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Wim Wenders zum 70. Im Lauf der Zeit

Was er macht, ist ganz großes Kino im Wortsinn. Irritierend schön, ernsthaft und doch emotional, ein Erzähler. Regisseur Wim Wenders zählt zu den Großmeistern seines Fachs in Deutschland. Und nicht nur da.

Für Wim Wenders ist die fotografische Arbeit "die andere Hälfte meines Lebens", wie er sagt. Das Düsseldorfer Museum Kunstpalast hat die Ausstellung "Wim Wenders. Landschaften. Photographien" gerade bis zum 30. August verlängert. Foto: dpa

Wenn die Kunst des Kinos darin besteht, Bilder für die Ewigkeit zu schaffen, dann hat Wim Wenders gleich eine ganze Galerie davon auf seinem Konto: Bruno Ganz als trauriger Engel auf der Siegessäule unter dem „Himmel über Berlin“, Nastassja Kinski in der sich spiegelnden Scheibe einer Peep Show in „Paris, Texas“ oder Pina Bauschs Tänzer vor den monumentalen Industriedenkmälern des Reviers.

Wer sich fragt, warum gerade sein Name im Ausland meist als erstes fällt, wenn vom deutschen Kino die Rede ist, findet die Antwort in diesen Bildern. Nur ein visuelles Kino „travels“ wie die Hollywoodproduzenten sagen, es macht sich auf Reise und muss sich nicht vor Sprachbarrieren fürchten. Was nicht heißen soll, dass diesem Film- und Fotokünstler die Worte nichts bedeuteten.

In seiner aktuellen Retrospektive im Düsseldorfer Kunstpalast(bis 30. August) hat er den großformatigen Prints kleine Texte beigegeben, so wie im schönsten seiner vielen Fotobücher, der Bilder- und Geschichtensammlung „Einmal“. Wenn er stehende Bilder macht, begibt sich Wenders in die Rolle der alten Reisefotografen, und man staunt nicht schlecht, was er da alles erlebt hat: „Einmal traf ich Martin Scorsese/ unterwegs im Monument Valley./ Er lag unter seinem Auto/ und versuchte, einen Reifen zu wechseln./ Wir haben ihn und Isabella dann/ in unserem Wagen mitgenommen./ Es war eine vergnügte Reise.“

Kein Wunder, dass der gebürtige Düsseldorfer seine erste Produktionsfirma „Road Movies“ nannte. Schon seine frühen Filme erzählten vom Unterwegssein. Die Blüte des Straßenfilms der 60er und 70er Jahre hatte Dennis Hoppers „Easy Rider“ ausgelöst; mit diesem ebenfalls auch als Fotograf wirkenden Filmkünstler verband Wenders später eine enge kollegiale Freundschaft. Diese Filme kehrten dem alten früheren Kino buchstäblich den Rücken. Doch man musste nicht in die Ferne schweifen, um den Weg zum Ziel zu machen. Wenders’ frühes Meisterwerk „Alice in den Städten“ führt einen gestrandeten Journalisten und ein 9-jähriges Mädchen quer durch Deutschland – und findet dabei die betörendsten Schauplätze in Wuppertal.

Inzwischen sind Wenders wichtigste Filme mit Unterstützung der Film- und Medienstiftung Nordrhein Westfalen restauriert. Auf der letzten Berlinale, wo die restaurierten Fassungen in einer Werkschau liefen, konnte man hektische Branchenprofis dabei beobachten, wie sie sich eine Auszeit gönnten. Was man beim frühen Wenders findet, ist die Zeit an sich: Entstanden in einer Zeit, als sich die Filmindustrie gegen die Übermacht des Fernsehens mit weißen Haien und Weltraumopern wehrte, entdeckte man mit Wenders die Langsamkeit. Seine Schwarzweißfilme „Im Lauf der Zeit“ und „Der Stand der Dinge“ verteidigten die Schönheit des schon damals vom Aussterben bedrohten Zelluloidfilms gegenüber dem beginnenden Videozeitalter.

