Lade Inhalte...

Tom of Finland Im musealen Untergrund

Dome Karukoskis Biopic predigt, was wir wussten: Tom of Finland war ein großer Künstler.

04.10.2017 18:48
Tom Finland
Wie auf einem Bild von Tom Finland, der die finnische Schwulenkultur zeichnete. Foto: MFA+

Künstlerbiographien sind schwer en vogue, wer ist bloß schuld daran? Anders als bei anderen Kino-Moden liegt dem Hype kein einzelner, durchschlagender Filmerfolg zu Grunde. Mike Leighs „Turner“ war ein Meisterwerk, das kaum gesehen wurde; Gilles Bourdos’ luftiger „Renoir“ so leicht, dass ihn kaum jemand ernst genommen hat. Stanley Tuccis „Giacometti“ reduzierte die philosophische Dimension der Plastiken zu Ateliergeplänkel.

Jacques Doillons bleischwerer „Rodin“ verhob sich gar an seinem Thema wie an einem Brocken Marmor. Der Kinostart von Edouard Delucs imponierendem „Gauguin“ steht noch bevor, doch schon jetzt zeigten sich Kritiker irritiert von der sonnenlosen Südsee-Depression. Und nun also „Tom of Finland“, eine ähnliche Überraschung für alle, die von diesem Genre vor allem lebende Bilder erwarten. 

Es ist nichts „campiges“ an diesem aufwendigen, klassisch inszenierten Biopic, was allein schon eine interessante Geste ist. Wer noch immer darüber streiten möchte, ob dieser wohl bekannteste Zeichner schwuler Erotica überhaupt ein Künstler sei, der möge fortan in Ehrfurcht verstummen. In einer virtuosen Montage seiner prägenden Lebensjahre erzählen schon die ersten zwanzig Minuten, wie Erlebtes nach künstlerischem Ausdruck drängt. 

Da ist zum Beispiel die Szene, in der Touko Valio Laaksonen als Soldat einen russischen Fallschirmspringer tötet. Nach einer Weile schleicht er sich noch einmal zurück und entdeckt einen ausnehmend schönen Mann, dessen Gesicht er später aus der Erinnerung in einer Bleistiftskizze verewigt. Die Kriegserfahrungen mischen sich mit Eindrücken von staatlicher Gewalt gegen Homosexuelle. Die Kunst ist dabei mehr als ein Ventil: Als eine erotische Zeichnung einen Bewunderer findet, kommt die Wertschätzung zurück als willkommene sexuelle Offerte. 

Wer aber erwartet, dass in einem Tom-of-Finland-Film schwelgerische Phantasien in der hinreißenden Übertreibung seiner feinen, schattierten und doch überdeutlichen Zeichnungen lebendig werden, der muss sich wohl noch gedulden. Filmemacher Dome Karukoski hatte nicht im Sinn, die Phantasien der Zeichnungen weiterzuspinnen oder gar mit dem filmischen Pendant des Genres, das sie streifen, dem Porno, in Kontakt zu treten. Es hätte sich nicht verbinden lassen mit dem ausladenden Sittengemälde der sexuell restriktiven Nachkriegszeit und der Geschichte einer manchmal lähmend langsamen, aber doch unaufhaltsamen gesellschaftlichen Anerkennung der Schwulenkultur. 

Was dieser Film dagegen meisterhaft nachzeichnet, ist die Inspiration eines Künstlers, der seine Sehnsüchte visualisierte, indem er sie zugleich aus den verdrängten Schatten einer Nazi-Ikonographie aus Militarismus und Männerkult befreite. 

Der 1991 gestorbene Künstler, der sich in den USA Tom of Finland nannte, konnte noch erleben, wie sehr seine Bildwelten eine schwule Popkultur prägten. Noch kurz vor seinem Tod machte ein Dokumentarfilm seine Kunst einem breiten Publikum bekannt, in einer herrlichen Szene feiert dieses Biopic die Premiere mit hunderten von Ledermännern im Publikum. Es ist wie die Umkehr des Zauberlehrlings: Wer hat schon das Glück, von den erschaffenen Geistern derart liebevoll verschlungen zu werden?

Die Aufnahme in die Hochkultur jedoch blieb Tom of Finland noch verwehrt. Das vergebliche Warten auf die eine, große Ausstellung verleiht dieser Geschichte eines denkbar produktiven Künstlerlebens ein melancholisches Pathos. Sichtbar reiht sich auch dieser Film ein in die Historie posthumer Würdigungen, die nach Dian Hansons schwelgerischen Bildbänden für den Taschen-Verlag im finnischen Pavillon der Venedig-Biennale 2009 ihren Höhepunkt fanden. Der klassische, mitunter fast altmodisch pathetische Stil des Biopics verhält sich ein wenig wie ein Barockrahmen zu der lustvollen Ikonographie – und nimmt ihr unweigerlich das Anarchische. Da wünscht man sich, ein John Waters hätte die Regie übernommen. Etwas lustvoller, derber und vor allem humorvoller hätte ein Tom-of-Finland-Film schon sein können.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum