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"Toni Erdmann" Vater der Klamotte

Viel bejubelt bei den Filmfestspielen in Cannes, und doch erst jetzt in den deutschen Kinos: Maren Ades Meisterwerk „Toni Erdmann“.

Die smarte Managerin Ines (Sandra Hüller) möchte nicht nur lächeln. Foto: dpa

Kann es wirklich sein, dass „Toni Erdmann“ erst heute in die deutschen Kinos kommt? Zwischen der umjubelten Cannes-Premiere im Mai und ihrem tatsächlichen Kinostart hat Maren Ades Gesellschaftskomödie wohl mehr Begeisterung entfacht, als die letzten paar Jahrgänge deutscher Filmproduktion zusammen. Und das vollkommen zu Recht: Schon lange nicht mehr hat so viel Lachen soviel Erkenntnis generiert.

Dennoch möchte man diesen zwar überlangen aber doch bei aller Wirkungsmacht so zarten, ja im besten Sinne kleinen Film fast beschützen vor der Größe, auf die er inzwischen angewachsen ist. Mit dem Unwort „Konsensfilm“ lobte ihn zuletzt „Die Zeit“ – als wollte oder sollte Kunst es allen recht machen.

Das ist auch in Cannes übrigens nicht so gewesen. Ja, die meisten Kritiker waren in der Tat empfänglich für die nonkonformistische Schönheit dieser Neuerzählung der uralten Geschichte vom Vater, der seine Tochter vor sich selbst beschützen möchte. Doch die von „Mad Max“-Regisseur George Miller geleitete Jury spendierte ihr keinen Blumentopf. Und so muss es nun mal sein: Eine Konsenskunst, auf die sich alle einigen, ist ungefähr so erstrebenswert wie eine große Koalition.

Glücklich, wer „Toni Erdmann“ noch so unbefangen sehen kann, wie an jenem Abend in Cannes, als nichts als eine unbestimmte Vorfreude in der Luft lag. Dabei hatte selten ein großer Film so unscheinbar begonnen. Ein Paketbote klingelt, die Handkamera wackelt etwas, die Tür wird geöffnet, vage ist Peter Simonischek zu sehen. Doch schon im nächsten Augenblick wird daraus großes Kino.

Denn Simonischek gibt sich überrascht, erklärt, die Zustellung müsse wohl für seinen Bruder sein. Bald kommt er wieder mit Perücke und falschen Zähnen. Und Ade hat die Katze aus dem Sack gelassen, uns bekannt gemacht mit der ulkigen Doppelexistenz, die Winfried Conradi, ein pensionierter Musiklehrer, offenbar führt. Dabei nimmt der Alt-68er auch unverkleidet kein Blatt vor den Mund. Seiner Tochter, die in einer Unternehmensberatung arbeitet und sich selten meldet, erklärt er, das sei in Ordnung. Er habe eine Tochter-Darstellerin engagiert, und das gehe sehr gut.

Natürlich ist auch das nur ein Scherz, wie jeder dritte Conradi-Satz. Und doch lächelt Managerin Ines, gespielt von Sandra Hüller, nicht mehr lange. Sie arbeitet für eine internationale Firma in Bukarest und soll einem Unternehmen Strategien für Massenentlassungen schmackhaft machen. Kurz vor der entscheidenden Präsentation taucht der Vater überraschend bei ihr auf. Wenig erfreut nimmt sie ihn mit zu einem Botschaftsempfang und zu einem Geschäftsessen, ist erleichtert, als er wieder abreist. Doch am nächsten Abend erscheint – schon erwartet und doch irrwitzig überraschend – ein Gebissträger mit Lockenperücke unter den Statisten: Das ist Toni Erdmann.

Dieses erste Viertel der insgesamt 162 Minuten reichte bereits, um in Cannes einen Saal zu bannen. Doch das eigentliche Wunder geschieht erst jetzt. In einer noch nicht gesehenen Mischung aus semidokumentarischer Genauigkeit und rasender Farce, gelingt Marion Ade eine lange verschüttete Freiheit in der Inszenierung, wie man sie nicht mehr sah, seit revolutionäres Autorenkino die Welt bewegte, ebenbürtig einem Pasolini oder Buñuel. Selbst die Academy in Hollywood hat Maren Ades Größe Ende Juni anerkannt, als sie ihr die Mitgliedschaft antrug.

Im Kino dominiert seit einigen Jahren das Erwartbare vor dem Überraschenden. Für die Kunst ist das der Stillstand. Es bleibt kaum ein Restchen mehr übrig für die Imagination. Anders Maren Ade, diese Perfektionistin ohne einen Anflug von Pedanterie. Zu einem Ereignis wird ihre Kunst nicht dadurch, dass sie perfekt ausmalte, was sie mit Bleistift vorgezeichnet hätte. Aller Jubel, den Maren Ades „Toni Erdmann“ bereits entfacht hat, entzündet sich an der Freiheit ihres Erzählens.

Toni Erdmann. D 2016. Regie: Maren Ade. 162 Min.

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