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Teenie-Film Und täglich grüßt der Zickenterror

Ry Russo-Young gelingt ein etwas anderer Blick aufs Teenie-Movie.

Wenn du stribst
Teenager neigen eben oft zur Übertreibung: Halston Sage als Lindsay, Zoey Deutch als Sam. Foto: Capelight Pictures

Kein amerikanisches Filmgenre ist so krisensicher wie der Teenagerfilm, der übrigens längst nicht mehr so heißt: In den USA spricht man vom „Young Adult Movie“. Obwohl sich die Jugendkultur mit jeder Schülergeneration verändert, bleibt das Genre seinen Idealen erstaunlich treu. Seit den siebziger Jahren führen Highschoolfilme in den Mikrokosmos einer Statusgesellschaft von In- und Outsidern. Vorurteile und äußerer Anschein bestimmen ihr Wertesystem, doch wenigstens im Kino gibt es Hoffnung auf Durchlässigkeit.

Die Letzten sind spätestens zum Abschlussball sehr oft die Ersten, denn das wahre amerikanische Ideal ist nicht Konformität, sondern Individualismus. Doch obwohl ihre Geschichten so häufig denselben Mustern folgen, erweisen sich Highschool-Filme zugleich als Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen. So war etwa in John Hughes’ Klassiker „Ferris macht blau“ der von Matthew Broderick gespielte Meister-Schulschwänzer alles andere als ein Vertreter der damals oft beschriebenen Null-Bock-Generation. Seine Zeit war ihm lediglich zu schade für die Penne; gut möglich, dass sein ausgeprägter Unternehmergeist ihn bald darauf zum Dotcom-Millionär gemacht hätte.

„Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ ist der umständliche deutsche Titel eines Jugendbuchs, das die Autorin Lauren Oliver „Before I Fall“ genannt hat. Der Fall des Titels ist der Unfalltod der Protagonistin am Ende eines typischen Tages ihres Schülerinnenlebens. Diese Sam Kingston (Zoey Deutch) gilt als Schönste ihrer Schule und ist damit eine vertraute Repräsentantin der „Royalty“ aus High-School-Filmen: Hochherrschaftlich residiert sie mit ihrem weiblichen Hofstaat am Stammtisch in der Schulkantine. Selbstgefällig halten sie diejenigen auf Distanz, die in ihren Augen als Loser gelten. Das Attribut „bitch“ stellen diese stolzen Zicken selbstbewusst zur Schau.

Bevorzugtes Objekt ihrer Mobbing-Attacken ist ein weiterer vertrauter High-School-Typ: Die introvertierte, ungeschminkte, Mode-resistente Schülerin mit künstlerischem Talent, hier heißt sie Juliet (Elena Kampouris). Es ist irritierend, eine ausgemachte Zicke als Protagonistin eines High-School-Films zu sehen, und Regisseurin Ry Russo-Young spielt sehr bewusst mit dieser Irritation. Auch wenn sie uns bereits in der ersten Szene selbst erzählt, warum wir uns für sie interessieren sollen.

Seit ihrem Unfalltod ist Sam dazu verurteilt, ihren letzten Tag immer wieder zu durchleben. Ein Reglement, wie dieser Endlosschleife zu entkommen ist, wird dem Teenager nicht mitgeliefert, und den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ hat sie generationsbedingt offensichtlich auch nicht gesehen. Als Referenz an Harold Ramis’ Komödienhit von 1993 spielt auch diese Geschichte an einem kuriosen Festtag – dem Cupid Day, einer Variante des Valentinstags, bei dem man sich Blumen schenkt.

Ein weiterer Vertrauter des Teenie-Films, der einfühlsame, aber etwas unathletische Mitschüler, bekommt mit seiner Rose zwar wie erwartet die kalte Schulter gezeigt. Doch etwas in ihr berührt er doch: Mit einer Nachricht erinnert er sie an eine verschüttete gute Seite aus ihrer Kindheit. Er gibt am selben Abend eine Party, die Sams Clique dann auch tatsächlich beehrt – nur um sich dort zu benehmen wie gewohnt: Wieder einmal wird die ebenfalls anwesende Juliet beleidigt, die sich in den Wald flüchtet, wo sie offenbar Selbstmord begeht. Doch da sind die Girls schon auf der Heimfahrt und bald Opfer eines tödlichen Unfalls.

Diesen Tag immer wieder neu zu erleben, erscheint zunächst nicht nur für die Protagonistin als Strafe. Auch als Zuschauer fühlt man sich gefangen in der Endlosschleife eines formelhaften Teenie-Films, noch dazu mit einer unsympathischen Heldin. Doch indem wir mit Sam immer wieder in die gleichen Situationen blicken, wird das Archetypische plötzlich sehr speziell. Die moralische Richtung scheint dabei indes vorhersehbar, auch für die Protagonistin: Natürlich wird sie versuchen, mit jedem neuen Durchleben des Tages zu einem etwas besseren Menschen zu werden. Einmal scheint es ihr sogar zu gelingen, Juliet vom Selbstmord abzuhalten, ja sogar der Zusammenstoß mit dem Lastwagen lässt sich aufhalten. Und dann ist einen Moment später dann doch wieder „alles auf Anfang“. Und der tragische Tag beginnt von neuem. Erlösung ist nicht in Sicht. Worum geht es bei dieser Zeitreise also wirklich?

Während im Roman die Rituale des Mobbings ein zentrales Motiv sind, hat die Regisseurin zugleich die Rituale des Kinos zum Thema gemacht. Es macht Spaß, sehr genau hinzuschauen etwa auf die Schmink-Kultur der High-School-Queens. Das klassische Hollywood hätte sie wohl einfach nur gut aussehen lassen, doch Teenager neigen in diesem Alter eben oft zur Übertreibung, und das ist hier sehr subtil und fern von der Karikatur erfasst.

Ebenso entfernt sich Russo-Young von den üblichen Bonbonfarben. Sie bevorzugt bläuliche Töne; distanzierende Luftaufnahmen eröffnen eine jenseitige Perspektive auf das allzu Vertraute. Für ein scheinbar formelhaftes „Young Adult Movie“ ist das ein anspruchsvolles Konzept, das beim letzten Sundance-Festival durchaus bewundert wurde.

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