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„The Beguiled“ Der unheimliche Gast

Vorentscheidung in Cannes: Sofia Coppolas Remake „The Beguiled“ macht aus einem Meisterwerk ein Meisterwerk.

Cannes
Villa des leisen Verfalls: „The Beguiled“ zitiert die Ikonographie des amerikanischen Südens. Foto: Festival de Cannes/ focus Features

Wusste Jury-Präsident Pedro Almodóvar wie Recht er hatte, als er zu Beginn des Festivals erklärte: „Die Leinwand eines Films darf nicht kleiner sein als der Stuhl, auf dem man sitzt“? Wenn man die winzigen Notsitze im überfüllten Festivalpalais wenigstens als Sitzflächen bezeichnen könnte! Selbst für das schlankere Cineasten-Gesäß sind sie eine Belastungsprobe, die ein Film erst einmal vergessen lassen muss.

Inzwischen vergeht auch kaum eine Pressekonferenz, ohne dass die anwesende Filmprominenz genötigt wird, in der „Netflix-Debatte“ Farbe zu bekennen: Darf ein Festival reine Internetproduktionen ohne Kinoauswertung zeigen?

Colin Farrell, als Hauptdarsteller von Sofia Coppolas „The Beguiled“ auf dem Podium, zitiert David Lynch, der sich in einem Youtube-Clip unmissverständlich äußerte: „Es ist so traurig, dass Sie glauben, Sie hätten auf Ihrem Scheißtelefon einen Film gesehen.“ Mit Nachdruck imitiert Farrell dann das beschwörende Schlusswort des großen Hollywood-Surrealisten: „Get real“. Sofia Coppola findet ihre Antwort schon in der Wahl des Materials: Die erlesene Fotografie ihres Südstaatendramas ist nicht zu trennen vom 35mm-Filmmaterial, dem sie wie einige Kollegen im Wettbewerb – Noah Baumbach und die Brüder Benny und Josh Safdie – die Treue hält.

Vier Jahre Zeit gelassen

 Vier Jahre hat sich Sofia Coppola Zeit gelassen, um nach dem obskuren Nebenwerk „The Bling Ring“ zum Standard ihrer feinen Bildsprache zurück zu finden. „The Beguiled“ ist eine Neuverfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Cullinan, der Don Siegel 1971 zum Klassiker „Betrogen“ mit Clint Eastwood anregte: In der Spätphase des Bürgerkriegs findet darin ein verwundeter Nordstaatensoldat in Virginia Zuflucht in einem Mädchenpensionat. Siegels Film hatte das Zentrum seiner Spannung im unberechenbaren Gewaltpotenzial des Gastes gefunden, der vom Schützling zum Peiniger mutiert. Sofia Coppolas Perspektive ist die der sieben Frauen – zwei von Nicole Kidman und Kirsten Dunst verkörperte Erzieherinnen sowie fünf verbliebene Schülerinnen, die größte Rolle spielt dabei Elle Fanning.

In der ebenso feinfühligen wie unsentimentalen Zeichnung der Mädchen knüpft Coppola an ihr frühes Meisterwerk „The Virgin Suicides“ an. Jede einzelne Frau entwickelt eine andere Verbindung zu dem attraktiven Mann, der sofort erkennt, welche Rollen er zu spielen hat – und der sie dann in ihren Projektionen manipulativ bestärkt. Dennoch verzichtet Coppola auf jede Dämonisierung der Figur. Tatsächlich gibt eine der Frauen aus Eifersucht den Anstoß zur gewalttätigen Eskalation.

Eine würdige Palmenkandidatin

Colin Farrell hat sich von Clint Eastwoods ikonischer Darstellung vollkommen gelöst und zeigt seine ganze Bandbreite in dieser Meisterleistung. Doch bereits bevor eines der Mädchen den Verletzten im Wald aufliest, schlägt der Film in seinen Bann: Der französische Kameramann Philippe Le Sourd, bekannt für seine Zusammenarbeit mit Wong Kar-wai bei „The Grandmaster“, ist der heimliche Star des Films: Seine gebrochenen Idyllen, die verwunschenen Landschaften, seine Ansichten der klassizistischen Villa zitieren die Ikonographie des amerikanischen Südens, ohne je ins Dekorative abzugleiten. Wenn sich Colin Farrell als Gärtner unverzichtbar machen will, erschafft ihm Sofia Coppola dazu einen Märchengarten.

Nun hat Cannes, in dessen Jury in diesem Jahr auch Maren Ade sitzt, also eine würdige Palmenkandidatin. Und 24 Jahre nach Jane Campions „Das Piano“ (1993) würde dem Festival ein zweiter Gewinnerfilm von einer Frau gewiss gut stehen.

Konkurrenz allerdings gibt es, wenn auch bislang nur einen einzigen Beitrag, der ebenfalls eine Goldene Palme verdient. Der Franzose Robin Campillo ging mit seinem Aids-Drama „120 Battements par Minute“ („BPM – Beats per Minute“) als Außenseiter in den Wettbewerb. Allerdings war er als Autor und Editor an dem Gewinnerfilm von 2008, „Die Klasse“, beteiligt. Die größten Qualitäten des Schul-Dramas – mitreißende Debattenszenen in Klassenräumen – erfahren eine imponierende Steigerung in den Diskussionen einer Aktivistengruppe von HIV-Positiven und ihren Unterstützern. In den frühen 90er Jahren appellierte die Pariser Abteilung der internationalen Act-up-Bewegung mit spektakulären Aktionen an die Pharma-Industrie, neue Medikamente umgehend den Bedürftigen zugänglich zu machen.

Klug organisierte Zeit

Alles, was sonst im Kino so oft schiefgeht – die Inszenierung von spontanen Diskussionen, Aktionen im öffentlichen Raum oder Diskothekenszenen, die nicht gestellt werden – gelingt makellos. Ganz zu schweigen von der respektvollen Zeichnung von Tod und Trauer. Jede einzelne der Figuren ist ein Individuum, und auch der wenig besungenen Rolle der Aktivistinnen in dieser Bewegung wird das Panorama gerecht.

140 Minuten sind eine lange Laufzeit, doch diese Zeit ist klug organisiert zwischen diskursiven und wortlosen Passagen. Sollte es sein, dass es drei Jahrzehnte dauern muss, bis ein wirklich guter Film dieser schrecklichen Zeit ein Denkmal setzt? Mit einem Mal ist alles wieder zurück, die Trauer und die Erinnerung an ein Gefühl kollektiver Hilflosigkeit, vor der sich freilich auch die Politik nur zu gut verstecken konnte.

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