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Weltkriegsfilme „So erschreckend wie die Realität selbst“

Filmexperte Martin Koerber über die Restaurierung zweier Erste-Weltkriegs-Klassiker von Georg-Wilhelm Pabst, mit denen der Regisseur für die damalige Zeit Maßstäbe und ein klares politisches Zeichen setzte.

Westfront 1918
Der Antikriegsfilm „Westfront 1918“ kam 1930 in die deutschen Kinos. Foto: Deutsche Kinemathek

Herr Koerber, Sie haben nach 30 Jahren die beiden Pabst-Klassiker „Westfront 1918“ und „Kameradschaft“ von 1930/31 nochmals herausgegeben. Welche neuen Möglichkeiten in der Filmrestaurierung kamen Ihnen dabei zu Hilfe?
Wir konnten durch Digitalisierung viel feingliedriger eingreifen und so die Filme viel näher an ihre Originalgestalt bringen. Außerdem ist es digital verlustfreier als bei der früheren fotochemischen Duplikation. Fotografie ist ja ein Ablauf von Generationen von fotografischen Abdruckvorgängen. Man kann das mit einem Fotokopierer vergleichen: Ich kopiere ein Foto und will später eine zweite Kopie, habe aber das Original nicht mehr, also kopiere ich die Kopie, und in jeder Generation wird das Ergebnis schlechter. Und oftmals liegen uns nur spätere Film-Generationen vor, weil wir in vielen Fällen nicht wissen, wo die Originalnegative oder wenigstens ein Originalabzug aus der Entstehungszeit des Films sind, der noch möglichst unbeschädigt ist. Das ist sehr selten der Fall, oft muss man erst jahrelang in den Archiven der Welt danach suchen.

Bei den beiden Pabst-Filmen haben Sie ja 1988 schon Recherchen betrieben. Hat Ihnen das die Arbeit beim zweiten, digitalen Anlauf erleichtert?
„Westfront“ lag in Deutschland gar nicht mehr in originaler Qualität vor, schon vor 30 Jahren nicht mehr. Aber wir wussten, dass im British Film Institute die Duplikatpositive noch da waren, die 1930 gezogen worden sind, um den Film in England zu zeigen. Näher als auf Nitromaterial, die erste Generation vom Originalnegativ, kommt man leider an das Original nicht mehr ran. Aber diese erste Generation war noch erhalten, zwar nicht komplett, auch nicht ohne Beschädigung, aber immerhin ist die originale Bildqualität daran sehr deutlich ablesbar. Und durch die Digitalisierung sind wir jetzt so nah dran am Original, wie man eben nur sein kann. Bei „Kameradschaft“ ist das nicht unbedingt immer ideal, weil die Kopien nicht immer sehr gut waren, aber immerhin.

Das heißt, Sie müssen früher wie heute „einen“ Film aus möglichst den ältesten, ersten und am besten erhaltenen Generationen zusammenschneiden – eben nur computerbasiert?
Nehmen wir „Westfront“, da gab es hunderte, wenn nicht tausende Fehlstellen, die wir dadurch ersetzen konnten, dass wir in das Material aus England Bilder aus einem Duplikatnegativ eingesetzt haben. Das haben wir früher auch schon so gemacht, aber das ist natürlich digital viel einfacher: Man muss nicht mal eine physische Klebestelle im Material machen. Und dann kann ich digital in Bild und Ton Verbesserungen vornehmen, indem ich die Graukurven richtig stelle, den Kontrast so annähere, dass es so aussieht, wie es mal aussehen sollte. Und wenn die Materialien fotographisch sehr verschieden sind, was sie bei verschiedenen Kopiergenerationen natürlich sind, kann ich das so angleichen, dass ein Laie diese vielen Ergänzungen gar nicht merkt, sondern dass der Film am Ende so durchläuft, als ob es immer so gewesen wäre. Und genau das wollen wir natürlich erreichen, dass man die ganzen Bearbeitungen gar nicht mehr sieht – sondern dass man den Film selber sieht.

Und das lohnt sich bei einem Pabst-Film  deswegen, weil er politisch Farbe bekennt, wie es sonst kein Film seiner Zeit tut.
Ja, das Besondere ist Pabsts Haltung zur Realität und zur Frage, wie ich das, was ich sagen will, in einem Spielfilm rüberbringen kann. Und da ist „Westfront 1918“ schon ein sehr außergewöhnlicher Film, wenn man sich an die damalige Filmlandschaft erinnert. Mir ist kein Film bekannt, der auf so radikale Weise mit dem Ersten Weltkrieg umgeht. Es gibt ja den berühmten Film „Im Westen nichts Neues“ von Universal auch aus dieser Zeit, das ist aber doch viel romantischer und lustiger. Einen Zugriff auf die Realität im Stil der Neuen Sachlichkeit, könnte man das vielleicht nennen, was Pabst gemacht hat. Und „Kameradschaft“ handelt von der internationalen Solidarität der Minenarbeiter angesichts einer Katastrophe und ist ein deutliches politisches Statement. Diese Filme sind singuläre Erscheinungen im allgemeinen Unterhaltungskino dieser Zeit. Deswegen war es uns auch so wichtig, dass man diese Filme wieder so sehen kann, wie sie sein sollten.

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