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„Utøya 22. Juli“ Massenmord als Kunsthandwerk

Der norwegische Filmemacher Erik Poppe zwängt eine Tragödie ins Regelwerk des Genrekinos: „Utøya 22. Juli“.

"Utoya 22. Juli"
„Utøya 22. Juli“ folgt Genrekonventionen, auch der des „final girl“ (Andrea Berntzen). Foto: epd

Wie verfilmt man ein Massaker, das sich der Vorstellung schon durch seine bloßen Dimensionen zu entziehen scheint? Auch dafür hat das Genrekino, so pragmatisch es klingt, seine Muster entwickelt. Es gibt den Katastrophenfilm, bei dem das Publikum eine Reihe von Figuren kennenlernt, nur um die meisten davon bald darauf sterben zu sehen. Die sichtbaren Ausmaße der Katastrophe inspirieren dabei oft auch ein Effektspektakel. Dann gibt es die Kammerspielvariante: Man bleibt bei wenigen Figuren, deren Ängste der Zuschauer miterlebt.

Das erlaubt es, die Bedrohung indirekt zu inszenieren. Nur wenn es die Dramaturgie verlangt, verschafft sie sich Gehör. Auch wenige Morde, vielleicht nur ein paar Schüsse, können auf diese Weise die gewünschte Erschütterung generieren, das Timing sorgt für Spannung. Soviel zum Wie. Warum das kollektive Leid einer tatsächlichen Katastrophe zum Gegenstand eines formelhaften Genrefilms werden sollte, ist eine andere Frage.

„Utøya 22. Juli“ ist ein Film nach klaren Genreregeln

Die vergangene Berlinale verlieh dem norwegischen Genrefilmer Erik Poppe mit „Utøya 22. Juli“ die Weihen einer Teilnahme im Wettbewerb. Es ist ein Film nach klaren Genreregeln. 72 Minuten wütete der rechtsextremistische Massenmörder Anders Breivik auf der kleinen norwegischen Insel Utøya. In Realzeit und in einer durchgehenden Einstellung hat Poppe einen Spielfilm daraus gemacht, der im Wesentlichen der zweiten Spielart folgt. Gewonnen ist aus dieser Regel noch kein Kunstanspruch. Im Gegenteil, es ist eine Handlungsanweisung, die den Film im Genre verortet und die Handwerklichkeit betont.

Einen anderen Film, der sich mit künstlerischen Mitteln einer humanitären Katastrophe widmet, Wolfgang Fischers Flüchtlingsdrama „Styx“, lehnte der scheidende Berlinale-Direktor Dieter Kosslick ab; ebenso wie ein paar Jahre zuvor den späteren Oscar-Gewinner „Son of Saul“, den der Ungar László Nemes in einem nahezu unsichtbaren Konzentrationslager spielen ließ. Hätte er doch Besseres dafür gefunden.

Mit den Mitteln des Horrorfilms heftet Poppe eine Handkamera an die Fersen einer tapferen 19-Jährigen, während Breiviks Schüsse hallen. Zwei Vorbilder hat sich Poppe gewählt – und macht das Schlechteste daraus: 

Vom High-School-Massaker-Film „Elephant“ seines aktuellen Wettbewerbskollegen Gus van Sant übernimmt er Elemente des Teenagerfilms, aber nicht die Diskretion. Und von Sebastian Schippers „Victoria“ entleiht er die Beschränkung auf eine Einstellung, doch was kommt dabei heraus? Ein spekulatives Stück Teenage-Horror mit geradezu schamlos banalen Dialogen, in dem fast lustvoll ein schemenhafter Breivik für Gänsehauteffekte sorgt. Buhrufe waren in Berlin die Quittung.

Vielleicht hätte sich der gerade verstorbene Philosoph Paul Virilio (s. Seite 33) durch diesen Film bestätigt gefühlt. Für Virilio kamen Kameras und Militärtechnologien aus derselben Küche, und ein Regisseur, der den zeitlichen Ablauf eines Massakers kopiert, hätte zu seinen Geschwindigkeitstheorien gut gepasst. Tatsächlich gewinnt das technische Denken des Filmemachers eine sichtbare Präferenz gegenüber dem Menschlichen. Er kommt damit Breivik näher als möglicherweise erhofft. 

Gewiss würde sich dieser Narziss durch das filmische Denkmal noch geschmeichelt fühlen, das Poppe ihm gesetzt hat. Die Überlebenden werden sich hoffentlich nicht darin wiedererkennen. Zu offensichtlich ist die Protagonistin eine bloße Platzhalterin der Genrekonvention. Als „final girl“ kennt die Genretheorie die typische weibliche Protagonistin von Horrorfilmen, die sich, so lange es geht, ihrem Peiniger entgegenstellt. 

Meist überlebt das final girl am Ende, doch auch der Bruch mit dieser Regel hat inzwischen eine eigene Tradition. Doch auch unter Horrorfans wird Erik Poppes Film kaum punkten können, so phantasielos folgt er seinem Regelwerk, das ihn vorbei an jedem höheren Anspruch ins Kunstgewerbe steuert.

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