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„Überleben in Neukölln“ Er möchte es wissen

Rosa von Praunheims neuer Film entpuppt sich als ein warmherziges Berliner Kiez-Kaleidoskop, das den Blick auf Neuköllns Subkultur und die Schwulenszene lenkt.

Überleben in Neukölln
Man könnte Juwelia ewig zuhören. Foto: Missing Films

Die Tür zur Wohnung steht offen. Es ist fast sechs Uhr am Abend, doch aus ihren Tiefen ruft es: „Guten Morgen!“ Ob ich auf dem Thron sitzen wolle, fragt Rosa von Praunheim, sobald er erschienen ist. Es handelt sich um einen schwarzen Ledersessel. „Hinter dir befindet sich eine Python“, sagt er, sobald ich Platz genommen habe. Ich halte es für einen Scherz. Irgendwann drehe ich mich um. Immerhin sitzt die Schlange in einem Terrarium. 

Hat er einen derart durchgeschüttelt, überschüttet Rosa von Praunheim einen mit Fragen, dabei sollte es umgekehrt sein. Smalltalk ist nicht seine Sache. Es geht unter anderem darum, wie man sich am wirkungsvollsten erschießt, um Partnerschaft und Pubertät. Den ersten Sex. Ich beantworte jede mit wehrloser Offenheit, die mich selbst überrascht. Es ist dies eine eindrucksvolle Demonstration von Rosa von Praunheims Kunst, Menschen zum Sprechen zu bringen, die auf seiner aufrichtigen, einfühlsamen Neugierde beruht. Er möchte wirklich wissen, wie die Menschen sich durchs Leben schlagen. 

Unser Treffpunkt ist seine Wohnung, ein Zimmer, in dem auf einem Sofa drei große braune Gorillas sitzen, und an einer Wand lauter bunte Bilder aus Praunheims Hand hängen. Tief im Westen Berlins liegt sie, in Wilmersdorf, aber sein jüngster Film heißt „Überleben in Neukölln“. Der Titel knüpft an seine Dokumentation „Überleben in New York“ an, die er 1988 über drei deutsche Frauen drehte, die versuchten, es in Big Apple zu schaffen. 

Seine Protagonisten in dem Neukölln-Film leben größtenteils schon lange in dem Teil des Bezirks, den die Immobilienmakler seit ein paar Jahren Kreuzkölln nennen. Doch Rosa von Praunheim hat keinen Film über Gentrifizierung gemacht. Sie kommt höchstens in den Gedanken des Zuschauers vor, der sich bange fragt, wie lange sich manche der Porträtierten noch werden halten können in dem trendig gewordenen Viertel. Rosa von Praunheim möchte das nicht kritisieren: „Das Leben verändert sich ständig, das kann man nicht aufhalten“, sagt er.
Juwelia, mit bürgerlichem Namen Stefan Stricker, steht im Mittelpunkt des Films.

Gelegenheitstransvestit nennt er sich selber. Immer, wenn er in seiner überbordend bunt dekorierten Galerie Studio St.St. in der Sanderstraße auftritt, wird aus Stefan Juwelia mit roter Langhaarperücke und knappem Abendkleid, die die Arme hochreißt und ruft: „Ich bin die schönste Frau von Berlin.“ Dann singt sie mit rauchiger, unbeholfener Stimme ihren Berlin-Song: „Es ist morgens um vier, wir kommen aus dem Club. Du willst noch Bier, orangerot ist die Sonne.“

Ihre Stücke bilden den tollen Soundtrack des ganzen Films. Später erzählt sie, dass sie in Berlin klebengeblieben ist, obwohl sie eigentlich nur Urlaub machen wollte. Das war in den Achtzigern. Dass sie fast ihr Leben lang von Sozialhilfe gelebt hat, weil sie sich in keinem Job halten konnte. Und was ist man dieser Einrichtung dankbar, dass sie eine solche Künstlerexistenz ermöglicht. Stefan/Juwelia strahlt bei aller Unsicherheit eine große Würde aus. Man möchte ihr ewig zuhören. 

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