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„Von Caligari zu Hitler“ Die durchdokumentierte Kinogeschichte

Die Dokumentation „Von Caligari zu Hitler“ ehrt den Weimarer Film. Auch wenn das Werk von Rüdiger Suchsland seine Schwächen hat: Am besten, man genießt es einfach wie ein großes, inspirierendes Filmbuch.

Splitscreen: Still aus „Metropolis“, 1927. Brigitte Helm als Maria/Maschinenmensch. Foto: Murnau-Stiftung

Im Stummfilm ist alles ‚over the top‘, irgendwie lächerlich“, erklärt Rüdiger Suchsland als Sprecher seines Dokumentarfilms „Von Caligari zu Hitler“. Schon zu diesem Zeitpunkt möchte man Widerspruch anmelden. Nein, das pantomimische Spiel wird Stummfilmfreunden so wenig übertrieben erscheinen, wie Opernfreunden der Kunstgesang. Der Stummfilm besitzt eine Ausdrucksvielfalt, die jedem Allgemeinplatz trotzt, mit dem der Filmemacher sein Publikum in der Gegenwart abholen möchte. Es ist eine Sprache für sich, und das Schöne daran: Sie lernt sich wie von selbst. Wer einen einzigen Stummfilm bis zu Ende sieht, hat sie schon verstanden. Wenn sich ein Darsteller doch einmal zu einer lächerlichen Übertreibung hinreißen ließ, dann gab es schon damals Kritiker, die den Finger darauf legten.

Siegfried Kracauer zum Beispiel, dessen Buchtitel „Von Caligari zu Hitler“ Suchsland übernommen hat. Noch immer sind Kracauers vielfältige Schriften zum Kino zu entdecken, der Suhrkamp-Verlag hat sie mustergültig herausgegeben. Sein aus der Rückschau geschriebenes Buch „Von Caligari zu Hitler“ allerdings ist in der Forschung schon lange umstritten. Lassen sich wirklich in der Filmästhetik des deutschen Kinos vor 1933 Merkmale der späteren Diktatur ausmachen? Zumindest Kracauers Geringschätzung des Kinos der Kaiserzeit ist aus heutiger Sicht unhaltbar. Unwidersprochen verkürzt Interviewpartner Volker Schlöndorff diesen fragmentarischen Blick nun noch einmal: Im Weimarer Kino seien alle Genres erfunden worden. Tatsächlich hatte das deutsche Kino bereits um 1913 zu seinen langen Erzählformen gefunden, hatten sich das Melodram, der Kriminalfilm, die Komödie oder das Phantastische Kino auf dem Filmmarkt etabliert.

„Von Caligari zu Hitler“ bietet dem Zuschauer knapp zwei prall mit Ausschnitten gefüllte Kinostunden. Sie sollten reichen, wenigstens einen Eindruck von der Vielfalt des Weimarer Kinos zu vermitteln. Zwischen Nosferatu und Metropolis fehlt kaum ein Höhepunkt. Doch nur selten kommen die Szenen auch zur Wirkung: Suchsland nimmt die Stummheit des Kinos als Einladung für eine ununterbrochene Kommentierung. Statt den Blick zu öffnen, hat er für alles ein Etikett parat: Murnau wird da zum Naturalisten erklärt, der Arbeiterfilmer Werner Hochbaum („Razzia in Sankt Pauli“) gar zum Neorealisten – ein zeithistorischer Vorgriff, der bei der Premiere dieses Films beim letztjährigen Filmfestival Venedig für hörbare Verwirrung sorgte. Dennoch freut man sich über diese Würdigung des erst in den 90er Jahren wiederentdeckten Filmemachers.

Zur Übergröße stilisiert

Die überwiegende Filmzeit nehmen freilich wieder einmal die geläufigsten der Klassiker ein, insbesondere das Werk des zu Übergröße stilisierten Fritz Lang. Schon Friedrich Wilhelm Murnau, der in seiner Zeit als künstlerisch bedeutendster deutscher Regisseur galt, wird weitgehend auf seinen „bekanntesten Film“ „Nosferatu“ reduziert. Er habe, erfährt man kurz, Filme über „Männer“ gedreht. Versteckt sich darin eine Anspielung auf seine Homosexualität? Muss man denn darüber noch immer schweigen? Geradezu ungeheuerlich ist Suchslands Andeutung, Murnau könnte in „Nosferatu“ ein Antisemitismus-Klischee gestreift haben – ist doch der Vampir ein Osteuropäer, der eine deutsche Frau verführt.

Tatsächlich ist es Suchsland selbst, der in seiner Weimarer Filmgeschichte fast ausschließlich von Männern spricht. Asta Nielsen, nicht nur als Star, sondern auch als Produzentin von großem Einfluss, kommt ebenso wenig vor wie der bekannteste von einer Frau inszenierte Film, Leontine Sagans Meisterwerk „Mädchen in Uniform“. Trickfilmpionierin Lotte Reiniger fehlt ebenso wie der gesamte Bereich der abstrakten Filmavantgarde. Von Hollywoodstar Louise Brooks heißt es fälschlich, G. W. Pabst hätte sie entdeckt, so wie Marlene Dietrich angeblich Josef von Sternbergs Entdeckung sei. Kaum glücklich wäre sie über Suchslands Einschätzung gewesen, sie sei ein „gänzlich deutscher Star“ gewesen, im Gegensatz zur „internationalen“ Brooks.

Immerhin eine Frau hinter der Kamera stellt Suchsland vor, und die ist tatsächlich eine Entdeckung: Marie Harder drehte ihren einzigen Langfilm noch 1930 im Auftrag der SPD. Erst in den letzten Jahren wurde „Lohnbuchhalter Kremski“ von der amerikanischen Filmwissenschaft wiederentdeckt. Es ist einer der letzten deutschen Stummfilme. Aber auch diese Ehre gibt Suchsland einem männlichen Kollegen: Für ihn ist Joe Mays „Asphalt“, 18 Monate zuvor entstanden, der letzte deutsche Stummfilm. Die Kommentierung trägt mit ihrer Suche nach Superlativen nicht zu einer historischen Einordnung bei. Am besten, man genießt die Bilderfülle einfach wie ein großes Filmbuch, schwelgt darin und lässt sich anregen, gezielt den einen oder anderen Film als Ganzes nachzuholen.

Von Caligari zu Hitler. Dokumentarfilm, D 2014, 113 Minuten.

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