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Von Triers Film „Melancholia“ Endspiel ohne Gott

Eine Offenbarung – nicht weniger ist Lars von Triers Spielfilm „Melancholia“. Oder das Ende der Welt, wie wir sie kennen.

04.10.2011 16:34
Anke Westphal
Regisseur Lars von Trier (r.) mit Kirsten Dunst. Foto: Concorde

Eine Offenbarung – nicht weniger ist Lars von Triers Spielfilm „Melancholia“. Oder das Ende der Welt, wie wir sie kennen.

Wenn Kirsten Dunst die Augen öffnet, sieht einen das Universum an mit einem uralten wissenden, aber unbeteiligten Blick. Das Haar der Schauspielerin ist strähnig, ihr Antlitz leuchtend weiß, und um sie herum regnen tote Vögel vom Himmel zur Ouvertüre aus Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“. Ein schwarzer Hengst stürzt zu Boden, eine Braut flieht – aber all das geschieht unendlich langsam, verzögert, in Zeitlupe, und es wirkt ebenso ungeheuer erhaben wie selbstverständlich. Als müsse das dicke Ende so sein – zum Sterben schön. Die ersten zwanzig Minuten von „Melancholia“, dem neuen Film des Dänen Lars von Trier, sind das Äußerste an visueller und philosophischer Dichte, was das Kino derzeit zu bieten hat. Und der Rest ist auch nicht gerade übel, um hier mal zu untertreiben. Nach dem Abspann möchte man eigentlich nie mehr ins Kino gehen. Was soll da schon noch kommen?!

Dem Regisseur zufolge ist „Melancholia“ ein „schöner Film über das Ende der Welt“. Zwei Planeten steuern hier auf eine Kollision zu. Die Erde und das Gestirn Melancholia nähern sich fatal einander an, was zunächst niemand so recht wahr haben oder ernst nehmen will außer Justine (Kirsten Dunst). Noch versucht sie angestrengt, Teil jener Festgemeinschaft zu sein, die sich da anlässlich ihrer Hochzeit versammelt hat auf dem wunderschönen Landsitz, der irgendwie am Ende der Welt zu liegen scheint. Doch Justine ist nicht wie die Anderen; sie ist depressiv und verfügt zudem über das, was Wissenschaftler kognitive Differenz nennen und weniger begriffsfixierte Leute einen sechsten Sinn oder „Vorherwissen“. Das verhindert Zugehörigkeit. Justines Familie und Gäste können nicht begreifen, warum die junge Frau wie aus heiterem Himmel alles ruiniert: das Fest, ihre gerade erst geschlossene Ehe und ihre Karriere. Eben noch wurde sie von ihrem Chef, dem Eigentümer einer gehobenen Werbeagentur, befördert; nun beleidigt sie ihn tödlich. Doch was soll Justine das alles, wo sie doch mit einem Blick viel mehr als nur diesen fremden Planeten da oben gesehen hat: nämlich das Ende der Welt, wie wir sie kennen.

Das Ende der Welt ist auch das Ende aller Verbindlichkeiten. Justine nimmt die totale Auflösung nur vorweg. Ihrem instinktiven Wissen, das nicht hilft, weil es nichts zu ändern vermag, stellt Lars von Trier nun in Claire das Prinzip der Strukturiertheit gegenüber. Es bedient sich vieler Worte, um Vorwürfe, aber auch Fürsorge zu formulieren – Charlotte Gainsbourg spielt Justines Schwester. Schneeweißchen und Rosenrot haben ihre je eigene Art, mit Melancholias Anrücken umzugehen, denn sie tun das unter verschiedenen Bedingungen. Claire ist verheiratet mit einem Wissenschaftler, der sich der Situation nicht gewachsen zeigt, und sie hat einen kleinen Sohn, um dessentwillen sie nicht verzweifeln darf. Justine hat den Mann abgeworfen wie Ballast und kein Kind zu beschützen.

Wie geht das nun weiter? Wie bei einer sehr würdigen, schönen Beerdigung, nur dass der Tod eben erst bevorsteht. Beschränkt auf einen Handlungsort, den Landsitz, sieht der Zuschauer gemeinsam mit den beiden Hauptfiguren dem nahenden Ende entgegen. Die Zivilisation wird ihre letzte Niederlage in der Konfrontation mit der Natur erfahren. Kultur wartet auf Auslöschung. Fünf Tage bleiben noch. Lars von Trier offeriert nun in Claire fünf Stufen des Verhaltens, ohne die zu diffamieren: Ungläubigkeit, wiederholte Prüfung der Fakten, Lähmung, Verzweiflung, Befriedung des inneren Aufruhrs durch Rituale. Justine ist Melancholia im klinischen wie astronomischen Sinn längst ergeben, aber auch sie begreift, dass es letztlich nur darum geht, ein Kind zu trösten. Lars von Trier wurde oft als misogynes Ekel gescholten, weil er Frauenbilder inszeniert, die zu verstörend wirken, als dass sie sozialen Übereinkünften entsprechen könnten. Tatsache aber ist, dass Schauspielerinnen bei ihm etwas dürfen, was ihnen andere Filmemacher verweigern: Sie dürfen erwachsen sein und darüber hinaus sogar bedrohlich. Wann hat man Kirsten Dunst je in einem Hollywood-Film als erwachsene Frau wahr genommen?!

Die Zukunft war früher auch besser, hat Karl Valentin mal gesagt. Dazu passt: In „Melancholia“ geht es nicht um Gott oder das Jenseits. Das hier ist aber auch nicht einfach ein schöner, kluger, gelassener Film über ein Ende, nach dem nichts auf einen wartet. Nein, dies ist eine Offenbarung. Die Offenbarung nach Lars von Trier. Dass dieser Film Atheisten ebenso beeindrucken wird wie Gläubige gleich welcher Konfession ist ein Indiz für die Universalität seines Erlösungsbegriffs. Die Vorstellung vom Weltende hat ja auch etwas Tröstliches: Schluss mit all dem Irrsinn. Und man sieht in „Melancholia“ so viel mehr, als zu sehen ist, als je gezeigt wird. Mehr kann Kino, kann Kunst nicht leisten.

Zu dumm, dass sich Lars von Trier im vergangenen Mai während des Filmfestivals von Cannes als Nazi und Hitler-Sympathisant bezeichnet hat. Jeder weiß, dass von Trier reichlich bunt ist im Kopf, zwanghaft und depressiv. Aber dieser verbale Ausfall hat es der Wettbewerbsjury natürlich unmöglich gemacht, seinen Film mit der Goldenen Palme für das beste Werk auszuzeichnen. Von Trier versuchte sich nach Cannes zu erklären und zu entschuldigen. Manchmal muss man ein Werk gegen dessen Schöpfer verteidigen. So verhält es sich auch mit „Melancholia“ und Lars von Trier.

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