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„The Florida Project“ Rosa Zinnen aus Beton

Sean Bakers betörender Independent-Film „The Florida Project“ wirft einen Kinderblick auf die amerikanische Unterschicht.

The Florida Project
Sie wird ihn finden, den magischen Ort: Die kleine Moonee, Brooklynn Prince. Foto: Prokino Filmverleih

Die Geschichte des modernen Films ist auch eine Geschichte der Kinder. François Truffauts erster Spielfilm war das Jugenddrama „Sie küssten und sie schlugen ihn“, das seinerseits von einem amerikanischen Independent-Film über einen kleinen Jungen inspiriert worden war, „Little Fugitive“ („Der kleine Ausreißer“). Bis heute hat Morris Engels No-Budget-Film aus dem Jahr 1953 nicht aufgehört, Filmemacher jenseits des kommerziellen Betriebs zu inspirieren. Lange blieb der Avantgarde-Spielfilm über das einsame Abenteuer eines kleinen Jungen in Coney Island ein Geheimtipp. Seit einigen Jahren aber feiert der stilbildende Film ein Comeback in den Kunstkinos von Paris, auf Festivals und, restauriert, auf DVD. 

Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand aus dem unabhängigen Geist, der sozialen Anteilnahme und dem bestechenden Blick auf die Kindheit von „Little Fugitive“ einen Film für heute machen würde, und es ist kein Wunder, dass ausgerechnet Sean Baker darauf gekommen ist. So wie der Sozialfotograf Morris Engel mit einer kleinen, umgebauten 35mm-Stummfilmkamera unbemerkt in New York filmen konnte, hatte Baker seinen letzten Film „Tangerine, L. A.“, denkbar spontan mit drei iPhones fotografiert. „The Florida Project“ entstand auf klassischem Zelluloidfilm, atmet die gleiche Freiheit, wirkt aber noch einfacher, klarer und schöner. 

Sein Schauplatz ist nicht Coney Island, sondern das Umland von Disney World in Florida. Hier, in einem billigen Motel, erinnern nur der Name „Magic Castle“ und die parfümierten Farben an die geographische Nähe zu Disney. Für das Mädchen Moonee, gespielt von der sechsjährigen Brooklynn Prince, ist es trotzdem ein magischer Ort. Mit ihren Spielkameraden rast sie über die Balkons und spielt einfache Streiche wie zum Beispiel: Wer kann am besten auf ein parkendes Auto spucken? 

Weite Teile dieses Films sind aus der Perspektive der Kinder erzählt, was auch Szenen einschließt, die wir besser verstehen können als die kleinen Protagonisten. Etwa die Versuche ihrer jungen Mutter, sich mit Gelegenheitsprostitution etwas dazuzuverdienen. Es ist ein Milieu verdeckter Obdachlosigkeit, das Sean Baker ausgerechnet in der unmittelbaren Nachbarschaft des teuren Freizeitparks in eigenen Recherchen aufgespürt hat. Dennoch unterscheidet es sich deutlich vom „white trash“-Ambiente anderer amerikanischer Sozialdramen. Nicht, dass es an der Armut dieser Kinder etwas zu beschönigen gibt, aber sie sind umgeben von Liebe und sozialer Kontrolle. Aber das war ja auch schon der kleine Held von Chaplins „The Kid“ oder „Pippi Langstrumpf“ – und trotzdem standen die Frauen von der Fürsorge drohend in der Tür.

Vor einigen Jahren wurde bereits ein ganzer Spielfilm namens „Escape from Tomorrow“ heimlich in Disney World gedreht. Froh war man im Mäusereich nicht darüber, doch rechtlich konnte man wenig dagegen ausrichten. Doch wie viel subtiler arbeitet sich Sean Baker an der Omnipotenz der Traumfabrik ab. „Disneyfizierung“ ist ein allzu simples Wort dafür, wie weit sich die Glücksversprechen der Unterhaltungsindustrie im Alltag dieser Unterschichts-Kinder eingenistet haben. 

Abenteuer wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn

Doch auf den zweiten Blick sind sie absolut autonom. Statt vor dem Disney Channel zu hängen, erleben sie Abenteuer wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Weit kommen sie selten mit ihren Streichen, und das Putzen des vollgespuckten Autos machen sie auch wieder zu einem Spiel und hebeln dadurch jeden Straf-Charakter aus. Ihre größten Erfolge feiern die kleinen Trickser, wenn sie Touristen dazu bringen, ihnen ein Eis zu spendieren.

Der einzige Angestellte der gewaltigen Hotelanlage ist der Concierge und Hausmeister, gespielt vom einzigen bekannten Schauspieler in diesem Film: Willem Dafoe trug diese wunderbare Darstellung eines heimlichen Schutzengels eine Oscar-Nominierung ein. In einer gerechten Welt hätten wir nach der Verleihung am vorletzten Wochenende über kaum etwas anderes geredet als über diesen Film – doch weitere Nominierungen gab es leider nicht für ihn. Wirklich unabhängige Filme können noch so viel Anerkennung finden, Hollywood hält sie dennoch am Katzentisch.

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