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Venedig Hollywoods liebste Schurken

Zwischen Kinoglanz und Netflix: Zum 75. Mal eröffnet Venedig heute seine Filmfestspiele.

Filmfest Venedig
Der geflügelte Goldene Löwe, Symbol der Festspiele. Foto: dpa

Pioniere verdienen Respekt. Ein kleiner Schritt machte den Astronauten Neil Armstrong 1969 unsterblich, rechtzeitig zum 50. Jahrestag der Mondlandung widmet ihm Hollywood ein Biopic. Ryan Gosling ist dafür in den Raumanzug geschlüpft, und es wäre cool, ihn auch heute Abend auf dem roten Teppich noch einmal anzulegen. Mit „First Man“ eröffnen die 75. Filmfestspiele von Venedig, für Gosling und Regisseur Damien Chazelle ist es schon die zweite Mission auf den Planeten Lido, vor zwei Jahren hoben sie hier ihr „La La Land“ aus der Taufe.

Es war ein kleiner Schritt für Graf Giuseppe Volpi, den Präsidenten der Biennale von Venedig, im Jahre 1932 auch die Filmkunst einzuladen. Schon damals fand das Spektakel im August statt, wenn auch noch ohne Wettbewerb, als erstes Filmfestival der Welt. 1933 und in den Kriegsjahren 1943-45 gab es kein Festival, was die jetzige Ausgabe zur stolzen Nummer 75 macht. Man kann sich auf ein glamouröses Jubiläum freuen.

Direktor Alberto Barbera ist – nach dem Programmzettel zu schließen – wieder einmal gelungen, den vorzeigbaren Teil von Hollywood mit der internationalen Filmkunst in einen Topf zu werfen – zur gegenseitigen Ehrbezeugung. Geradewegs zwischen diesen beiden Polen rangiert der deutsche Filmemacher Florian Henckel von Donnersmarck, der es mit „Werk ohne Autor“ in den internationalen Wettbewerb geschafft hat. Seit die Kosslick-Berlinale seinerzeit seinem späteren Oscar-Gewinner mit „Das Leben der anderen“ die kalte Schulter zeigte, hält er es lieber mit der Mutter aller Festivals. In der Biografie des Malers Gerhard Richter, dem er einen anderen Namen gab, hat er einen Twist gefunden, der es ihm erlaubt, gleich zwei deutsche Diktaturen zu bereisen und zugleich zum Stil des eigenen Erstlingsfilms zurückzukehren.

Auch die Mussolini-Diktatur, der dieses Festival entstammt, hat sich am Lido etwas vom Glanz ihrer Finsternis bewahrt. Liebevoll wurde das neoklassizistische Casino restauriert mit seinen hohen Hallen und goldglänzenden Deckenornamenten. Wem die gegenwärtige italienische Regierung freilich auch bereits das Gruseln lehrt, das unheilschwangere Bündnis der Fünf-Sterne-Bewegung mit den Rechtspopulisten der Lega, der sollte sich auf einen ganz speziellen Gast gefasst machen. Ausgerechnet Steve Bannon, der einstige Chef-Stratege Donald Trumps und Giftmischer der Fakenews-Schmiede Breitbart, ist der Star des neuen Dokumentarfilms von Erroll Morris, „American Dharma“. Schon Robert McNamara und den Foltersoldaten von Abu Ghraib blickte seine Porträtkamera unter die Haut und manchmal ins Gewissen. Was Steve Bannon wohl an dieser Stelle aufbewahrt?

Es ist leicht, über die Krisen der politischen Vernunft die Krise des Kinos zu vergessen, und darauf hat es Barberas Programm natürlich abgesehen. Um 17 Prozent ging der Kinobesuch allein in Deutschland im vergangenen Jahr zurück. Als Hauptschuldige an der Misere hat die Branche Streaming-Portale wie Netflix ausgemacht, auch wenn deren eigentliche Spezialität, die innovativen Serienformate, nicht wirklich vergleichbar sind mit dem klassischen Filmangebot. Cannes lud deshalb Netflix’ Spielfilme in letzter Minute aus, zum Dank hob sich der Konzern die besten Brocken für Venedig auf. Wer einen Steve Bannon einlädt, den kann auch Hollywood Lieblingsfeind nicht schrecken.

Der Kritiker sieht es in diesem Fall ganz ähnlich: Längst hat er den Dienst mit seinem dann doch überschätzten Programm gekündigt. Aber wenn es dank Netflix endlich Gelegenheit gibt, das letzte, nie gezeigte Hauptwerk des großen Orson Welles zu sehen, scheint ein Festival ohnehin der bessere Ort. Bevor Netflix das von Welles noch selbst geschnittene Material ankaufte, ist es niemandem gelungen, den Film zu vollenden.

Kaum noch Filmklassiker im Fernsehen

Nach der einen Stunde von „The Other Side of the Wind“, die das Münchner Filmmuseum bewahrt, ist dieser dystopische Film über das Filmemachen das ultimative Werk des heute so beliebten Retro-Futurismus: Zeitlos modern in seiner Montage, bisweilen anrührend altmodisch in Dialogen und Figurenzeichnung.

Doch die Frage, die Orson Welles schon 1973 mit diesem Film stellen wollte, „Quo Vadis, Cinema?“ ist heute so aktuell wie nie: Was können wir von einem Festival erwarten, deren größte Stars ein rechtsradikaler Politiker, ein toter Regisseur und – im Regiedebüt von Bradley Cooper – eine Popdiva sind? Lady Gaga trauen wir im Musical „A Star is Born“ allerdings genug Leinwandpräsenz zu, wenigstens die Ehre des alten Hollywood zu verteidigen. Doch man kann nicht darüber hinwegsehen: Das Kino erlebt seine schwerste Krise seit dem Triumphzug des Fernsehens in den frühen 60er Jahren. Und die vielen Tausend Filmfestivals, diese Kinder und Kindeskinder von Venedig, sehen sich vor neue Aufgaben gestellt.

Filmfestivalbesucher bringen einen Vorschuss aus Neugier mit und eine höhere Überraschungsbereitschaft. Der Medienwandel hat auch dazu geführt, dass sich das filmische Gedächtnis verkürzt. Filmklassiker sind im Fernsehprogramm kaum noch zu finden, einstmals weltbekannte Regisseure nur noch den älteren Zuschauerschichten bekannt. Repertoirekinos wie das weltbekannte Kino im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt existieren nur noch in wenigen Städten. Ihre schwindende Popularität hat viele Gründe; zum einen hat sich die Hoffnung nicht erfüllt, dass Filmkunst im allgemeinen Bildungskanon gleichrangig mit Literatur oder bildender Kunst rangiere. An den deutschen Universitäten fristet Filmgeschichte ein Nischendasein und ist durch die sogenannte Medienwissenschaft ersetzt worden. Filmkenntnis droht wieder dorthin zurückzuziehen, woher sie einmal kam: Ins Liebhabertum. Aber sind die ersten Filmfestivals nicht wegen genau dieser Liebhaberei gegründet worden? Man muss sich immer wieder daran erinnern: Als Graf Volpi 1932 das erste Filmfestival in Venedig gründete, stand die künstlerische Anerkennung des Films noch aus. Es war wie ein erster Schritt auf dem Mond.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Filmfestspiele Venedig

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