Lade Inhalte...

„The Founder“ Goldene Bögen

John Lee Hancock führt in seinem bittersüßen Wirtschaftskrimi „The Founder“ dem Gründungsmythos von McDonald’s auf den Zahn. Die Storyist durchaus ein Cinderella-Märchen - nur dass am Ende die böse Stiefmutter gewinnt.

„The Founder“
Michael Keaton (M.) als Ray Kroc in dem Film „The Founder“, der am 20.04.2017 in die Kinos kommt. Foto: epd

Gegner und Freunde von McDonald’s teilen im Allgemeinen die Ansicht, es sei ganz egal, welches der etwa 36 000 Restaurants der Kette man ansteuere, es erwarte einen stets das Gleiche.

Fast-Food-Flaneure sind da möglicherweise anderer Ansicht. In Frankreich zum Beispiel wird das Kindermenü grundsätzlich mit frischem Obst oder einem Joghurt serviert, abgesehen davon, dass der jeweilige Grad an Freundlichkeit von Personal und Räumen erheblich zum Geschmacksempfinden beiträgt. Und doch: Nichts ist für den Erfolg der Marke so entscheidend wie das Versprechen von Einheitlichkeit und Verlässlichkeit. Man ahnte stets, dass solche Standards bei einem Franchise-Unternehmen nur mit engmaschiger Kontrolle durchzusetzen sind. Jeder, der schon einmal zehn Minuten auf einen Veggieburger wartete, den ein Lizenznehmer nur widerwillig im Programm führt, kennt das Problem. Ganz zu schweigen vom sattsam bekannten, lauwarmen Gummi-Burger mit dem Geschmack von nassem Hund. Wenn es etwas gibt, das alle McDonald’s-Läden auf der Welt wirklich eint, sind es wohl die imposanten Kalorienzahlen auf den Pappschachteln.

John Lee Hancocks Film „The Founder“ führt diese Ideale patentierten Genusses zurück in die Zeit, aus der sie kamen. In ein prosperierendes Nachkriegs-Amerika, in dem Glück und Konsum untrennbar schienen. Und sich der hohe Wert der Freiheit ironischerweise daran ablesen lassen sollte, dass alle das Gleiche mögen.

Wer schon die Serie „Mad Men“ für ihre Ausstattung liebte, darf sich auf eine schwelgerische Reise in Mid-Century-Designwelten freuen. Im Jahre 1954 betritt ein staunender Handelsvertreter aus Missouri die schickste Burger-Bude seiner Zeit. Die weite Fahrt ins kalifornische San Bernardino führt ihn zu einer Oase, die für zehn Cent das reine Glück verkauft.

Michael Keaton spielt diesen Verkäufer von Milkshake-Maschinen namens Ray Kroc mit der schmierigen Zuvorkommenheit eines Gebrauchtwagenhändlers. Doch wenn er staunt, wirkt er so ehrlich wie ein kleines Kind. Die gleich achtfache Bestellung seines sonst schwer verkäuflichen Produkts hat ihn neugierig gemacht. Tatsächlich fügt es sich im Etablissement der Brüder Richard und Maurice McDonald ein in eine gut geölte Food-Maschine. Nur Sekunden trennen die Lieferung von der Bestellung. Selbst im Schlaraffenland könnten die gebratenen Tauben nicht schneller in die Münder fliegen.

Alles setzt Ray Kroc nun daran, sich dieses Erfolgsrezept unter den Nagel zu reißen, um erst das ganze Land und dann die Welt damit zu beglücken. Der Widerstand der rührend-korrekten Brüder scheint unüberwindlich. Geld interessiert sie weit weniger als der Schutz ihrer Qualitätsstandards.

Dabei scheint alles an ihrer komplett erdachten Vision nur darauf angelegt zu sein, kopiert zu werden. Erst im Jahr zuvor hatte ein erster Lizenznehmer die perfekte architektonische Verpackung für ihre industrialisierte Bratkunst entworfen: Sein Restaurant in Phoenix zierten jene „Golden Arches“, welche die Burgerbude zu einer weithin sichtbaren Konsum-Tankstelle erhoben. Wenn es nur sein Bewusstsein für den Denkmalwert von 50er-Jahre-Industriedesign wäre, der Besuch von John Lee Hancocks (Gast-)Wirtschaftskrimi hätte sich schon gelohnt.

Ebenso fasziniert ist man freilich von dem Urheberrechts-Thriller, der sich nun entspinnt: Lange war das Gaunerstück bekannt, das der Gründung des heutigen Milliardenkonzerns vorausging. Und doch staunt man, wie kritisch seine Nachzeichnung in einem Hollywoodfilm möglich ist. Tatsächlich erkennt Ray Kroc früh, dass sich die meisten Ideen mit geringen Abwandlungen sofort stehlen lassen. Doch damit ist er nicht zufrieden. Erst der Name „McDonald’s“ macht den Coup für ihn perfekt. Das ganze weiße Amerika steckt für ihn in diesen drei einprägsamen Silben.

So ruht er nicht, die gebrochenen Brüder schließlich für einen Millionenbetrag um ihre Namen gebracht zu haben. Ihren Ur-McDonald’s dürfen sie zwar weiter betreiben – aber erst, wenn sie ihren Schriftzug vom Dach entfernen. Wie stets, wenn Gründungsmythen von Weltkonzernen beschworen werden, geht es um die kleinen, bestechend einfachen Dinge: Die Maus, die Walt Disney an seinem ersten Schreibtisch fütterte, die Wahl der Farbe Schwarz des Ford-Modells „T“ oder das simple Uni-Adressbuch mit Namen Facebook. Jeder weiß, dass in Wirklichkeit alles etwas komplizierter ist. Doch diese Verkürzung wirkt im Kino so bestechend wie Zauberei.

Doch hier geht es zur Abwechslung einmal nicht um den gerechten Lohn eines genialen Erfinders, sondern um die Realität eines Kapitalismus, der sich schon im Jahre 1954 wenig kümmerte um das Märchen vom Amerikanischen Traum. Laura Dern, eine Lieblingsschauspielerin von David Lynch, personifiziert in einer schönen Nebenrolle die verkaufte Unschuld. Als Krocs Ehefrau ist sie das Idealbild der fürsorglichen, selbstlosen Ehefrau der 50er Jahre, die ihrem Mann den Rücken freihält – nur um eisig abserviert zu werden, als der Erfolg sich einstellt. Die McDonald’s-Story, die „The Founder“ erzählt, ist durchaus ein Cinderella-Märchen. Nur dass am Ende die böse Stiefmutter gewinnt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum