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Thriller Medizin und Mythos

„The Killing of a Sacred Deer“: Giorgos Lanthimos gelingt einer der schwärzesten Thriller des Jahres. Man kann seinen ersten US-Film durchaus als Kritik an amerikanischen Werten verstehen.

„The Killing of a Sacred Deer“
Im Gespräch über seltsame Dinge: Nicole Kidman und Colin Farrell. Foto: weltkino

Es war am Vorabend der Griechenlandkrise, als ein junger Regisseur über ein kleines griechisches Filmwunder staunen ließ. In seinem surrealen Drama „Dogtooth“ führte Giorgos Lanthimos in die Parallelgesellschaft einer absurden Familiendiktatur. Mit der Konsequenz eines Luis Buñuel breitet er seither prächtige Alpträume aus, deren Horror frei von Schockeffekten ist.

Sein letzter Film „The Lobster“ war noch der leichteste; dort triumphierte der Glanz der poetischen Empfindung über das beklemmende Szenario. In „The Killing of a Sacred Deer“ herrscht dagegen die blanke Schwärze. Selbst in den lichtdurchfluteten Räumen und auf den spiegelblanken Böden seines Hauptspielorts, einer edlen amerikanischen Klinik. Sogar die misslungene Herz-OP des Filmanfangs sieht so appetitlich aus wie eine Schwartau-Konfitürenwerbung.

Thriller mit mythologischen Motiven

Colin Farrell spielt mit imposantem Rauschebart den verantwortlichen Chirurgen, eine Koryphäe, die die eigene Fehlbarkeit professionell herunterspielt. Aus heimlichem Schuldgefühl unterhält er freilich eine Freundschaft mit dem heranwachsenden Sohn des verstorbenen Patienten.

Wie im Sanatorium von „The Lobster“ wird die rationale Welt der Medizin mit einer Tür zum Irrealen konfrontiert. Als es dem Jungen nicht gelingt, den freundlichen Arzt mit seiner Mutter zu verkuppeln, erpresst er ihn mit einem Fluch: Sollte er sich nicht entschließen, wahlweise eines seiner beiden Kinder oder die von Nicole Kidman gespielte Ehefrau zu töten, würden alle eines Todes sterben, der sich schleichend ankündigt: Die Kinder bekommen – medizinisch unerklärlich – schon einmal gelähmte Beine.

Es ist eine Spezialität der Coen-Brüder, die Lanthimos hier zubereiten möchte: einen rabenschwarzen Thriller mit mythologischen Motiven: Der Titel bezieht sich auf Iphigenie, die der Sage nach von ihrem Vater Agamemnon der zornigen Göttin Artemis als Opfergabe angeboten wurde. Doch in seiner Unaufgeregtheit ist der böse Junge wohl noch bedrohlicher als jede Gottheit. Entfernt erinnert er an Damien, den schwarzhaarigen Rotzbengel aus dem Gruselklassiker „Das Omen“. Gleichwohl wirkt die Filmfigur auch im Monströsen selber schutzbedürftig. Der Verlustschmerz ist bei allem Rachestreben sichtbar. Der bereits 25-jährige Barry Keoghan („Dunkirk“) wirkt in dieser Oscar-reifen Rolle auf gespenstische Weise alterslos.

Kritik an amerikanischen Werten

Wie stets bei Lanthimos agieren die Figuren nach einem dem Zuschauer verborgenen Regelwerk. Warum spricht Colin Farrell bis zu seinem späten Ausbruch mit einem so bemüht-emotionslosen Tonfall? Und was ist der Ursprung des merkwürdigen Schlafzimmerrituals mit seiner unterkühlten Ehefrau? Es ist ein überaus böser Film, soviel ist sicher, gerade weil er nicht zu erkennen gibt, worauf sich seine immanente Wut richtet. Ist es die vorgebliche Perfektion einer für die Oberschicht gebauten Privatklinik? Man kann Lanthimos ersten US-Film durchaus als Kritik an amerikanischen Werten verstehen. Die Kritik jedenfalls spaltete er dort zutiefst. Der Autor der renommierten „St. Louis Post-Dispatch“ nannte den Film bereits im Titel „moralisch abstoßend“ und schloss: „Das ist der Schlechte-Laune-Film des Jahres. Empfohlen für jemanden, den Sie hassen.“ Erstaunlich, welche Reaktionen Kunst doch hervorrufen kann.

„The Killing of a Sacred Deer“ erinnert an einen jener Alpträume, die wir noch beim Schlafen als solche entlarven. Erstaunlich nur, dass alle Figuren, die darin vorkommen, nichts davon ahnen. Und der erlösende Wecker bleibt gnadenlos stumm.

The Killing of a Sacred Deer. GB / Irland / USA 2017. Regie: Giorgos Lanthimos. 101 Minuten.

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