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„The Wailing“ Sinfonie des Grauens

Der koreanische Mysterythriller „The Wailing – die Besessenen“ inszeniert den Schrecken wie eine ansteckende Krankheit.

„The Wailing – die Besessenen“
Regisseur Na Hong-jin macht beim Umgang mit dem Unbändig-Bösen und dessen Verortung in einer an verdächtig arglosen Alltagswelt niemand etwas vor. Foto: Alamode Film

Genrekino, wenn es etwas wert ist, weckt Erwartungen und lässt sie dann unbemerkt vergessen. Am Ende wird man zugeben, doch noch seinen Thriller, Horror- oder Science-Fiction-Film bekommen zu haben, auch wenn es zwischendurch vielleicht nicht mehr so aussah. Aber doch ganz anders als erwartet. Lange bevor Alfred Hitchcock dafür den Begriff des „McGuffin“ einführte, legten Filmemacher falsche Fährten. Wen kümmerte es am Ende, wohin die „Spur des Falken“ wirklich führte?

Das heutige Blockbusterkino wird dagegen vom Großteil seines Publikums an der Einlösung seiner Versprechen gemessen, und es richtet sich danach. Bloß nichts verraten, heißt die Devise, dabei gibt es meist ohnehin nichts zu erzählen. Die Frage ist dann nicht, was in einem Film zu sehen ist, sondern höchstes in welcher Reihenfolge.

Schon eine Woche nach Kinostart gilt einer der feinsten Science-Fiction-Filme der letzten Jahre, „Blade Runner 2049“, bereits als Misserfolg. Offensichtlich hat sich Dennis Villeneuve zu weit von den Erwartungen an einen actionreichen Blockbuster entfernt. Wie anders verhält es sich mit dem asiatischen Genrekino: Schon seit den 90er Jahren ist es allen eine Alternative, denen Hollywood zu langweilig geworden ist. Nichts möchte man aus Hongkong, Japan und – derzeit am vielversprechendsten – Korea sehen, das wie amerikanisches Kino aussieht. Aber ist das nicht auch schon eine einengende Erwartung?

Der leichthändige Umgang mit dem Unbändig-Bösen

Der Koreaner Na Hong-jin wurde 2008 mit seinem Debüt „The Chaser“ bekannt, einem verwegen gegen den Strich gebürsteten Actionthriller.

Im leichthändigen Umgang mit dem Unbändig-Bösen, noch mehr aber in seiner Verortung in einer an Arglosigkeit nicht minder verdächtigen Alltagswelt macht ihm niemand etwas vor. Es ist eine Spezialität des koreanischen Kinos, und Na Hong-jin bewegt sich auf ähnlichem Terrain wie Park Chan-wook. Sein zweieinhalbstündiges Drama „The Wailing“ feierte im vergangenen Jahr in Cannes Premiere – und zeigte dabei, dass man der Klaviatur des eigentlich Allzu-Bekannten noch völlig neue Klänge entlocken kann.

Es gibt darin: Einen tollpatschigen Polizisten, wunderliche Spökenkieker und einen Zombie, der sich durch die Nachbarschaft einer Kleinstadt beißt. Es gibt einen japanischen Einsiedler, dem man im Ort alles Übel unbesehen in die Schuhe schiebt – und der doch nur eine rätselhafte Randerscheinung der finsteren Geschichte bleibt. Weiterhin werden aufgeboten: ein vom Teufel besessenes Mädchen und sogar ein Pastor, der zu allem wohl wissend nickt, sich aber nicht zum Exorzisten berufen fühlt. „Die Kirche kann hier leider auch nicht helfen“, lautet seine bittere Antwort, die zugleich den Endpunkt einer falschen Fährte – eingestreuter biblischer Bezüge – bedeutet. Was nach anderthalb Stunden wenigstens den Polizisten dazu nötigt, sich ein wenig Genre-konform zu verhalten und über sich hinaus zu wachsen.

Immerhin ist es die eigene Tochter, die da plötzlich faucht und flucht wie im Klassiker „Der Exorzist“. Genrevorbilder werden in diesem Film lediglich gestreift, aber nie herbeizitiert.

Bis dahin ist der Polizist schon einige Male aus Alpträumen erwacht, die für sich genommen eigene Genre-Miniaturen sind. Dabei hat alles doch mit einem vergleichsweise alltäglichen Mordfall angefangen: Ein Bauer hatte nach dem Genuss eines Pilzes seine Familie abgeschlachtet. Doch ebenso wenig wie sich an den Zutaten der tatsächliche Geschmack eines Gerichts vorhersehen lässt, wird diese Aufzählung dem Film gerecht.

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