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„The Happy Prince“ Wer öfter lebt, stirbt viele Tode

Rupert Everett huldigt in seinem Regiedebüt „The Happy Prince“ dem Dichter Oscar Wilde.

„The Happy Prince“
Rupert Everett als Oscar Wilde. Foto: dpa

Ich glaube, in meinem Leben war ich nie glücklicher als in diesem Augenblick, in diesem Zimmer, bei diesem Licht“, sagt Oscar Wilde – sichtlich an einem Tiefpunkt seines Lebens. Nach verbüßter Zuchthausstrafe haust er in einer schäbigen Pariser Absteige, doch dem Ästheten ist der Sinn für das Schöne nicht abhanden kommen. 

„Was für ein Licht?“, fragt der bezahlte Liebhaber zurück, den er sich eingeladen hat und der gerade Wildes spärliche Drogenreste durch zwei teilt. Tatsächlich fängt die Kamera ein kaum sichtbares Funkeln an der Zimmerdecke ein. „Es formt dich in Marmor“, schwärmt der Dichter. 
Er ist der „glückliche Prinz“ in all seinem Elend. Rupert Everett spielt ihn höchstselbst in seinem Regiedebüt, das er sich auf den Leib geschrieben hat. Es ist die Art von Film, die man macht, weil man es sich ein Leben lang gewünscht hat. Everett setzt alles daran, die tragische Spätphase im Leben des Autors in ein anderes, würdevolleres Licht zu rücken, als man sie gemeinhin beschreibt. Auch wenn dieses Licht vielleicht nicht für jeden funkelt. 

Es ist schwer, für eine solche Szene die richtige Balance zwischen Realismus und Überhöhung zu finden. Im Stummfilm der zwanziger Jahre gab es viele Meister darin, und noch in den vierziger Jahren schwärmte man in Frankreich vom „poetischen Realismus“, bis eine Neue Welle seine Künstlichkeit wegspülte. Später gelang es nur noch wenigen, gerade in der Darstellung des Elends nicht in die Fallen von Kitsch zu tappen, die ein solches Thema anzieht wie die Motten das Licht.

Der junge Liebhaber, dessen kleinem Bruder Wilde in Fortsetzungen das Märchen vom „glücklichen Prinzen“ erzählt, ist Everetts Erfindung. Rundherum, wie die Fetzen halb abgerissener Plakate, scheinen Wildes verbürgte Lebensstationen in Rückblenden auf, wobei die Liebesgeschichte zu Lord Alfred „Bosie“ Douglas (Colin Morgan) die zentrale Richtung weist.

Dessen Vater hatte Wilde wegen schwerer Unzucht angezeigt, nachdem dieser eine Verleumdungsklage gegen ihn verloren hatte. Der Prozess und die folgende zweijährige Zuchthausstrafe waren Gegenstand anderer Wilde-Biopics, doch vor den letzten Jahren des Dichters in Elend und Erniedrigung scheuten sie meist zurück. Unfähig, sich ein Leben ohne Liebe vorzustellen, hält Wilde die fatale Beziehung zu Bosie aufrecht, um sich bei einem Treffen in Neapel in Würde von ihm zu verabschieden. Everett inszeniert diese Zeit wie einen schwelgerischen Totentanz, elegisch und doch überraschend leicht.

Wildes einziges in dieser späten Lebensphase veröffentlichtes Werk, „Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading“, dient Everetts Drehbuch als Kompass im Nachspüren der vermuteten inneren Befindlichkeit. In diesem letzten Gedicht nimmt Wilde die Hinrichtung eines Mörders aus Eifersucht zum Anlass, über die zerstörerische Kraft der Liebe zu reflektieren, ohne die ein Leben gleichwohl nicht vorstellbar scheint. Und wer wie der Familienvater ein Doppelleben führt, stirbt gleich mehrere Tode: „For he who lives more lives than one/ More deaths than one must die.“

Wie alle Filmbiographien über Wilde versagt sich auch Everett nicht der Versuchung, Wildes Werk als Steinbuch für Bonmots zu nutzen. Aber was würde man ihm sonst in den Mund legen, um seine von Zeitgenossen bewunderte Redekunst zu treffen? Die Gleichzeitigkeit von Humor und Pathos entspricht dabei der Balance zwischen Realismus und Verklärung in der Bildgestaltung. 

Es ist gut möglich, dass dieses Debüt mit 58 Jahren Everetts einzige Regiearbeit bleiben wird. Das verbände ihn mit anderen Schauspieler-Regisseuren, die ihr visuelles Talent nur einmal unter Beweis stellten, Peter Lorre („Der Verlorene“), Charles Laughton („Die Nacht des Jägers“) oder Klaus Kinski („Paganini“). Es ist ein Liebesdienst an einem unbeirrbar Liebenden.

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