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„The Broken Circle“ Vielleicht fehlt der liebe Gott

Kann ein Film so traurig sein wie ein Song von Townes Van Zandt? Aber ja: „The Broken Circle“ ist ein schmerzvoller Film, dem dennoch etwas fehlt.

Früher waren sie einmal glücklich: Elise (Veerle Baetens) und Didier (Johan Heldenbergh). Foto: pandora

Kann ein Film so traurig sein wie ein Song von Townes Van Zandt? Aber ja: „The Broken Circle“ ist ein schmerzvoller Film, dem dennoch etwas fehlt.

Der große amerikanische Songpoet Townes Van Zandt erzählte gern, dass er sein Lied „If I Needed You“ im Schlaf geschrieben habe. Nach einem Traum, in dem er es gesungen habe, sei er aufgewacht. Es muss ein trauriger Traum gewesen sein, denn Trost verheißt der Refrain des Songs höchstens im Konjunktiv: „Wenn ich dich brauchte, kämest du, um meine Schmerzen zu lindern?“ Es ist ein Kunststück, einen traurigen Film um ein Lied von Townes Van Zandt herum zu komponieren. Wer den schwer alkoholkranken Sänger 1996 bei seiner letzten Tour durch das überschaubare Biotop deutscher Neo-Folk-Kaschemmen erlebt hat, musste schmerzlich erleben, dass sich mit bloßer Anwesenheit gegen das Leiden dieses Mannes nicht viel ausrichten ließ.

Auch das junge Sänger-Ehepaar, von dem der Belgier Felix Van Groeningen in seinem Film „The Broken Circle“ erzählt, kann die Schmerzen des jeweils anderen nicht mehr lindern. Wenn das Paar mit seiner – übrigens wirklich hinreißenden – Bluegrass-Band „If I Needed You“ singt, steht es nur noch auf der Bühne Seite an Seite. Die gemeinsame, etwa sechsjährige Tochter ist an Krebs gestorben, und jeder sucht die Schuld für den Schicksalsschlag beim anderen. Hatte der Vater das Kind nicht ursprünglich gar nicht haben wollen? Und hatte die unwissend Schwangere nicht noch montatelang geraucht und getrunken? Und hatte er nicht all die vielen Krebstoten in der Familie?

Hyperrealistische Farce

Schließlich, der Song ist gerade erst verklungen, gibt der trauernde Didier (Johan Heldenbergh) gegenüber seinem Publikum sogar noch einem Gott die Schuld, an den er nicht glaubt: Frömmelnde amerikanische Republikaner hätten ja den Fortschritt in der Stammzellenforschung aufgehalten! So lässt er seine Frau Elise allein mit ihrem Schmerz. In der Religion findet auch sie keinen Trost, obwohl ihr ganzes Familienerbe in einem Silberkreuz besteht, das sie wie ihren Augapfel hütet.

Etwas fehlt in diesem Film, obwohl die hochemotionalen und eindringlich gespielten Lebensfragmente so wunderbar mit den Songklassikern harmonieren – vielleicht ist es sogar der liebe Gott, der fehlt. Denn man muss zwar vielleicht nicht gläubig sein, um wie die Band im Film eine wunderbare Version des Spirituals „Over In The Glory Land“ hinzulegen. Aber würde man als militanter Atheist diesen Song darbieten? Didier wird charakterisiert als ein Mann, der ganz für den Bluegrass lebt. Sein Idol ist der Vater dieser Musik, Bill Monroe, der drei Minuten lang immer und immer die eine Textzeile singen konnte: „Get down on my knees and pray“. Gottesverächter hören so etwas eher ungern. Warum verortet Van Groeningen diese Geschichte ausgerechnet in diesem Milieu? Immerhin geht es um einen Mann, der prosaisch genug ist, seiner über den Tod eines Vogels verzweifelten, krebskranken Tochter zu raten, diesen nur schnell in die Mülltonne zu werfen. Wer in Belgien amerikanische Weisen akzentfrei und bis zur Konzertreife einstudiert, dürfte auch mit den Inhalten dieser Kultur bestens vertraut sein.

Da hatte die todesverachtende Säuferclique im Debütfilm des 1977 geborenen Regie-Wunderkinds Van Groeningen schon ein leidenschaftlicheres Verhältnis zu ihrem Musikidol: In „Die Beschissenheit der Dinge“ gaben Roy Orbisons Rock’n’Roll-Arien ihrem schmucklosen Dasein erst das nötige Pathos. Doch die Songs waren in dieser hyperrealistischen Farce weniger prominent platziert. Der neue Film, dessen Originaltitel „The Broken Circle Breakdown“ wie eine doppelte Negierung eines der Lieblingsalben jedes Country-Fans („Will The Circle Be Unbroken“ von der Nitty Gritty Dirt Band) klingt, rückt sie ganz in den Vordergrund. Und stellt das Musikpublikum vor das Rätsel, warum diese Songs von Menschen gespielt werden, die vor der Philosophie der Lieder stehen wie die Ochsen vorm Berge?

Nicht die einzige Sterbeszene

Tatsächlich wirken die wunderschönen Songs wie der emotionalisierende Kitt zu den ohnehin höchst gefühlsbeladenen Szenen, die in unchronologischer Reihung die Geschichte des Paars erzählen. Der Tod der kleinen Tochter wird in diesem Melodram nicht die einzige Sterbeszene bleiben. Stets spielt dazu eine Kapelle, aber nie gelingt Van Groeningen das, was seinen Erstlingsfilm so herausragend machte: ein bis in die kleinste Nebenfigur stimmiges Ensemblespiel. Das Paar wirkt vollkommen isoliert. Schließlich kommt einem sogar ein mögliches Vorbild für die musikalischen Intermezzi in den Sinn: die eingeschobenen Pop-Klassiker in Lars von Triers „Breaking the Waves“. Da wirkten die Balladen freilich wie ein erhellendes Kontrastmittel, das seine Wirkung gerade deshalb entfaltete, weil es einer gänzlich anderen Gefühlsküche entnommen war.

Vielleicht stand am Anfang ja wirklich die Frage: Wie könnte ein Film aussehen, der so herzergreifend wäre wie ein Song des unübertrefflichen Melancholikers Townes Van Sant? Dass das kaum möglich ist, kann man schon von den Coen-Brüdern lernen, die sich nicht erst in „O Brother Where Art Though“ als die besseren Kenner amerikanischer Roots-Musik erwiesen. Auf der Tonspur ihrer Komödie „The Big Lebowski“ lassen sie während einer Bestattungsszene Townes Van Zandts herzzerreißenden Song „Dead Flowers“ von den Rolling Stones intonieren. Alle Zeichen stehen auf Pathos, als sich das Blatt plötzlich wendet – und der Wind den Trauergästen die Asche des Toten in die Gesichter pustet. Aber Van Groeningen leistet sich diesmal leider kein Augenzwinkern.

The Broken Circle Belgien 2012. Regie: Felix Van Groeningen, Kamera: Ruben Impens, Darsteller: Veerle Baetens, Johan Heldenbergh u. a.; 112 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

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