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„The Salesman“ Die Not eines Handlungsreisenden

Mit seinem Oscar-Anwärter „The Salesman“ führt Asghar Farhadi in eine iranische Gesellschaft zwischen tradierten und modernen Werten.

Unter Verdacht: Taraneh Alidoosti als Rana, der ihr Mann (Shahab Hosseini) zu misstrauen beginnt. Foto: PROKINO Filmverleih GmbH

Wenn iranische Filme für hohe Preise nominiert sind, und das sind sie oft, fehlen häufig ihre Macher bei den Galas. Doch wenn Asghar Farhadi bei der kommenden Oscarverleihung am 26. Februar abwesend sein wird, trifft das Regime in Teheran ausnahmsweise keine Schuld. Der Berlinale- und Oscar-Gewinner für „Nader und Semin“ (2011) sagte am Montag aus Protest gegen Donald Trumps Einreisebeschränkungen die Reise ab, die er gemeinsam mit seinem Kameramann Hossein Jafarian geplant hatte – selbst wenn man für ihn vielleicht eine Ausnahme machen sollte.

„In meinem Land sind die Hardliner nicht anders“, sagte er in einem Statement, das die „New York Times“ veröffentlichte. „Eine Nation zu erniedrigen unter dem Vorwand, damit die Sicherheit einer anderen zu schützen, das ist nichts Neues in der Geschichte, und es legte immer den Grundstein für künftige Teilungen und Feindschaften.“ Er selbst sei freilich stets der Überzeugung gewesen, dass die Gemeinsamkeiten unter Menschen diese Unterschiede überwögen, auch die ihrer religiösen Glaubensrichtungen und Kulturen.

Wie zum Beweis schlägt sein neuer Film „The Salesman“ eine poetische Brücke zwischen der amerikanischen und der iranischen Kultur. Die erste Szene wird von lateinischen Neonbuchstaben beleuchtet: „Hotel“, „Casino“, Bowling“. Es ist eine Bühnenkulisse. Das Darstellerpaar aus Farhadis „Alles über Elly“, Taraneh Alidoosti und Shahab Hosseini, begegnet uns im Ensemble eines Off-Theaters wieder. Das Stück, das Rana und Emad spielen, scheint nebensächlich – und inspirierte doch augenscheinlich sogar Farhadis Filmtitel: Es ist Arthur Millers klassische Kritik am amerikanischen Traum, „Der Tod eines Handlungsreisenden“.

Das wirkliche Leben des Paares scheint weit entfernt von den existenziellen Sorgen ihrer Bühnenfiguren, des arbeitslosen Vertreters, der seinen Selbstmord plant, und seiner Ehefrau, die dieser mit der Prämie der Lebensversicherung versorgen möchte. Emad ist hauptberuflich ein erfolgreicher Lehrer, der seine Schüler zu lebhaften Debatten animiert. Selbst als er einmal bei der Arbeit einschläft und die Klasse das mit Handyfotos dokumentiert, würde ihm wohl niemand damit schaden wollen. Unruhe kommt erst durch ein Ereignis höherer Gewalt in sein Leben.

Ein Gebäudeschaden zwingt das Paar zum Umzug. Ob den bedrohlich und unvermittelt erscheinenden Rissen in den Wänden zusätzlich noch eine symbolische Lesart zukommt? Immerhin haben wir es mit einem Filmemacher zu tun, der seinen Ruhm der analytischen Zeichnung von Beziehungskrisen verdankt. Doch Asghar Farhadi ist ein Meister im Spiel mit der Erwartung. Was noch über dieses Paar hereinbricht, kommt scheinbar so unverschuldet daher wie der plötzliche Riss an der Schlafzimmerwand.

Man kommt in einer anderen Wohnung unter, auf der freilich der schlechte Ruf einer im Film nur durch Hörensagen präsenten Vormieterin lastet. Offensichtlich hat diese dort als Prostituierte gearbeitet. Durch ein Versehen lässt Rana, die ihren Mann erwartet, die Wohnungstür offen. Herein platzt ein älterer Mann, der sie in der Dusche überrascht. Da dieses Ereignis nicht gezeigt wird, bleibt ihre Darstellung unwiderlegt, als sie, verletzt und verstört, ihren Mann empfängt: Eine Vergewaltigung habe nicht stattgefunden. Die Polizei will sie nicht einschalten, auch kein Krankenhaus aufsuchen, und man muss die Islamische Republik noch nicht betreten haben, um zu verstehen: Verdächtig ist erst einmal die Frau.

Formale Reprise des Theaterstücks

Dass dieser Verdacht selbst in den Augen ihres modern eingestellten Mannes sein Unwesen treibt, setzt das eigentliche Drama in Gang. Und zugleich ein Motiv, das wir aus dem Film Noir kennen, jenen oft von Untreue und Eifersucht befeuerten Thrillern einer vergangenen, sexuell noch unbefreiten Gesellschaft.

Der Ehemann wird also zum Hobbydetektiv. Schließlich stellt er den Mann, doch der Wahrheitsfindung steht ein Gefühl der eigenen Entehrung entgegen, das sonst aus seinem Weltbild verschwunden schien.

Der letzte Akt des Films wird formal zu einer Reprise des Theaterstücks: Drei Figuren gehört da die Bühne, dem Paar und dem in die Wohnung gelockten älteren Mann. Dass diese tragische Figur ihren Lebensunterhalt mühsam als mobiler Verkäufer verdient, hätte kaum gesagt werden müssen, um die Klammer zurück zu Arthur Miller zu schließen.

Shahab Hosseini erhielt für seine makellose Interpretation der Hauptrolle nach der Uraufführung in Cannes den Darstellerpreis; Farhadi wurde für ein Drehbuch geehrt, das in seinem Spiel mit der Auslassung an Michael Hanekes Filme wie „Versteckt“ und „Das weiße Band“ erinnert. Es ist ein höchst effektvolles Spiel, und doch drängt es nach Auflösung wie eine Übung in Malen nach Zahlen. Und anders als Haneke lässt Farhadi am Ende nicht gerne viel im Dunkeln.

So fasziniert man diesen Film über weite Strecken durchaus verfolgt, so verliert er doch mit jedem Rätselkästchen, das er ausfüllt. Und wer den Rückfall des westlich sozialisierten Mannes in ein überwunden geglaubtes System – aus Scham und einer notfalls mit Gewalt wiederherzustellenden Ehre – als Kritik an einer restriktiven, islamisch geprägten Gesellschaft liest, greift möglicherweise zu kurz. Asghar Farhadis Kunst steht naturgemäß im Dialog mit der Zensur, anders kann man im Iran nicht produzieren.

Auch einer gemäßigt-konservativen Lesart mag er standhalten in seiner Ambivalenz – als Beispiel für die vermeintliche Natürlichkeit eines auch durch einen westlich orientierten Lebensstil nicht zu überdeckenden, patriarchalisch geprägten Ehrgefühls. Hoffentlich liegt für Asghar Farhadi nicht in diesen archaischen Werten jenes Allgemeinmenschliche, das er in seiner Erklärung zur abgesagten Oscar-Reise beschwört. Eines ist jedenfalls sicher: Wohl noch vor Maren Ades „Toni Erdmann“ geht „The Salesman“ als Favorit in das Oscarrennen dieses Februars. Als Beispiel eines nicht so sehr poetischen, wohl aber imponierend gut gemachten Gesellschaftsdramas.

The Salesman. Iran 2016. Regie: Asghar Farhadi. 125 Min.

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