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Ulli Lommel Die Zärtlichkeit des Genres

Ulli Lommel inszenierte Andy Warhol in zwei Filmen, die noch einmal frischen Wind in dessen Factory-Stil bliesen. Und mit dem B-Picture „The Boogey Man“ gelang ihm ein Welterfolg. Ein Nachruf.

Jan Himp und die kleine Brise
Anfänge: Lommel in „Jan Himp und die kleine Brise“, 1966, mit Gila von Weitershausen. Foto: imago

Noch lange nach dem Tod von Rainer Werner Fassbinder hallte die Frage nach seiner Nachfolge durch die Filmwelt. Selbst heute hört man noch immer, insbesondere aus dem Ausland, dass es dem deutschen Kino an einem „neuen Fassbinder“ fehle – als seien große Künstler nicht stets unersetzlich.

Ein Mitglied des Fassbinder-Clans hatte freilich bereits 1973 sein Regietalent bewiesen. Da zeigte Ulli Lommel, der Star aus Fassbinders Erstling „Liebe ist kälter als der Tod“, eine höchst eigenständige Mischung uns Kunst- und Genrefilm mit dem Titel „Die Zärtlichkeit der Wölfe“. Es war die traurige Geschichte des Serienmörders Fritz Haarmann, den Kurt Raab in Anlehnung an den Stummfilmstar Max Schreck mit vampirischer Jenseitigkeit verkörperte.

Deutsches Kino an die letzte wirkliche Glanzzeit erinnert

Lommel war verwegen genug gewesen, das deutsche Kino an seine letzte wirkliche Glanzzeit zu erinnern, die Weimarer Epoche. Doch während damals niemand auf die Idee gekommen wäre, Genrefilm und Autorenfilm als unvereinbar zu erklären, lagen in den 70er Jahren tiefe Gräben zwischen der so genannten Hoch- und Populärkultur.

Kein Wunder, dass Lommel nach 21 Fassbinder-Rollen Deutschland 1977 in Richtung USA verließ, wo die Popkünstler auch die Kunst für Unterhaltung hielten. In Andy Warhol fand er seinen nächsten Mentor. Die Faszination war gegenseitig. Warhol bewunderte den gut aussehenden, kreativen Star, dessen Beziehungen mit so attraktiven Frauen wie Iris Berben, Anna Karina oder Bianca Jagger die Klatschspalten füllten.

Ulli Lommel inszenierte Warhol in zwei Filmen, die noch einmal frischen Wind in dessen Factory-Stil bliesen. Erst vor kurzem, in restaurierten Fassungen, wurden „Cocaine Cowboys“ und „Blank Generation“ auf Festivals wiederentdeckt als schillernde Juwelen aus der Spätzeit der Popart. Die Frage ist hier nicht mehr die Verbindung von Kunst und Genre, sondern vielmehr die Aufladung von Exploitation mit gelebter Authentizität. So sind diese Filme heute gelebte Dokumente eines Lebensgefühls, das die Illustrierten nur durchs Schlüsselloch betrachten konnte.

Gleich darauf, 1980, gelang Lommel ein Welterfolg mit dem B-Picture „The Boogey Man“, einem Horrorfilm, der es auf mehrere Fortsetzungen brachte. Billige, aber mit Leidenschaft gedrehte Genrefilme blieben Lommels Spezialität, bis zuletzt war er höchst produktiv. Viele seiner Filme ernteten vernichtende Kritiken selbst bei hart gesottenen Genrefans, zu kümmern schien es ihn wenig. Als empfindsamen und hellwachen Chronisten seiner Zeit erlebte man ihn in seinen Dokumentarfilmen und gelegentlichen persönlichen Auftritten. Zuletzt arbeitete er an einer Dokumentation zu seiner Zeit mit Andy Warhol.

Sein unerwarteter Tod mit 72 Jahren nach einem Herzinfarkt lässt ihn eine verdiente und gewiss anstehende Wiederentdeckung leider nicht mehr erleben. Immerhin freute er sich über die Aufnahme seines Archivs in die Bestände der Stiftung Deutsche Kinemathek in Berlin. „Da habe ich eine eigene Halle neben Marlene Dietrich und Fritz Lang“, sagte er in einem seiner letzten Interviews.

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