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„Tomb Raider“ Ein Märchen für vorsichtige Zeiten

Der neue „Tomb Raider“ ist der erste Action-Blockbuster fürs MeToo-Zeitalter.

"Tomb Raider"
In einer alten Schatzsucher-Geschichte. Foto: Ilze Kitshoff (Warnert Bros)

Gerade einmal fünfzehn Jahre liegt der letzte Tomb-Raider-Film zurück, doch wie haben die Zeiten sich geändert. Die beiden Angelina-Jolie-Vehikel waren klassische Exploitationfilme, wie man sie in den 80er Jahren mit Stars wie Brigitte Nielsen drehte. Die weibliche Heldin zeigte sich dem männlichen Teenager-Publikum als fleischgewordene Gamer-Phantasie. Alles war auf die Attraktivität der Hauptdarstellerin zugeschnitten, nach der sich auf dunklen Dschungelpfaden sogar die Äffchen umdrehten. Auch wenn sich die Action-Szenen bemühten, den Bezug zum erfolgreichen Videospiel nicht ganz vergessen zu lassen, war es doch vor allem eine recht altmodische Art von Pin-up vor postkolonialistisch-exotischer Kulisse. 

Der neue „Tomb Raider“ könnte dem nicht ferner sein. Vergessen sind Voyeurismus und Exotismus. Vielleicht geht dieser Film sogar als der erste Post-MeToo-Blockbuster in die Genregeschichte ein. 

Längst haben die erfolgreichen „Hunger Games“-Abenteuer Hollywood von der Marktmacht weiblicher Fans überzeugt. Niemand wird diesmal in Internetforen über Körbchengrößen schwadronieren. Es gibt weder Nacktszenen noch die leiseste Erotisierung, dafür eine Rückkehr zur Unschuld alter Schatzsucher-Geschichten. Wie bei der ersten Pressevorführung zu erleben, hat man dabei das männliche Teenager-Publikum jedoch keineswegs verloren, ganz im Gegenteil. 

Lara Croft begegnet uns in Londons Bankerviertel als Königin der Fahrradkuriere. Allen Jungs fährt sie davon, die fette Prämie, die unter den Fixie-Fahrern ausgelobt worden ist, hat sie fast in der Tasche, als für einen Augenblick eine schwere Erinnerung ihre Aufmerksamkeit trübt. Seit dem Verschwinden ihres Vaters, eines Firmenchefs und Abenteurers, ist Lara ein „poor little rich girl“ – so sehr sie auch von der Nachlassverwalterin (Kristin Scott Thomas als typisch britische Gouvernante) gedrängt wird, ihr Erbe endlich anzutreten. Doch als es beinahe dazu kommt, lässt Lara alle Millionen erst mal liegen für einen mysteriösen Schlüssel, den sie im Nachlass findet. Dieser öffnet eine geheime Forscherkammer in der Familiengruft. Und weist den Weg in ein exotisches Inselreich mit einer noch weit opulenteren Grabkammer. Und im Gegensatz zum väterlichen Sarkopharg enthält diese sogar eine echte Mumie – komplett mit einer Art Fluch der Pharaonen, der auf gar keinen Fall über die Menschheit kommen darf.

Man merkt schon, es gibt an dieser Geschichte nichts, das uns nicht schon einmal beim Gute-Nacht-Geschichten-Erzählen eingefallen wäre. Aber eine Lara Croft ersetzt eben doch mindestens Drei Fragezeichen.

Die Schwedin Alicia Vikander, 29, spielt die Figur wie eine ruhelose 18-Jährige. Da ist nichts Übermenschliches mehr an diesem Charakter, sie erinnert ein wenig an einen weiblichen Spider Man vor seiner Verwandlung. Die Trennung von ihrem Vater (Dominic West) hat diese Lara Croft in einem Teenager-Zustand konserviert, der nun nach Auflösung und Reifung drängt. Man mag die Begegnung von Vater und Tochter melodramatisch finden, aber das passt zur altmodischen Abenteuergeschichte und dem gänzlich asexuellen Coming-of-age-Motiv. Es ist ein wenig wie „Die Schöne und das Biest“ – ohne das Biest. Nur mit dem Vater, dessen Rettung dem Mädchen der einzige Lebensinhalt ist. Welch ein Märchen für vorsichtige Zeiten. Einen jugendlichen Liebhaber gibt es nicht. 

Diese Heldin ist niemandem etwas schuldig, und es gibt niemanden, mit dem sie ihren Heldenmut teilen müsste. Nicht einmal irgendeinen Gamer, der sie sich als Avatar ausgesucht hat und durch eine virtuelle Landschaft jagt. 

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