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Teddy Award Drama mit Happy End

Fast fünfzig Filme, in denen es in irgendeiner Weise um schwules, lesbisches oder transsexuelles Leben ging: Ein reiches Angebot für die Jury des Teddy Awards, der jetzt zum 26. Mal verliehen wurde. Zum besten Spielfilm kürte sie Ira Sachs' Drama „Keep the Lights On“.

18.02.2012 17:17
Sebastian Preuss
Regisseur Ira Sachs und sein Teddy Award für den besten Film - zusammen mit den Schauspielern Thure Lindhardt (l.) and Zachary Booth. Foto: Getty Images

Fast fünfzig Filme, in denen es in irgendeiner Weise um schwules, lesbisches oder transsexuelles Leben ging: Ein reiches Angebot für die Jury des Teddy Awards, der jetzt zum 26. Mal verliehen wurde. Zum besten Spielfilm kürte sie Ira Sachs' Drama „Keep the Lights On“.

Dieter Kosslick brachte es mit seiner unnachahmlichen Kalauerei mal wieder auf den Punkt: Die Macho-Männer auf dem Balkan sind so homophob, weil sie so viel Fleisch essen. Das war die Botschaft, die der Berlinale-Chef und bekennende Vegetarier zur Verleihung der Teddy Awards mitbrachte. Ihm würde es ja nie einfallen, so feixte er, diese wichtige Veranstaltung des schwulen und lesbischen Film zu schwänzen, während Klaus Wowereit (sonst Stammgast dieser Veranstaltung) es diesmal ja vorziehe, seine Zeit mit Benedikt in Rom zu verbringen.

Der Hintergrund: Der Regierende Bürgermeister begleitete am Wochenende den Berliner Erzbischof Wölki zur Erhebung in den Kardinalsstand durch den Papst. Was in der proppenvollen Haupthalle des Flughafens Tempelhof natürlich nicht so gut ankam, denn die katholische Kirche hat sich als Gralshüterin des queeren Lebens bekanntlich noch keinen Namen gemacht.

Dafür vertrat Dilek Kolat ziemlich witzig ihren schwulen Chef: „Ich bin heute Klaus“, verkündete sie und unterstrich, dass sie als Senatorin für Arbeit, Integration und Integration für den „Bereich Queer“ zuständig sei und dieser ihr sehr am Herzen liege. Toll, wie sie dabei den Anglizismus für alle Abweichler vom heterosexuellen Mainstream-Sex eindeutschte und wie „quer“ aussprach – ziemlich innovativ, die Vorzeige-Migrantin aus Klaus’ Regierungsmannschaft.

Krächzende Brüste

Kurz zuvor hatte Peaches, Berlins kanadische Electroclash-Queen, schon ihre erste exaltierte Performance hingelegt. Sie trug gefühlte zwanzig baumelnde Brüste am Oberkörper und krächzte ihre Angebetete an: „Talk to me!“ Doch die dachte gar nicht daran, mit ihr zu sprechen, sondern rannte am Ende vor der liebestollen Peaches davon, quer (oder: queer?) durch den Saal und ab ins draußen wartende Taxi.

Auch bei der Berlin-Französin Françoise Cactus, die mit ihrem köstlichem Electropop-Gekrähe die Gala eröffnete, ging es darum, wie man eine lästig gewordene Beziehung zum Teufel jagt: „Zeig mir deinen Rücken. Am schönsten bist du, wenn du gehen musst.“ Oder: „Zeig, wie du aussiehst, wenn du nicht mehr bist.“ Die Welt ist eben ruppig und grausam, darum ging es auch in fast allen der prämierten Filme. Wobei auf die eingangs erwähnte Balkan-Fleisch-Homophobie-These von Dieter Kosslick zurückzukommen wäre. Denn ihn hatte die serbische Komödie „Parada“, die ihrerseits auf herrliche Weise mit den Klischees nur so um sich wirft, zu dieser Slapstick-Schlussfolgerung inspiriert.

In „Parada“ lassen sich die ständig bedrohten und überfallenen Schwulenaktivisten ausgerechnet von einer Horde übler Machos und Kriegsveteranen gegen Geld beschützen, und so tingelt dieser bunte Haufen in einer burlesken Odyssee durch die ex-jugoslawischen Länder.