Wer die Düsseldorfer Wenders-Foundation besucht, findet sogar die Notizzettel in gewaltigen Filmbüchsen archiviert. Auch diese Silberdosen sind inzwischen überholt worden vom Lauf der Zeit, obsolet durch digitale Datenträger. Auch wenn die restaurierten Farbfilme nun wieder in frischen Farben strahlen und die schwarzweißen hoffentlich ihr Filmkorn behalten haben: Ohne Wehmut kann man die digitalen Kopien nicht genießen. Wenn Rüdiger Vogler als Filmvorführer in „Im Lauf der Zeit“ erklärt, dass das Malteserkreuz eben doch kein Schnaps ist, sondern zentraler Bestandteil jeden Filmprojektors, aber aus der Vorführkabine kein Rattern mehr zu hören ist – dann hat sich das Kino für immer von seinen Wurzeln gelöst. Es hat sein Nest verlassen, es ist, um mit dem frühem Wenders zu sprechen, „zwanzigtausend Lichtjahre“ weg von zu Hause. Ob es dabei erwachsen geworden ist?

In seinen Filmen umarmt Wenders die neueste Digitaltechnologie, bis hin zu seinem jüngsten 3D- Spielfilm „Everything Will Be Fine“. Im Juni drehte Wenders bereits das nächste stereoskopische Kammerspiel, und wieder steckt das Thema Zeit bereits im Titel. „Die schönen Tage von Aranjuez“ nach Peter Handkes Zweipersonenstück ist bereits die fünfte Zusammenarbeit mit dem Autor. Während sich ein Paar an einem idyllischen Sommertag über die eigene Liebesbeziehung befragt, sieht man die Welt um sie herum allmählich in einer apokalyptischen Vision verschwinden. Am Ende überlebt allein eine Jukebox, die mit Songs von Dylan und Nick Cave befüllt ist. Mehr noch als in seinen Filmen stellt sich der Fotograf Wenders in die Brandung vergehender Zeit.

Es ist die Analogie zur sichtbaren Wirklichkeit, der Wenders die Treue hält. Sein Beharren darauf hat etwas von jener mit Nachdruck vorgebrachten Unschuld seiner Engel von „Der Himmel über Berlin“. So behutsam wie Bruno Ganz und Otto Sander in diesen Rollen dem rastlosen Menschengeschlecht ihre Hände auf die Schultern legten, nähert sich der Fotograf Wenders der Wirklichkeit und hält sie fest.

„Was mich an einer Photographie interessiert“, schreibt Wenders im Katalog seiner Düsseldorfer Museumsausstellung, „ist einzig und allein, dass sie mir etwas zeigt, was es gibt, dass ich in ihr nicht mehr und nicht weniger sehe als: Das gibt es also.“ Potentiellen Zweiflern vorauseilend, fügt er hinzu: „Kann ich das so stehen lassen, ‚ob es das gibt?‘? Sollte ich das nicht lieber in der Vergangenheitsform sagen, ‚ob es das gab‘, wo ein Photo ja immer notwendig auf etwas hinweist, was es einmal gab und jetzt eben nur noch auf diesem Bild gibt.“

Als Regisseur war Wenders in den Siebziger Jahren einer der wenigen auf der Welt, die gefundene fotografische Räume bespielen und narrativ aufladen konnten, wie es Michelangelo Antonioni vorgemacht hatte. Und dabei dem Zuschauer jenen doppelten Dienst erwiesen, der heute so selten geworden ist im Kino, nämlich Geschichten und Bilder zugleich zu sehen. Dann sah es in seinen späteren Jahren zeitweilig so aus, als hätte er den Weg zu radikalen Meisterwerken verloren. In der Rückschau scheint es so, als hätte sein Talent in der Fotografie und den Dokumentarfilmen überwintert um schließlich mit den großen Spielfilmen „Don’t Come Knocking“ und „Everything will Be Fine“ zurückzukehren.

„Als das Kind Kind war“, beginnt einer der Engel-Monologe im „Himmel über Berlin“. Wim Wenders kann noch immer Bilder machen, die so aussehen, wie ein sich die Welt einem Kind zeigt, das sie zum ersten Mal erblickt.

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