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The Square „Sprache, unter deren Oberfläche nichts ist“

Der schwedische Regisseur und Cannes-Gewinner Ruben Östlund über den Populismus der Bildmedien und den Kunstbetrieb, die Zielscheibe seiner Satire „The Square“.

The Square
Elisabeth Moss als Anne in einer Szene des Films „The Square“. Foto: dpa

In der Kunst fallen Anspruch und Wirklichkeit nicht immer zusammen. Das gilt wohl auch für das minimalistische Quadrat, das dem schwedischen Cannes-Gewinner-Film „The Square“ seinen Titel gibt, Ruben Östlunds Satire über den Kunstbetrieb und die sogenannte politische Korrektheit. Es misst nur wenige Quadratmeter, leuchtet im Rot billiger LED-Streifen, doch eine Schrifttafel erklärt es zu einem „heiligen Ort des Vertrauens“: „In seinem Innern haben wir alle die gleichen Rechte und Verpflichtungen.“

Ebenso emphatisch preist der Museumskurator (Chris Bang) im Mittelpunkt der Satire seinen Besuchern das Konzeptkunstwerk an. Er ist die Verkörperung eines Kunstexperten, wie es sie tatsächlich nicht selten in leitenden Positionen in den Musentempeln zu finden gibt: Kunst scheint diesen Vermittlern in erster Linie eine Illustration jener Theorien zu sein, die gerade besonders angesagt sind.

Mehrheitsfähige politische Ideale einerseits und der Anspruch an eine rebellische Avantgarde gehen dabei nicht immer konform. „The Square“ erzählt vom Scheitern eines solchen Idealisten an den eigenen Idealen. Als er aus Hilfsbereitschaft Opfer eines Tricksdiebstahls wird, verliert er für einen Augenblick den Respekt, den er in der Kunst so hochhält.

Der 43-jährige Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Ruben Östlund hat mit seinem satirischen Drama auch eigene Erfahrungen in der Kunstwelt verarbeitet. Nicht nur war das Kunstwerk im Film Teil einer eigenen Ausstellung. 2011 wurde ihm in Schweden auch Rassismus vorgeworfen, weil er in seinem Film „Play – Nur ein Spiel?“ von einer afrikanischen Kinderbande erzählte, die weiße Mittelschichtkinder bestahl.

Dabei hatte er die Ressentiments selbst zum Thema gemacht, wie er selbst formulierte: „Selbst in Schweden, einst eine der egalitärsten Gesellschaften der Welt, haben wachsende Arbeitslosigkeit und die Angst vor Statusverlust zu gegenseitigem Misstrauen geführt und zu einem Misstrauen gegenüber der Gesellschaft.“

Herr Östlund, in einer Szene Ihres Films „The Square“ wendet sich der Museumskurator mit einer pseudotheoretischen Rede an ein bildungsbürgerliches Publikum. Hat der Museumsbetrieb Ihrer Meinung nach den Gedanken einer „Kunst für alle“ aufgegeben?
Ich habe mindestens zwei Ausdrücke einem Kunstprofessor geklaut, der an derselben Akademie lehrt, wo ich Filmprofessor bin: Ich fand das lustig, diese Sprache, unter deren Oberfläche nichts ist. Wenn man in Museen für moderne Kunst geht, kommt man sich vor wie vor einer Briefmarkensammlung: Es gibt die wertvollsten Marken von einer bestimmten Gruppe von Künstlern. Was Duchamp seinerzeit erreichte, als er ein Pissoir als Kunst ausstellte, passiert nicht mehr. Niemand stellt Kunst infrage, die Außenwelt erreicht das Museum nicht mehr.

Kann die Kinokultur nicht neidisch werden, wie reich die Museen sind? Es gibt kaum noch Bücher über Filmemacher, aber über jeden Künstler, der ausstellt, dicke Kataloge.
Das stimmt. Ich fange gerade erst an, den Kunstkontext für mich auszuprobieren. Als ich die Installation „The Square“ in einem kleinen Museum ausstellte, hielt das kaum jemand für Kunst. Ich wollte so etwas wie einen Zebrastreifen machen, ein paar Linien auf dem Boden, die für humanitäre Werte stehen. Ich halte die Verkehrsregeln für eine hohe Kulturleistung. Es hat nichts mit Religion oder Politik zu tun und wird doch akzeptiert.

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