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„The Queen of Katwe“ Schach und Hirsebrei

Mit Leidenschaft appelliert die Aufstiegsgeschichte „The Queen of Katwe“ für die Überwindung von Klassenschranken und Rollenmustern. Bedauerlich, dass man so wenig Spezifisches über das Milieu erfährt.

„Queen of Katwe“
Madina Nalwanga in „Queen of Katwe“. Foto: Walt Disney Germany

Auf die müßige Frage, ob Schach nur ein Spiel oder auch ein Sport sei, fand der  deutsche Innenminister Thomas de Maizière 2014 eine klare Antwort – er strich dem Schachbund kurzerhand mangels „eigenmotorischer Aktivität“ die Spitzensportförderung. Schachfilme, von denen es nach „Bauernopfer“ und „Das Talent des Genesis Potini“ nun schon den dritten binnen zwölf Monaten zu bestaunen gibt, sehen das in aller Regel anders: Schon der Form nach sind sie meistens klassische Sportfilme – zu wirkungssicher sind die Muster dieses Genre, um sich ihrer nicht zu bedienen.

Handelte Mira Nairs „The Queen of Katwe“ nicht von einem Mädchen aus Uganda, diese mitreißende Aufstiegsgeschichte, die in einem der ärmsten Dörfer der Welt beginnt und zu internationalen Wettkämpfen führt, ließe sich zum Beispiel auch als Boxerfilm erzählen. Und wie gerne man immer wieder einen guten Boxerfilm sieht, beweist ja erst in dieser Woche der Hollywoodfilm „Bleed for This“, der ebenfalls auf einer wahren Biografie beruht.

Man sieht nicht oft ein Biopic über eine Berühmtheit, die erst zwanzig Jahre vor Drehbeginn geboren wurde. Als Neunjährige traf die Halbwaise Phiona Mutesi, die aus Armut keine Schulbildung genoss, auf den Missionar und Schachlehrer Robert Katende. Für eine Schachlektion bot er ihr eine Schale Hirsebrei, den sie sich fortan täglich abholte. Schnell erkannte Katende des besondere Talent des Mädchens. Nur zwei Jahre später gewann sie die        Juniormeisterschaft ihres Landes, das sie später auch bei der Schach-Olympiade vertrat.

So bezwingend ist diese Erfolgsgeschichte, die Mira Nair in warm-leuchtende Farben kleidet, dass man gespannt ist, welche Hindernisse noch für Spannung sorgen könnten. Nair entscheidet sich für die Selbstzweifel des Mädchens (Madina Nalwanga), was eine interessante, allgemeingültige Perspektive eröffnet: In der Furcht des Kindes vor dem Gesichtsverlust einer Niederlage kann sich nicht nur jeder wiedererkennen, der zum Beispiel ein Musikinstrument erlernt; hier spiegelt sich auch Klassendenken. Wenn die von Lupita Nyong’o gespielte Mutter fürchtet, einen lediglich vorübergehenden sozialen Aufstieg könnte das Mädchen kaum verkraften, nährt sie dessen Angst erst recht mit ihrer Fürsorge. Auch wenn soziale oder politische Kontexte in Nairs Film praktisch keine Rolle spielen, appelliert die Regisseurin hier mit Leidenschaft für die Überwindung von Klassenschranken und Rollenmustern.

Verständlich, dass ein solcher, auf Massenwirkung bedachter Appell denkbar allgemein vorgebracht werden möchte. Dennoch ist es bedauerlich, dass man so wenig Spezifisches über das Milieu oder den Spielort in Uganda erfährt. Nair vermittelt nicht mehr als eine unbestimmte Kino-Idee von „Irgendwo in Afrika“. Die weichen Kamerabilder und ein bruchlos zusammengemischter Pop-Soundtrack lassen selbst in dramatischen Momenten nichts Verstörendes aufkommen. Doch das ist in einem warmherzigen Teenagerfilm ja vielleicht auch nicht immer nötig.

Eines allerdings hätte man sich dann doch gewünscht in einem Film, der sich so eng an den Genre-Formeln orientiert: Was haben wir uns nicht schon im Kino für die seltensten Sportarten begeistern lassen, deren Regeln wir nicht kannten; bis hin zu Clint Eastwoods mitreißender Rugby-Lektion im Südafrika-Film „Invictus“.

Doch aus den dramatischen Wendungen der Partien macht die Regisseurin rein gar nichts. Eine Missionarin im Spiel der Könige wie der von David Oyelowo gespielte Held ihrer Geschichte ist sie jedenfalls nicht.

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