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„Wackersdorf“ Als das Protestieren noch geholfen hat

In seiner neuen Arbeit „Wackersdorf“ erzählt Oliver Haffner die Geschichte der WAA-Gegner als einen politischen Heimatfilm.

Kinostart - "Wackersdorf"
Da stehen sie, die „Chaoten“, wie man Protestierer immer noch gern nennt. Foto: Erik Mosoni/Alamode Film/dpa

Es ist schon erstaunlich, was das richtige Timing mit einem auch für sich genommen schon hervorragenden Kinofilm anstellen kann. Gerade sehen wir im Kino, wie das prophetische Flüchtlingsdrama „Styx“ dem sinnlosen Sterben aus staatlich verordneter unterlassener Hilfeleistung ein Mahnmal setzt. Weder Filmemacher noch Produzenten konnten vorhersehen, wie sich reelle und fiktive Bilder gleichen würden.

Das gleiche Dilemma wie im Hambacher Forst

Nur eine Woche später erleben wir ein ähnliches Phänomen mit Oliver Haffners politischem Heimatfilm „Wackersdorf“. Auch wenn dort nur ein paar Polizisten nötig sind, um einen – in diesem Fall legal errichteten – Holzbau von Aktivisten einzureißen: Es ist das gleiche Dilemma, das in diesen Tagen im Hambacher Forst noch weit dramatischere Bilder produziert. 

Regionale Wirtschaftsinteressen, die Sorge um Arbeitsplätze und die enge Verflechtung zwischen öffentlichen Haushalten und den Gewinnen eines mächtigen Energieunternehmens stehen in beiden Fällen ökologischen Bedenken gegenüber. Doch da ist noch mehr, was das historische Drama mit der Gegenwart verbindet, die Beziehung von Menschen zu ihrer Landschaft, ein über jede nationalistische Vereinnahmung erhabenes Heimatgefühl. 

Der Dauerprotest macht Menschen zu Waldbewohnern, deren gewaltsame Vertreibung in den Nachrichtenbildern beinahe eine religiöse Komponente erhält. Die Zerstörung der kunstvollen Baumhäuser durch eine Übermacht staatlicher Gewalt erinnert an Urbilder des Barbarischen. Und bereitetet zugleich andere, nicht weniger grausame Bilder vor, die man in dieser Region schon oft gesehen hat: Die der Zerstörung einer natürlichen Landschaft, die sich dort in einem seltenen Urzustand erhalten hat.

Der Unterschied: Zwischen 1982 und 1989 erreichte der Protest der Bevölkerung im bayrischen Schwandorf in der Oberpfalz das Ende des umstrittenen Bauvorhabens, der Wiederaufbereitungsanlage für Brennstäbe aus Kernreaktoren. Es ist eine der großen Erfolgsgeschichten der deutschen Ökologiebewegung.

Regisseur Oliver Haffner fühlt sich ins Genre des Heimatfilms

Noch immer fehlt es an historischen Filmen, die nacherleben lassen, welche Bedeutung die Anti-Atombewegung der 80er Jahre im kollektiven Bewusstsein hatte. Regisseur und Co-Autor Oliver Haffner hat nicht den emphatischen Demonstrationsfilm gedreht, der dieser Zeit vielleicht ein populäres Denkmal setzen würde. Er macht etwas Schöneres: In einfachen Bildern fühlt er sich zunächst ein in das unverwüstliche Genre des Heimatfilms. 

Das erste Bild zeigt einen nächtlichen Tannenwald. Das zweite eine stämmige Kellnerin, schwer mit Maßkrügen beladen, während ein CSU-Landrat eine Durchhalterede hält. Die Arbeitslosigkeit im ehemaligen Kohlegebiet lässt jedoch auch die Getreuen an seinen warmen Worten zweifeln. Da erscheint die Aussicht auf den Bau der Wiederaufbereitungsanlage wie ein Geschenk des Himmels. 

Johannes Zeiler spielt den unstudierten Landrat mit warmer Bodenständigkeit. Wie ein Zitat aus den wertkonservativen Heimatfilmen wirkt die arrogante Zeichnung eines Städters: Ein Abgesandter von Franz-Josef Strauß’ Staatskanzlei verkauft ihm den Bau derart herablassend, dass schon deshalb Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Bauvorhabens angebracht sind. Als die Behörden ohne Rechtsgrundlage den Holzbau eines Aktivisten abreißen lassen, wechselt der Landrat die Seiten. Nun hat er nahezu alle Stammwähler gegen sich – und gilt selbst als einer jener von Strauß bei jeder Gelegenheit gescholtenen „Chaoten“. 

Lange, vorzüglich geschriebene Debattenszenen verwandeln den scheinbaren Heimatfilm unmerklich in einen Politkrimi. Der warme, ganz aus der Figurenzeichnung entwickelte Humor aber bleibt dem ursprünglichen Ton der Mundartkomödie treu. 

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