wolfskinder. Verlassen in Ostpreußen“ von Sonya Winterberg kommen einige zu Wort. Wer erzählt, aber auch wer zuhört, ist nicht ganz verlassen.

Wolfskinder Dtl. 2013. Buch & Regie: Rick Ostermann. 94 Minuten.    

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