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Terry Gilliam Das Glück des Scheiterns

Nach 25 Jahren kommt „The Man Who Killed Don Quixote“ von Terry Gilliam ins Kino: Nicht vollkommen, aber ein Vergnügen.

Kinostart - "The Man Who Killed Don Quixote"
Jonathan Pryce als Don Quixote, vorne Adam Driver als Toby. Foto: Concorde Filmverleih

Im Jahre 2002 veranstaltete das Osloer Nobel-Institut eine Umfrage unter hundert namhaften Schriftstellern nach dem „besten Buch der Welt“. Offensichtlich hatten die Befragten Sinn für Humor, denn gewählt wurde eine Parodie: Miguel de Cervantes’ 1605 und 1615 veröffentlichten „Don Quixote“-Romane. Im damals populären Genre des Ritterromans gelang dem Autor nichts weniger als eine frühe Kritik des Medienkonsums. Auf ebenso virtuose wie listenreiche Art demonstrierte Cervantes, was übermäßige Lektüre von Trivialliteratur mit dem gesunden Menschenverstand anstellen kann.

Bis heute hat Cervantes’ Medienkritik viele Nachahmer gefunden, doch kaum jemandem ist es gelungen, das Abschreckende so anziehend zu machen. Am Reiz von „Don Quixote“ beißen sich Filmemacher traditionell die Zähne aus. Walt Disney versuchte sich über Jahrzehnte immer wieder an einer Verfilmung, die nie in Produktion ging. Orson Welles verwendete einen Großteil seines Privatvermögens auf das wohl schönste seiner unfertigen Projekte. Seine „Don Quixote“-Fragmente sind das heimliche Selbstporträt eines Unvollendeten.

Wenn jemand Cervantes verstehen müsste, dann wohl Terry Gilliam. Mit und ohne Monty Python schuf er Genre-Parodien, die ihre Vorbilder oft übertrafen und als eigene Kunstwerke gelten. Doch der Fluch traf auch ihn: Als sein Film im vergangenen Mai in Cannes Premiere feierte, war er nicht weniger als 25 Jahre in Produktion gewesen. Um das Publikum, das vielleicht nur ein einziges Bild des „sinnreichen Junkers von La Mancha“ vor Augen hat, nicht noch länger auf die Folter zu spannen, fängt er gleich mit der Windmühlenszene an.

Doch der fulminante Auftakt ist nur ein Film im Film, und nicht einmal ein Rest des früheren Gilliam-Drehs mit Jean Rochefort, mithin der wohl berühmtesten Leinwandruine, die uns die Popkultur des späten 20. Jahrhunderts hinterlassen hat. Adam Driver, der als gescheiterter Filmemacher Toby die eigentliche Hauptrolle spielt, beendet hier einen Werbedreh für eine Versicherung. Doch als ihm wenig später ein fliegender Händler eine Raubkopie einer vergessenen Cervantes-Verfilmung offeriert – es ist sein eigener Studentenfilm von vor zehn Jahren –, flüchtet er von seinem Set und macht sich auf in die staubigen Hügel von La Mancha. In wenigen Augenblicken ist er wieder da, wo alles anfing, wo vielleicht auch Gilliams Film begann, den wir nie gesehen haben. Dort, wo alle frühen Künstlerträume begraben sind, wo Don Quixote getötet wurde.

Gilliam hat seinen heiligen Gral gefunden

Dies ist nur die sentimentale Klammer für ein ebenso furioses wie mitunter auch hemmungslos albernes Abenteuer. In Jonathan Pryce hat Gilliam nach dem Tod von Jean Rochefort vermutlich sogar seinen besseren Quixote-Darsteller gefunden. Adam Drivers Toby entdeckt den seltsamen Alten, seinen ehemaligen Hauptdarsteller, in einer Schaubude, vielleicht geistig umnachtet, aber auf die herrlichste Weise wunderlich. Er ist der einzig wahre Don Quixote.

Gilliam hat seinen heiligen Gral gefunden. Gegenwart und mythische Vergangenheit verbinden sich ohne karnevaleske Maskerade, leichtfüßig, ein wenig angeberisch, hinreißend schamlos. Moderne Inquisitoren begegnen uns auf der Suche nach falschen Terroristen, die nur verschleierte Frauen mit Bärten sind. Don Quixote will sie befreien, aber er hat auch schon eine Schafherde für betende Gläubige gehalten. „The Man Who Killed Don Quixote“ ist ein Film, der nichts ernst nimmt und am wenigsten die lange Leidensgeschichte eines um sein Lebenswerk ringenden Regisseurs.

Noch der Premiere ging ein Rechtsstreit voraus, den sich Gilliam mit den Produzenten um sein Copyright lieferte. Vergeblich versuchte die Firma Alfama Films, die Premiere zu verhindern. Gilliam selbst drängte dagegen mit dem Film an die Öffentlichkeit. Wer ihn für gescheitert hält, und perfekt ist er auf seine verquere Art ja keineswegs, der hat den Ritter von der traurigen Gestalt verstanden: „Ich sehe im Scheitern ja nichts Negatives“, nimmt er seinen Kritikern den Wind aus den Windmühlensegeln.

The Man Who Killed Don Quixote. E/F/B/P 2018, Regie: Terry Gilliam. 133 Min.

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