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"Vicky Cristina Barcelona" Die Liebe zur Dunkelkammer

Eine Ménage à quatre muss es sein: Woody Allens spanische Komödie - hinreißend sexualisiert. Von Daniel Kothenschulte

Der abwesende Mann und Supermacho ist das eigentliche Zentrum von Penelope Cruz’ und Scarlett Johanssons Tun. Foto: epd

In Cannes wurde Woody Allen von einer Journalistin aufgefordert, einmal einen Film in ihrer Heimat Usbekistan zu drehen. Der amerikanische Filmautor war selbstredend Feuer und Flamme.

Man hört oft, dass Komik die engen Grenzen landestypischer Mentalitäten nur schwerlich überwinden könne. Besonders deutsche Filmproduzenten klagen darüber, wenn sie ihre Komödien nicht einmal bis nach Frankreich verkauft bekommen. Der inzwischen 73-jährige Woody Allen scheint dagegen bereits seit langem überall auf Erden besser verstanden zu werden als daheim in New York City. Und das kann nicht allein daran liegen, dass das Bild des urbanen Stadtneurotikers längst bis nach Taschkent vorgedrungen ist.

Allen, der sich gern als überängstlicher Tourist bezeichnet, ist ganz im Gegenteil in seinen ausländischen Filmen kein Kulturfolger des American Way of Life. Vielmehr stellt er sich den letzten großen Gefahren, die auch der Massentourismus niemandem ersparen kann: den typischen Einheimischen.

Es ist die Macht des Klischees, die Hartnäckigkeit des Vorurteils, die schon Ernst Lubitsch und Billy Wilder für ihre Zwecke nutzten. Nach den versnobten Briten seiner beiden BBC-Koproduktionen handelt Allens erster spanischer Film nun von einem Prachtexemplar des Supermacho. Seit drei Monaten amüsieren sich jetzt die dortigen Zuschauer darüber.

Um so femininer klingt der Titel, der drei entscheidende Zutaten verschwenderisch und ohne Interpunktion aneinander fügt: "Vicky Cristina Barcelona". Das sind zwei amerikanische Touristinnen, gespielt von Scarlett Johansson und der Britin Rebecca Hall in einer nicht minder zauberhaften Stadt.

Die beiden weiteren: Der hyperpotente Maler (Javier Bardem), in den sich die Frauen verlieben und dem die wahre Legende vorauseilt, er habe kurz zuvor um ein Haar seine frühere Geliebte erstochen. Die wird, man glaubt es gern, von Penelope Cruz so enthemmt verkörpert, als hätte Almodóvar persönlich die Regieassistenz übernommen. Für ihre unvermeidliche Rückkehr in ein ebenso leidenschaftliches wie unmögliches Beziehungsleben trennt sich Allen sogar erstmals von der Sicherheit eines geschliffenen Dialogbuchs. In den herrlichsten Kampfszenen der Unzertrennlichen lässt er sie auf spanisch improvisieren. Schon das Bild dieses Paares, dessen sexuelle Anziehung wie eine magnetische Kraft alle mentalen Gegensätze wider besserer Einsicht ignoriert, ist diesen Film wert. Aber da sind ja auch noch Vicky, Cristina und Barcelona.

Woody Allen erzählt den Film im Stil Truffauts mit einem betont sachlichen Erzähler aus dem Off. Doch mit "Jules und Jim" gibt er sich nicht zufrieden, eine Ménage à quatre sollte es schon sein. Die schönste Liebesszene aber hat nur zwei Mitwirkende und dreht das Blatt noch einmal weiter: Penelope trifft darin auf ihre junge Nebenbuhlerin Scarlett - und beide erliegen dem Reiz des Gegensatzes im schwülen Rotlicht einer Dunkelkammer.

Es ist ein kurioser Zufall, dass man gerade mit Wim Wenders' sizilianischem Ausflug "Palermo Shooting" noch einen weiteren Film sehen kann, der den Reiz des Fremden aus der Beziehung zur Fotografie erzählt. Die von Johansson gespielte Hobbyfotografin Cristina findet in dieser Geschichte erst zu einem eigenständigen Blick, als sie ihre Digitalkamera gegen ein analoges Modell eintauscht. Natürlich spricht daraus ein gewisser ästhetischer Konservatismus. Aber wollte man wirklich von Woody Allen, der seine Liebe zum Jazz nie vom Vinylplattenspieler trennen könnte, etwas anderes hören?

Anders als Wenders bekennt sich Allen zu seinem handwerklichen Konservatismus. Niemals wird man ihn im Video-Schnittraum mit einer vermeintlich zeitgenössischen Bildsprache flirten sehen. Und schon seine Drehbücher wären ein Alptraum für moderne Skript-Doktoren. Sie erlauben sich Vorhersehbarkeiten und lassen Figuren selbst um den Preis unwahrscheinlichster Zufälle miteinander in Verbindung treten. Und wahrscheinlich entstehen sie auch noch mit mehreren Durchschlägen auf einer mechanischen Schreibmaschine. Alles an diesem Film ist vorhersehbar, aber was ist dagegen zu sagen? Es ist die Vorhersehbarkeit eines Weihnachtsfestes, an dem Santa Claus einmal den gesamten Wunschzettel beherzigt hat.

Für Hitchcock bestand Spannung darin, dass der Zuschauer mehr wusste als die Figuren. Bei Woody Allen weiß man sogar schon auf den ersten Blick, was seine Figuren lenkt. Hinter der Hornbrille seiner Filmfigur loderte stets der schlecht verborgene Sexualtrieb. Man konnte darauf wetten, dass er sich früher oder später seine Schneisen schlagen würde. Noch immer besteht sein Humor im menschlichen Unvermögen, diesen Trieb in den Griff zu bekommen. Allein der von Bardem gespielte Künstler-Macho hat ihn in sein Lebenskonzept integriert. Doch selbst in einer von Sinnlichkeit strotzenden Stadt wie Barcelona kann niemand alles auf einmal haben. Wenn es überhaupt eine Position im Leben gibt, die uns wenigstens in die Nähe auch der höchsten und süßesten Trauben rückt, dann ist es die des Kinozuschauers. Vor allem in einem so wunderbaren Film wie "Vicky Cristina Barcelona".

Vicky Cristina Barcelona. Spanien/USA 2008. Regie und Buch: Woody Allen. 96 Minuten.

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