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„Träum was Schönes“ Bild einer „Lügenpresse“

Mit dem gesellschaftskritischen Drama „Träum was Schönes“ meldet sich Altmeister Marco Bellocchio zurück.

Szene aus „Träum was Schönes“
Ausgelassen tanzen sie (Barbara Ronchi, Nicolò Cabras) einen Twist von Chubby Checker, doch die Idylle trügt. Foto: Simone Martinetto

Als Marco Bellocchio 1965 seinen ersten Langfilm drehte, gehörte das italienische Kino zum spannendsten der Welt. „Mit der Faust in der Tasche“ hieß das Drama, in dem sich ein junger, an Epilepsie leidender Mann mit roher Gewalt seiner Familie zu entledigen versuchte. Es war nicht schwer, in dieser revolutionären Zeit das wahre Ziel dieses tragischen Befreiungsschlags auszumachen – die Famiglia Italia, die moralkonservative Nachkriegsgesellschaft schlechthin. 

Der messerscharfe Schwarzweißfilm reüssierte auf dem Filmfestival Locarno, und es gelang dem damals 26-Jährigen aus dem Stand, in einem Atemzug mit Pasolini und Bertolucci genannt zu werden, seinen späteren Mitstreitern bei einem Episodenfilm mit dem beziehungsreichen Titel „Liebe und Zorn“. 

Bellocchio dreht noch immer Familiendramen

Heute, mehr als vierzig Filme später, ist Bellocchio siebenundsiebzig. Und noch immer dreht er Familiendramen, in denen gesellschaftliche Strukturen metaphorisch ihren Ausdruck finden. Nur wenige davon erreichen die deutschen Kinos, doch bei Filmfestivals sind sie eine feste Größe. Schwamm Bellocchio in Italien einst auf den Wogen eines vielstimmigen intellektuellen Kinos, steuert der Linksintellektuelle heute recht einsam gegen den Strom. Auch wenn das italienische Kino dank Filmemachern wie Gianfranco Rosi und Paolo Sorrentino gerade aus einem Dornröschenschlaf erwacht, ist es doch dominiert von einem Mainstream aus schönfarberischer Gefühlsseligkeit. 

In den ersten Szenen scheint Bellocchio das Publikum genau dort abzuholen: In einer etwas überbunt ausgestatteten 60er-Jahre-Wohnung tanzt eine junge Mutter ausgelassen mit ihrem kleinen Sohn zu den Klängen eines Twists von Chubby Checker. Doch etwas ist falsch an der Idylle, etwas scheint die Frau daran zu hindern, innerlich ganz bei ihrem Kind zu sein. Tatsächlich zerreißt die glückliche Zeit, noch bevor der kurzlebige Modetanz aus den Hitparaden verschwunden ist. 

„Träum was Schönes“, der vertraute Abschied vom Tag, ist das letzte, was das Kind von seiner Mutter hören wird. 

Hinter dem Jungen Massimo, dessen weiterem Leben mit dem Kindheitstrauma dieses Drama über drei Jahrzehnte und 130 Minuten nachspürt, verbirgt sich einer der populärsten italienischen Intellektuellen, der Journalist, Schriftsteller und Fernsehmoderator Massimo Gramellini. 1999 begann er in „La Stampa“ die vielgelesene Kolumne „Il Buongiorno“, doch sein größter Bestseller ist der autobiographische Roman, den Bellocchio hier verfilmt. 

Umso größer ist der Schock des Verlustes, als man das Kind im Unklaren lässt über die tatsächlichen Umstände des Todes der Mutter. Auch wenn Bellocchio dieses Mysterium über zwei Stunden scheinbar bewahrt, ahnt er doch, dass es allein kaum einen tragfähigen dramatischen Bogen abgibt. Wer also zwischen den Zeilen der Untertitel liest, wird sehr früh eingeweiht: Ein Kleriker umschreibt den Sachverhalt des offensichtlichen Freitods gegenüber dem Kind mit den kryptischen Worten, seine Mutter habe sich entschlossen, als Engel über ihm zu wachen. Trotzig fragt es zurück: „Woher wollen Sie das wissen?“

In einer Rückblendenstruktur erzählt Bellocchio die Geschichte einer Erwachsenenwerdung als Abarbeitung des Verlusts, komplex in der Form, aber im Rhythmus eher getragen, was es wiederum dem Publikum erleichtert, den Zeitsprüngen zu folgen. Wie lebt es sich als Halbwaise in einer Kultur, in der Kirche und Gesellschaft in einem gemeinsamen Mutterkult zusammenfinden? 

Massimo erfindet die Geschichte einer Mama, die in New York ansässig ist, um nicht als bedauernswertes Opfer Teil davon zu werden. Insgeheim erfindet er sich einen zweiten Schutzengel in der Titelfigur der damals populären französischen Mystery-Serie „Belphégor oder Das Geheimnis des Louvre“. Wie eine dunkle Fee scheint das Gespenst den Jungen zu leiten. Andere Filmzitate unterstützen die Todesnähe der Geschichte, oft nur wenige Sekunden blitzen sie auf: Ein Ausschnitt aus Jacques Tourneurs Horrorklassiker „Katzenmenschen“ bereitet im schummrigen Schwimmbad-Licht eine späte, eindrucksvolle Szene vor: Da erscheint dem endlich auch emotional ins Leben Zurückgefundenen seine Geliebte im selben irrealen Licht. Ob in ihr der Schutzengel aus einer anderen Welt lebendig ist? 

Bis im leuchtenden Blau dieser Szene wieder das Leben in den Film zurückkehrt, herrscht ein mattes Sepia vor, das in den Rückblenden nur selten aufbricht. Durch die Fenster der einem Mausoleum gleichenden Wohnung taucht da etwa für den Jungen kurz ein alternativer Schauplatz auf. 

Es ist das Stadion des FC Turin, eine ausgelassene Männerwelt, in die das Kind von seinem Vater eingeführt wird. Massimos späterer Werdegang als Journalist beginnt mit Fußballreportagen. 

„Träum was Schönes!“, wie eine Aufforderung zu einem bindungslosen, traumtänzerischen Leben scheint er die Worte der Mutter als Gebrauchsanweisung seines Lebens zu verstehen. In kurzen, bildkräftigen Episoden reißt der Film sie an: Als Reporter im Bosnienkrieg wird er Zeuge, wie ein Fotograf die Wirklichkeit nachinszeniert und ein Kind mit seinem Gameboy geistesabwesend vor einem toten Frauenkörper aufnimmt. Der Verlogenheit dieses Geschehens setzt er nichts entgegen, als Illustration des eigenen Lebens ist es wahr.

Doch so bildkräftig dieses Bild einer „Lügenpresse“ ist, so überdeutlich bereitet es auch den Umschwung des Lebens vor, hin zu einer anderen Art von Journalismus. Als Massimo in einem Beitrag hoch emotional einem Leserbriefschreiber antwortet, der der eigenen Mutter zürnt, erfährt er immensen Zuspruch. Was sich in dieser emotionalen Szene indes verliert, ist die kluge Distanziertheit, mit der sich Bellocchio bis dahin so konsequent vom Konsenskino des italienischen Mainstreams abgesetzt hat.

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