Kampf mit den Tränen

Kosslick bekannte freimütig auf der Bühne, dass er den Film beinahe mit in den Wettbewerb genommen hätte, sich aber dann doch nicht getraut habe. Srdjan Dragojevic erhielt dafür den Zuschauerpreis des Berliner Queer-Magazins Siegessäule. Er erzählte noch einmal davon, wie Neonazis und anderen Reaktionären 2001 die erste Belgrader Gay-Pride-Parade von niedergeprügelten und dass er damals schon beschloss, diesen Film zu drehen. Immer noch ist ein Großteil der serbischen Bevölkerung schwulenfeindlich, aber überraschenderweise war der Film dort trotzdem ein Erfolg und fand bislang 500 000 Besucher.

Fast fünfzig Filme, in denen es in irgendeiner Weise um schwules, lesbisches oder transsexuelles Leben ging, liefen diesmal auf der Berlinale. Ein reiches Angebot für die Jury des Teddy Award, der jetzt zum 26. Mal verliehen wurde. Zum besten Spielfilm kürte sie „Keep the Lights On“ des Amerikaners Ira Sachs: ein New Yorker Beziehungsdrama um zwei junge Männer, die einander heftig verfallen sind, aber trotzdem große Schwierigkeiten haben, miteinander zu leben. Den Teddy für die beste Dokumentation erhielten die Regisseurinnen Malika Zouhali-Worrall und Katherine Fairfax Wright für ihren berührenden, ebenso schönen wie schrecklichen Film „Call me Kuchu“ über David Katos, den ersten schwulen Aktivisten in Uganda.

Die Filmemacherin kämpften mit den Tränen, als sie von Katos’ Ermordung im Januar 2011 erzählten und davon, dass ein Priester ihn und alle Schwulen noch am offenen Grab beschimpfte. Den Kurzfilm-Teddy erhielt Claudia Llosa für „Loxoro“ über eine Transsexuelle in Peru und ihre Tochter, einen Special Jury Award gab es für Vincent Dieutres Filmessay „Jaurès“.

Montez höchst elegant

Ganz großes Kino lieferte dann die Ehrung der Drag-Legende Mario Montez, der mit Jack Smith, Andy Warhol und vielen anderen Filmern Underground-Geschichte geschrieben hat. „Du bist der Citizen Kane der Underground-Kultur“, schwärmte John Waters, der per Skype aus Baltimore zugeschaltet war. Außerdem vierdiene Mario noch einen extra Teddy dafür, dass er es schaffte, in Warhols Factory frei von Drogen zu bleiben.

Der 76-Jährige kam höchst elegant, im schwarzen schulterfreien Abendkleid und mit silberner Handtasche. Er freute sich, dass man jetzt wenigstens im Alter sein künstlerisches Werk wieder anerkenne und verlas dankbar eine Liste von Filmemachern und anderen Menschen, die auf seinem Weg wichtig waren. Die Aufzählung war endlos lang, aber wollte diesem reizenden Menschen etwas überlnehmen?

Die Regisseurin Ulrike Ottinger, die ebenfalls einen Special Teddy Award für ihre Lebensleistung bekam, erinnerte an Manfred Salzgeber, den langjährigen Panorama-Leiter der Berlinale und Mitbegründer des Teddy Award. In seinen „wunderbaren“ Nachtprogramm im Zehlendorfer Bali-Kino liefen 1975 erstmals zwei Filme von ihr, gemeinsam mit Werken von Jack Smith und Kenneth Anger. So schlug sie die Brücke zu Mario Montez und die lange, aber doch kurzweilige Zeremonie konnte im traditionellen Riesengruppenfoto enden.

Die Party-Nacht begann da erst und die Abflughalle verwandelte sich in einen dröhnenden Mega-Club. Blöd nur, dass uns die Aufpasser immer wieder vom bequemen Gepäckband vertrieben: „Die sind museal“. Für die standesgemäße Bewirtung sorgte eine temporäre Dependance von Curry 36 mit den stadtbesten Pommes und Currywürsten. So viel zu Dieter Kosslicks These über Fleisch und Homophobie.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Berlinale

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