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„Waldheims Walzer“ Prophet kollektiver Unschuld

Ruth Beckermanns bewundernswert gründlicher dokumentarischer Essay „Waldheims Walzer“.

Szene aus "Waldheims Walzer"
Flusenfrei, so wollte die Mehrzahl der Österreicher Waldheim sehen. Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion

Es war ein unerhörter Skandal, der da im Frühjahr 1986 die österreichischen Medien erschütterte: Da bewirbt sich ein weltweit geachteter Mann um das höchste Staatsamt und ausgerechnet „die Juden“ haben etwas dagegen: Es war unverhohlener Antisemitismus, mit dem Kurt Waldheim von seinen Anhängern und der ÖVP seinerzeit gefeiert und ins Präsidentenamt gehoben wurde. Von einer „Schmutzkübelkampagne“ des Jüdischen Weltkongresses war die Rede, nachdem dessen Experten die Recherchen des Hubertus Czerny über Waldheims SA-Mitgliedschaft vertieft und erhärtet hatten. Heute gilt es als erwiesen, was der ehemalige UN-Generalsekretär so beharrlich leugnete – seine Kenntnis schwerer Kriegsverbrechen in Westbosnien und Nordgriechenland, denen er als Nachrichtenoffizier auch zuarbeitete. 

Wer es nicht erlebt hat, kann sich nur die Augen reiben: Wenn das Leugnen nichts mehr hilft, folgt das Verharmlosen. Welch teuflische Vorstellung, dass ein Mann der UNO vorstand, der behauptete, nichts von der Judenverfolgung gewusst zu haben, und der die Massaker an Partisanen und Zivilisten als Kampfhandlungen schönredete. Vielleicht haben die Österreicher mit Waldheim wirklich den Meister der Verdrängung zum ersten Staatsdiener gewählt. Auch wenn er einer weit verbreiteten Haltung ein Denkmal setzte, hatte man doch die gnadenlose Beharrlichkeit seines Auftretens fast vergessen. 

In ausgewaschenem Schwarzweiß semi-professioneller Videos beginnt Ruth Beckermann. Als Aktivistin dokumentiert sie früh die Anti-Waldheim-Proteste in Wien, wohl auch weil deren Argumente vom ORF kaum aufgegriffen werden. Auch mit Czerny gibt es dort kein Interview. Erst in amerikanischen und britischen Fernseharchiven findet Beckermann genug Bilder, um diese so einschneidende Phase der österreichischen Nachkriegsgeschichte zu belegen. 

Mit der Wahl Waldheims feierte die Legende kollektiver Unschuld, die den Wiederaufbau Österreichs so lange begleitet hatte, einen späten Triumph. Seine Vergangenheit mochte Waldheim in westlichen Demokratien schließlich zur persona non grata gemacht haben – die Mehrheit der Österreicher blieb ihm treu.

Auch wenn die Magnetbänder die vergangenen drei Jahrzehnte nicht unbeschadet überstanden, kommen sie einem nur allzu aktuell vor: Wie gut man mit Lügen Politik machen kann, wie zögerlich auch öffentlich-rechtliche Medien agieren, wenn sie sich gegen die Mehrheitsmeinung stellen müssten – all das erleben wir heute jeden Tag. Umso bewundernswerter ist dieser wunderbar gebaute Essayfilm, der genug Selbstäußerungen Waldheims und seiner Fürsprecher aneinander reiht, um Münchhausen und Pinocchio zu beschämen. 

„Waldheims Walzer“ ist aber nicht nur das Produkt einer Archivrecherche von seltener Ausdauer und ein kluger Montagefilm; es ist auch ein ganz persönlicher Essay über den Konflikt zwischen Chronisten- und Aktivistenpflicht. Beckermann gehörte damals zu einer Gruppe von Waldheim-Gegnern, die nicht aufhörten, ihn mit einem hölzernen Nachbau seines SA-Pferdes zu verfolgen. Bei diesen Gelegenheiten lernte sie zugleich ihr Handwerk: Es sind ihre ersten Aufnahmen, die dem Film besondere Lebendigkeit verleihen: In den Straßendebatten der Aktivisten mit Waldheim-Wählern setzt Beckermann einer Verdrängungskultur ein Denkmal, die bis heute die österreichische Selbstwahrnehmung in weiten Teilen bestimmt mit der Legende von Österreich als Hitlers „erstem Opfer“. 

Dennoch gibt es Hoffnung. Nicht nur, weil es solche Filme gibt. Der österreichische Verband der Film- und Musikwirtschaft hat diesen Dokumentarfilm als nationalen Kandidaten ins Oscar-Rennen geschickt. Respekt! Deutschland nominierte mit „Werk ohne Autor“ lieber ein Filmdrama, in dem ermordete Euthanasie-Opfer mit toten deutschen Soldaten in einer Parallelmontage gleichgestellt werden: Im Leid vereint, so hat es die Verdrängungskultur am liebsten.

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