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Tom Tykwer Von der Pike auf

Der Berliner Filmemacher Tom Tykwer wird Jury-Präsident der Berlinale 2018. Tykwer steckt unter anderem hinter der grandiosen Verfilmung von „Das Parfum“.

Tom Tykwer
Tom Tykwer. Foto: afp

In künstlerischer Hinsicht kann man den Berliner Filmemacher Tom Tykwer, ohne ihn dadurch zu beleidigen, einen Spießer nennen. So wurden jene Rekruten in der mittelalterlichen Armee genannt, die mit einer einfachen Stichwaffe in den Kampf zogen. Wenn es heißt, jemand habe etwas von der Pike auf gelernt, bedeutet das im übertragenen Sinn, dass ein Soldat die militärische Rangfolge durchlaufen und dabei mit dem einfachen Spießtragen begonnen hat.

Im Fall des 1965 in Wuppertal geborenen Tom Tykwer war die Pike der Job des Kartenabreißers im Kreuzberger Kino Moviemento. Das Haus am Kottbusser Damm ist das älteste Kino Berlins. Es wurde 1907 gegründet, und Tom Tykwer war hier Anfang der 80er Jahre natürlich nicht nur Kartenabreißer, sondern zugleich auch Programmgestalter des coolen Off-Kinos, das historische Retrospektiven ebenso im Programm hatte wie aufregende Reihen über erst noch zu entdeckende filmische Genres.

Ein Entdecker ist der kinoverrückte Tom Tykwer seit früher Jugend. Mitunter konnte es vorkommen, dass er mit ein paar Freunden oder allein für einen Kurztrip nach Paris aufbrach, um sich dort in irgendwelchen Vorstadtkinos die Nächte um die Ohren zu schlagen. Eingang gefunden hat seine Begeisterung für die französische Hauptstadt nicht nur in seine grandiose Literaturverfilmung von Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ (mit Dustin Hoffman und Karoline Herfurth), sondern auch in den Episodenfilm „Paris, je t’aime“ von 2002, für den Tykwer den Kurzfilm „True“ beisteuerte.

Erholung durch Arbeit

Das kleine Stück Kino, in dem die Stadt an der Seine die Hauptrolle spielt, war für Tykwer auch eine Art Rettung. Nach dem künstlerischen und auch wirtschaftlichen Erfolg des Berlin-Klassikers „Lola rennt“ (mit Franka Potente), den später sogar der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen für eine Wahlkampfkampagne („Diepgen rennt“) coverte, fühlte Tykwer sich vorübergehend derart ausgebrannt, dass die Paris-Episode ihm eine willkommene Chance zur Erholung durch Arbeit bot.

Natürlich ist Fleiß eine der Basisqualifikationen, die Tykwer früh in das harte Filmgeschäft einzubringen wusste, gepaart mit einer unbändigen Lust auf Bilder, die die Welt verändern. Mehr als nur eine traurige Liebesgeschichte, besticht Tykwers frühes Hauptwerk „Die tödliche Maria“ (von 1993, mit Nina Petri und Joachim Król) durch den Einsatz von überraschenden filmsprachlichen Mitteln und Effekten. Das war es wohl auch, was den akribischen Arbeiter Tom Tykwer für große internationale Produktionen wie „Heaven“ (2002) und „The International“ (2009) als attraktiven Partner erscheinen ließ. Und weil Tykwer sein Handwerk eben von der buchstäblichen Pike auf gelernt hat, scheint er auch der richtige Mann für ein so ambitioniertes Großprojekt zu sein wie „Babylon Berlin“, in dem das Berlin der 20er Jahre gerade in ein spannendes Fernsehformat überführt worden ist.

Die Nachricht, dass Tykwer nun zum Jury-Präsidenten der Berlinale 2018 erkoren wurde, überrascht insofern, weil man sich kurz fragt, ob er diesen Job samt der dazugehörigen Ehre nicht bereits innehatte. In der langen Liebesgeschichte zwischen Tykwer und Berlin erscheint der Posten am Potsdamer Platz wie eine längst bekannte Episode.

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